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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Rede zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums Hochschule Zürich

gehalten in der Grossmünsterkirche

den 29. April 1858
Dr. B. Hitzig,
d, Z. Rektor.
Zürich,
Verlag von Meyer & Zeller . 1858

Hochansehnliche Versammlung!

In gehobener und zugleich ernster Stimmung trete ich an dem Tage vor Sie hin, dessen Wiederkehr die Stiftung unserer Hochschule in Erinnerung bringt und uns mahnt, auf die Geschichte der Anstalt während der ersten fünfundzwanzig Jahre ihres Bestehens zurückzublicken. Tief bewegt es mich, so Manche, welche die Einweihung mitgefeiert haben, unter ihnen ruhmwürdige Begründer des Werkes, nicht mehr unter den Lebenden zu wissen; und in das Gefühl von Befriedigung, dass es mir vergönnt ist, heute noch aufrechten Hauptes Ihnen vom ersten Tage zu erzählen, in die Freude darob, doch Einige noch zu sehen, die damals gemeinsames Ziel und Streben mit uns Andern verband, mischt sich ein Tropfen Wermuth, wenn ich des Morgenrothes gedenke, dem ein viel bewölkter Tag folgte; wenn ich der Glückwünsche mich erinnere, mit denen die Geburt der neuen Hochschule begrüsst ward, und mich besinne, wie wir im Augenblicke jetzt stehn. Die Zahl der Lernenden hat sich nicht gemehrt; in unsere Hörsääle theilt sich mit uns ein anderes Institut; auf die Aula haben wir verzichtet, und die Bücherei im Dunkel untergebracht: wir sind in ein Provisorium eingetreten. Indessen diess reicher, denn je, an Lehrkräften, ausgerüstet mit Hülfsmitteln, Sammlungen und Anstalten zum Unterricht, und — was das Wichtigste — die Hochschule eingefügt in das Staatsleben und gewurzelt im Bewusstsein des Zürcher Volkes .— Nicht alle Blüthenträume reifen; und vollkommen verwirklicht wird das Ideal niemals wenn auch manche Hoffnung scheiterte; wenn auch eine eidgenössische Universität bis jetzt nicht zu Stande gekommen ist: durch alle wechselnden Geschicke hindurch hat die kantonale Hochschule sich erhalten, und durch die Stürme, welche ihr Wachsthum hemmten, auch wiederum gekräftigt, tritt sie unter dein Schutze des Himmels heute muthig auf die Schwelle eines neuen Zeitabschnittes .

Nach Beschlusse des akademischen Senates soll die Geschichte der Hochschule während des nunmehr abgelaufenen Zeitraumes den Gegenstand der Festrede bilden. Leicht unterscheiden wir drei Perioden, eine jede scharf abgegrenzt; die beiden ersten von gleicher Grösse und zusammen kaum länger, als die dritte, aber reich an Inhalt, oft überreich .— An die Epoche der Gründung selbst schliesst sich die Zeit an des weiteren Ausbaues und des gegenseitigen sich Einlebens in neue Menschen und neue Verhältnisse.

Nachdem am Tage von Uster das Volk auch Verbesserung des Unterrichtswesens gefordert hatte, wurde in richtiger Würdigung, dass der Staatsbürger, welcher wissenschaftliche Bildung anstrebt, ebenfalls zum Volke gehöre, auch der Gedanke einer Hochschule gefasst: Man wollte, dass Wissenschaft überhaupt leichter zugänglich sei; und es sollten nicht ferner in der Fremde die Jünglinge des Kantons ihre Ausbildung suchen müssen, die dann aller Mitwirkung des Staates entzogen und dem Zufall überlassen blieb. Getrennte höhere Schulen, eine theologische, ein medizinisches Institut und ein politisches, bestanden noch; es galt sie zu vereinigen und unter Hinzufügung der philosophischen Fakultät ihnen neues Leben einzuhauchen. Ein Erziehungsrath, wie er einem grossen Lande Ehre gemacht haben würde, nahm die Organisation zur Hand; und am 28. Herbstmonat 1882 wurde vom grossen Rathe mit 148 Stimmen gegen nur neun, welchen vor den Musen und den Musensöhnen graute, das betreffende Gesetz angenommen, und eine Anstatt ins Leben gerufen wesentlich deutscher Art, zwar ohne mittelalterliche Vorrechte, aber mit Lehr- und Lernfreiheit und mit der Zusicherung *) des besondern obrigkeitlichen Schutzes. Dem Entwurfe neuer Bundesverfassung, welcher eine eidgenössische Hochschule vorsah, befliss man sich mit einer Thatsache zu entsprechen, und schrieb schon unter dem 20. Oktober die Lehrstellen aus. Es schien wohl eine Zeitlang, als würde man für die meisten Fächer nur Privatdozenten haben; aber am 5. Jennet 1838 wurden die ersten Professoren ernannt, bald waren die Stellen fast ohne Ausnahmen besetzt, und beim

Beginne des Sommersemesters konnte die Anstalt gleichzeitig mit der neu organisirten Kantonsschule eröffnet werden. Das Personal der Lehrer *) umfasste neben einigen berühmten Namen des In- und Auslandes meist jüngere Männer in den Jahren frischer Kraft; alle aber waren von dem erhebenden Gedanken durchglüht, an einem grossen und guten Werke mitzuarbeiten und man konnte später noch oft von Mitgliedern der Wahlbehörde vernehmen, wie sie glaubten, bei ihrem Wählen, welches der Natur der Sache nach häufig ein blosses Tasten war, im Ganzen sehr glücklich gefahren zu sein.

Es war ein Montag, ein kalter Regentag, als unter Glockengeläute und Kanonendonner durch Spalier des Militärs sich der offizielle Zug vom Rathhause hieher nach Grossmünster bewegte, wo Melchior Hirzel, der Prasident des Erziehungsrathes, mit einer angemessenen Rede die Feierlichkeit eröffnete, und der erste Rektor, Oken, aus den Handen des Amtsbürgermeisters Hess die Stiftungsurkunde entgegennahm. Am darauf folgenden Festmahle betheiligten sich auch die Mitglieder der am Vororte Zürich gerade versammelten Tagsatzung; und in den vier schweizerischen Sprachen wurde die junge Hochschule begrüsst. Sofort, während die Immatrikulation noch fortdauerte, — sie schloss mit der Zahl 161 — wurden auch die Collegien allgemein begonnen.

Wie bald verdüsterte sich unser Horizont! Die Gründung einer Hochschule in Zeiten politischer Gährung war ein Wagestück, das man in Tagen der Ruhe — gar nicht unternommen hätte. Aber erschrockene Gemüther hegten zum Voraus kein Vertrauen auf die Dauer der Anstalt; die Feinde der Demokratie waren folgerichtig auch einer demokratischen Schöpfung abhold; und der Meinung liess sich leicht Eingang verschaffen, dieselbe sei und solle sein einer älteren Schwester Gegnerin. Die Umgestaltung des Schulwesens hatte auch Ansprüche Einheimischer nicht zufriedengestellt; und manch öffentliches Wort, als ob die Stifter der Hochschule politische Parteizwecke im Auge gehabt hätten, war unsere Berufsfreudigkeit zu trüben

berechnet. In Folge des Frankfurter Ereignisses vom 3. April hatten sich Flüchtlinge auch gen Zürich gewandt; und unsere Hochschule bot Manchem von ihnen die Gelegenheit zu Fortsetzung und Vollendung seiner Studien. Aber am deutschen Bundestage wurde baldigst ein Verbot beantragt, und in Luzern selbst ungefähr gleichzeitig die neue Bundesverfassung, mit ihr die eidgenössische Hochschule, verworfen; bald auch erscholl Waffenlärm, und zeitweise sahen sich Lehrer der Hochschule durch eidgenössischen Dienst ihr entzogen. Weiter wurde durch den Savoyer Zug und die Flüchtlingshetze, welche nachkam, die Hochschule empfindlich berührt; und ein Verbrechen schliesslich, in der Nähe begangen, die Ermordung eines verdächtigen Studenten gab wiederum Veranlassung, die Hochschule zu verdächtigen. Aber nicht genug! Der mächtigste und an äussern Hülfsmitteln reichste Kanton meinte, seine Ehre erheische gleichfalls den Besitz einer Hochschule, entführte der unsern auch einige Lehrer und bald nachher drohte der Antrag *) auf eine Revision des Gesetzes die Basis der höhern, die Kantonsschule, von deren Lehrern mehrere auch an jener wirkten, unter ihr wegzuziehn. Er hatte zwar nur den endlichen Erfolg, beide Anstalten enger unter sich und mit der Stadt zu verknüpfen, welche sich zu grossen Geldopfern herbeiliess. Allein man wurde doch aufgeschreckt; und es schien überhaupt, die Hochschule solle niemals zur Ruhe kommen.

Sie that mittlerweile ihre Pflicht: lehrte und lernte, gab bald an den Staat hinlänglich geschulte Candidaten ab und konnte an ihre Jünger wissenschaftliche Grade verleihen. Auch die Behörden liessen an väterlicher Obsorge nichts mangeln. Auf den Grund schon vorhandener getrennter Bibliotheken wurde durch Beiträge des Staates und freiwillige der Dozenten eine Kantonalbibliothek gestiftet, **) mit in Folge jenes Revisionsantrages der botanische Garten angelegt. legt ***), die Spital- und Anatomiebaute (seit dem Jahre 1837) eifrig gefördert. Es wurden die nöthigen Reglements erlassen und Verträge abgeschlossen zum Besten der Hochschule, auch solche mit

andern Kantonen, an ihr sich zu betheiligen, beabsichtigt; es wurden Geldmittel bewilligt, erledigte Stellen wiederbesezt und neue gegründet. Nicht nur Einsicht, Kraft und Fleiss waltete in der nächsten Oberbehörde, sondern auch umsichtiges Wohlwollen und Humanität und zumal ihr Präsident Hirzel, ein Mann von grossem Herzen, war unermüdlich im Vermitteln zwischen Gegensätzen, im Ausgleichen von Zwistigkeiten, die sich entspannen an der Hochschule selbst, und im Beschwichtigen mancher Rathsherren vom Lande, denen das Budget der Hochschule — zu hoch vorkam. Die Dinge wandten sich mehr und mehr zum Guten, wenn auch nicht jeder Pädagog gegen das höher stehende Institut die Pflichten des Anstandes beobachtete; und das Stiftungsfest wurde heute vor zwanzig Jahren in traulichem Vereine der Behörden, Lehrer, Studirenden, eingeschlossen den Pedell, mit so ungetrübter Heiterkeit gefeiert, dass selbst der seitwärts Stehende, welcher Zuneigung zur Hochschule nie im Wappen geführt, auf dem Bilde mit Wohlgefallen sein Auge verweilen liess, in die Worte ausbrechend: "es möge kein Unstern sich dieser Anstalt nahen, sie möge freudig fortblühn zum geistigen Wohle unseres Landes!"

Aber was hilft uns die Aussöhnung des Gegners, was der Freunde Freundschaft, wenn wir uns selber nicht Freund, wenn wir unsere eigenen Gegner sind? Und was vermag menschlicher Witz gegen die Tücke eines Schicksals, wie es da auf dem Grunde oberflächlich geheilter Staatsschäden und der Verschiedenheiten im Bildungstande nach Art und Grad aus unsern Irrthümern und Sünden, aus wechselseitiger Abneigung und wilder Leidenschaft, aus eigensinnigem Festhalten und übermüthigem Pochen sich unzerbrechlich zu unserem Unheil zusammensetzte! Schon einmal vor zwei Jahren, als eine theologische Professur zu besetzen war, hatte es gewetterleuchtet; damals noch gewährte Gott in Gnaden eine Frist, die jetzt ablief.

Die Behörde musste schon ihrem eigenen Volke gegenüber darauf bedacht sein, den Glanz und die Bedeutung ihrer Hochschule möglichst zu steigern; die eben erwähnte theologische Stelle war im Herbste 1838 wieder erledigt, und ein berühmter Gelehrter von anerkannter

Lehrgabe stand zur Verfügung. Der Verfasser des "Lebens Jesu" glaubte selbst und mit ihm Andere, dass nach den Zugeständnissen, welche er in jüngster Zeit der Ueberlieferung gemacht, er sich nunmehr zu einem Professor der Theologie eigne. Dieselben waren aber nicht so bekannt geworden, wie von vorne herein sein Buch, und reichten auch nicht weit genug für die grosse Mehrzahl eines christlichen Volkes. Zu Gunsten seiner Berufung wurde nun erst im Stillen gearbeitet; als ruchbar ward, was im Werke sei, liessen sich sofort warnende, bald auch drohende Stimmen vernehmen, und Freunde, die dem Wagniss erst zugestimmt hatten, riethen nunmehr selber ab; allein bei dem thatkräftigen und entschlossenen Manne, der die Sache über sich genommen, verfehlte Alles seinen Eindruck. Ich sage das nicht, um die Last des verhängnissvollen Jahres einzig auf ihn, um einen Stein auf sein Grab zu wälzen, sondern noch jetzt ergriffen, wie ich bin, von Bewunderung, wenn ich zurückdenke auf die Thätigkeit, die Fruchtbarkeit an Auskunftsmitteln, die unbesiegbare Zähigkeit und — die heitere Ruhe, womit der gewaltige Bürgermeister bis zuletzt dem Sturme Tross geboten hat.

Nachdem die zuständige Fakultät getheiltes Gutachten eingereicht hatte, erschien auch der Erziehungsrath, aber zu gleichen Hälften, zwiespältig, und an den Präsidenten fiel die Gehässigkeit des Stichentscheides. *) Eine Motion im grossen Rathe, welche für künftige Fälle die Rechte der Kirche wahren wollte: ein beabsichtigtes Tadelsvotum für den Erziehungsrath, wurde in langer denkwürdiger Sitzung **) abgeworfen; und der Regierungsrath bestätigte die getroffene Wahl. ***) Dadurch selbst aber, dass der Kampf vom theologischen Gebiete vollends hinüber auf das der Religion gespielt, und eine Frage der Wissenschaft in einem grossen Rathe abgehandelt, d. h. unter das Volk geschleudert wurde, schlug der Sieg in sein Gegentheil um; und als es gelang, dieselbe auf den Ausdruck zu bringen: Strauss oder Christus, da könnte über den

endlichen Ausgang sich Niemand mehr täuschen. Während die Erörterung des Für und Wider, von Karrikaturen und dergleichen abgesehn, in den öffentlichen Blättern und Flugschriften fortdauerte, wurden bald Gemeindeversammlungen gehalten, traten am See oben und nachher hier in der Stadt *) Männer zusammen, welche aussprachen, der Erziehungsrath habe die Verfassung, in welcher die reformirte Kirche gewährleistet ist, durch seinen Beschluss verletzt. Diese Erklärung fand in allen Theilen des Kantons Anklang; und als erst einmal der Ruf allenthalben ertönte: Strauss darf und soll nicht kommen, befand sich auch das Land thatsächlich im Zustande der Revolution, deren Flammen über ihm zusammenschlugen.

Die Geschichte des Jahres, da das gemeinsame Haus seine Bewohner gemeinsam niederrissen, ist zu schreiben noch nicht die Zeit, sie zu sprechen hier nicht der Ort ich habe nur von den Schicksalen dei Hochschule während jener Zeit zu berichten. Bloss mag für den Fall, dass gefragt würde: wie war es möglich, dass die Wahl eines Professors eine Staatsumwälzung in Gang brachte? daran erinnert sein, dass anderweitiger Brennstoff hinreichend im Kanton gehäuft lag, dass namentlich gegen die Richtung der Volksschule sich ein tief schwärender Groll in den Gemüthern festgesezt hatte. So wurde sie denn auch in den Strudel hinein gezogen, und für die niedere Schule eine Hochschulfrage zum Verhängniss. Immerhin gereicht es dem Kanton zur Ehre, dass seine Politik Jahre lang durch Fragen des Unterrichtes in Athem gehalten worden ist.

Während der Agonie des Staates im Winter 1839 wurde die Lage der Hochschule je länger je mehr der unbehaglichen eines Mannes ähnlich, der aus zu grosser Nähe sich eine Schlacht mitansieht: die Gemüther befanden sich in einer ewigen fieberhaften Spannung. Zwar hatten die Vorlesungen ihren regelmässigen Fortgang; aber Vertiefung in die Studien war im Ganzen um so weniger möglich, da viele Lehrer und die meisten Zuhörer als Kantonsbürger durch den Verlauf des Streites sich nahe berührt und zur Theilnahme an demselben aufgefordert fühlten. Der Kampf hatte allmählig

den Charakter gewonnen eines Ringens zweier politischer Parteien um die Herrschaft im Kanton. Und als endlich die Pensionirung. Straussens ausgesprochen werden musste, und nunmehr gegen die Volksschule allein oder in erster Linie die Angriffe sich zu richten drohten, da wurde, um denselben die Spitze abzubrechen, von ihren Beschützern, die in den Reihen der Gegner überall Stadtbürger gewahrten, eine Motion für Aufhebung der Hochschule eingebracht, *) weil dieselbe den gebildeten Stadtbürgern längst ans Herz gewachsen schien. An diesem Mannöver liess sich loben, dass es für den nächsten Zweck richtig berechnet war, und — dass es unserer Hochschule ein erstes Vermächtniss eintrug. Man erzählt: Nachdem die Motion für erheblich erklärt worden, gieng, tief getroffen von diesem Streich seiner eigenen Leute, der Oberrichter Schulthess, ein stiller Mann von gebildetem Geiste, aus der Sitzung hinweg nach Hause, und setzte arn Abend noch durch Kodizill im Testament die Fachschule zu einem Erben ein. Allein jene nämliche Praktik raubte uns auch unsern grossen Kliniker, welcher auf die Nachricht davon, die er im Auslande empfieng, mit Berlin anknüpfte und später nicht mehr losgelassen ward. Die Kommission zwar, welche die Hochschulfrage zu begutachten hatte, fand zuletzt, dass Organismus und Ausgaben bereits auf das knappeste bemessen seien, dass durch Verstümmelung oder Aufhebung der Hochschule sich nichts gewinnen lasse; und so wurde dieselbe wiederum förmlich in Ehre und Würden eingesetzt. **) Die Verstimmung aber und der Missmuth über unwürdige und ungerechte Behandlung war noch nicht verwunden, als gegen Ende des Semesters der Schlag fiel, welcher den bisherigen unleidlichen Zuständen ihr Ende und die Contreopposition ans Ruder brachte.

Mit dem Wintersemester 1839-40 beginnt im Leben der Hochschule ein neuer Abschnitt.

Die nächste Folgezeit, in welcher der Himmel schwer auf den Kanton herabhieng, brachte der Hochschule weniger Nachtheil, als

man befürchten durfte. Von der neuen Regierung wurde die Anstalt wie ein fremdes Kind übernommen, für welches sie nicht die zärtliche Liebe hegen könnte der leiblichen Eltern. Sie that pflichtmässig ihre Schuldigkeit. Das Spital mit seiner Einrichtung wurde wie auch der Bau der Kantonsschule vollendet, *) und es erfolgten neue Berufungen, darunter vortreffliche; denn die Hochschule aufrecht zu erhalten, galt der Regierung um so mehr als Ehrenpunkt, weil notorisch die Masse hinter ihr auf Wissenschaft nichts hielt, und deren Träger, zumal die fremden, nicht liebte. Es ist weniger allgemein bekannt geworden und verdient rühmliche Erwähnung, wie zu einer Zeit, da der Boden noch roth vom Blute der Revolution unter unsern Füssen zitterte, besonnene Männer in einflussreicher Stellung die Hochschule geschützt haben, wie sie taub blieben für Einbürgerung und durch passiven Widerstand den Anprall lähmten. Zumal der Erziehungsrath zeigte für die Hochschule sich von einem Geiste des Wohlwollens erfüllt, der ihm auch Vorwürfe der Partei zuzog. Wenn gleichwohl ein wünschenswerthes Verhältniss des Vertrauens und freier Unterordnung sich nicht gestalten konnte, so lag der Grund hievon weniger in den Personen, als in den Dingen. An der Hochschule herrschte von ihrer Stiftung der ein freisinnigerer Geist, als der nunmehr im Kanton herrschende; Oppositionslust gehört zum Wesen wie alter Jugend so auch der akademischen; und die Professoren konnten sich unmöglich in eine zu enge Form der Anschauungen und Begriffe hineinzwängen. Das Regiment seinerseits suchte, wie an ihrem Orte auch die Hochschule that, seinen Stützpunkt da, wo er lag, und lies es nothgedrungen geschehen, wenn die Heisssporne wider Personen vorgingen, die dann auch nicht gerade mit Engelsgeduld entgegneten. Die Sturmfluth des Jahres 1889 hatte die Achtung vor dem Rechte geschwächt und dagegen nutzbare Ansichten von Allmacht des Staates an das Land geschwemmten Gegenwehr dei Hochschule wurde nicht vermuthet

und schien unerträglich also erfolgte im ersten Jahre Angriff auf Angriff. Zwar das projektirte Pensionsgesetz war keine ernsthafte Sache; aber der Versuch, die Niederlassung der fremden Lehrer zu beschränken und zu belasten unter Kränkung vertragsmässiger Rechte, erzeugte eine tiefe Missstimmung; und dass man dann in der nächsten Grossrathssitzung (Sommer 1810) die Lehrfreiheit zu beschränken gedachte, floss zwar folgerichtig aus dem Prinzip, hatte in sofern eine gewisse Berechtigung, musste indess die vernarbende Wunde wieder aufreissen. Unter diesen Umständen hatte die Hochschule nur immer zu protestiren und fühlte sich fort und fort als ecclesia presse. Darum aber schlossen ihre Glieder sich auch enge zusammen; und weder vor- noch nachher bestand eine solche innige Harmonie zwischen Lehrenden und Lernenden, wie in den nächsten Jahren nach der Umwälzung, während zugleich ernstlich gearbeitet wurde. Es war überhaupt für die Hochschule Zürich immer bezeichnend, dass neben den Fachkollegien so manche andere, zum Theil abstruser Art, gelesen werden konnten, zu welchen auf grossen Universitäten sich oft kein Zuhörer findet. Für den guten Geist an unserer Anstalt glaubte im Frühjahr 1842 die Regierung sich verbürgen zu können, so dass Preussen, zwar unter Beschränkungen und ohne weitere Folge, den Besuch der Hochschule Zürich gestattete. Schon hatten wir auch drei Semester hindurch verhältnissmässig Ruhe genossen, und für völlige Herstellung des Friedens könnte guter Wille und die Zeit sorgen: als der Wahlkampf des Jahres 1842 die Parteileidenschaften im Kanton wieder entflammte, und ein trauriger Vorfall das Verhältniss der Hochschule zu benachbarten Kreisen unheilbar zerrüttete. Ich kann die Tödtung des armen Kirchmeier nicht unerwähnt lassen, indem sie dann nur desto unheimlicher hervorstäche; auch knüpften sich an sie zu schwere Folgen, als dass sie mit Stillschweigen übergangen werden dürfte. Dagegen über das, was damals im Weitern noch geschah, werfen wir heute am guten Tag einen Schleier.

Freilich wusste die Hochschule jetzt, wie sie daran war, und hatte sich nicht zu wundern, wenn wiederholt Studirende durch Landjäger thätlich misshandelt wurden, oder wenn man auf Professoren

so leicht grundlosen Verdacht warf. Wem mochte es unter solchen Verhältnissen wohl werden? Auf einmal verliessen uns drei der bedeutendsten Lehrer, denen bald ein Vierter folgte; Muthlosigkeit begann einzureissen; und auch, dass der faktische Chef der Regierung, die Noth der Zeiten erkennend, jetzt selbst das Rektorat übernahm, brachte unsern Zuständen keine erkleckliche Besserung.

Wiederum kam ein Frühling heran, der die oberste Landesbehörde erneuern sollte; und es zeigte sich am Wahltage, dass die Gesinnung der Hochschule diejenige fast des ganzen Landes wiederspiegelte. Mit dem Mai des Jahres 1846 hebt in unserer Geschichte eine neue Periode an. Sie ist noch im Laufe; und was sich während derselben bis jetzt zugetragen, lebt frisch in unser Aller Gedächtniss, bedarf also auch keiner ausführlichen Besprechung, oder aber ist dem Urtheil der Geschichte noch nicht verfallen.

Die Hochschule kehrte nunmehr in die Hände ihrer natürlichen Beschützer zurück und es traten Männer in die Behörden ein, die ihr vordem selbst als Commilitonen angehört und nicht bloss Pflichtgefühl, sondern auch ein Herz für sie hatten. Die Energie des neuen Regimentes machte sich der Hochschule zunächst mittelbar bemerklich in durchgreifender Aenderung des Statutes der uns so eng verbundenen Kantonsschule, und sofern die Umgestaltung des Organismus der Behörden in die Hände eines Einzigen, so auch des Direktors des Erziehungswesens, grössere Machtvollkommenheit gelegt hat. Der Sonderbundskrieg hatte keine erhebliche Störung der Studien im Gefolge; ebenso wenig diess die Erschütterungen des Jahres 1848 und der nächsten, welche vielmehr, wenn sie eine Zeit lang das Nationalgefühl bedenklich reizten, hinwiederum für kürzere und längere Dauer uns eine Anzahl neuer Lehrer aus Deutschland zugeführt haben. Das wichtigste und folgenreichste Ereigniss für die Hochschule aus neuerer Zeit ist ohne Frage die Gründung des eidgenössischen Polytechnikums mit dem Sitze zu Zürich. *) Durch Gemeinsamkeit mancher Lehrer und die Zugänglichkeit der Vorlesungen für die beiderseitigen Zöglinge ist dasselbe mit der Hochschule in

enge Verbindung getreten und von der Weisheit und Umsicht der Behörden, dem einträchtigen Zusammenwirken der Lehrer lässt sich mit Grund hoffen, dass diese Verknüpfung der Anstalten beiden zum Heil ausschlagen werde. Die mancherlei Schwierigkeiten der Zusammenpassung beider Institute wurden rasch vorläufig geordnet; und endlich ist seither — die jüngste Schöpfung an der Hochschule —auch das philologische Seminar in's Leben getreten. *) Die glückliche Ruhe, deren wir uns schon seit einer Reihe von Jahren erfreuen, wurde nur einmal unterbrochen durch die Misshelligkeit wegen Neuenburgs, welche auch die Bürger unserer Hochschule zu den Waffen rief. Nicht nur in dieser Beziehung barg der Zwist mit Preussen auf den Fall, dass es zum Kriege kam, eine schwere Gefahr für die Hochschule, sondern auch, sofern er dann grössere Maasse gewonnen hätte, desshalb, weil manche Lehrer deutscher Herkunft in eine schiefe, ja unhaltbare Stellung gerathen sein würden. Unsere Anstalten insbesondere, die nur im Frieden gedeihen, durften mit dem Ausgange des Handels zufrieden sein; denn allerdings wollen wir eine gefahrvolle Freiheit lieber, als geschürte Knechtschaft, was die Wissenschaft aber braucht, ist eine geschürte Freiheit.

Kein Geschöpf einer Laune des Souveräns, sondern eine Schöpfung, hervorgegangen aus Erkenntniss, was dem Kanton fromme, wenn er seinen Rang behaupten und seiner Vergangenheit werth bleiben wolle, hat die Hochschule Anfechtung und Unruhe so viel in fünfundzwanzig Jahren bestanden, dass man ein Jahrhundert damit ausstatten könnte, und hat ihre Lebensfähigkeit bewährt. Unter den Personen zwar hat der Tod Ernte gehalten. In jeder der vier Fakultäten ist am Orte selbst noch ein Stammhalter übrig; aber von der theologischen Fakultät, wie sie ursprünglich war, lebt auch nur noch Einer; und wir mussten die DD. Rettig, Schulthess und Hirzel, ferner Orelli und Oken, von Pommer und Spöndli begraben; Andere, früher oder damals noch uns angehörig, ruhen in fremder Erde —die Hochschule ist nicht abgestorben. Aber verdient sie denn zu leben? Hat sie es bloss durch ihre Leiden

verdient? Oder lässt man sie am Leben, weil sie einmal da ist? Ich habe ihre Schicksale bis zur Gegenwart herab verfolgt; es übrigt auf ihre Leistungen zu blicken während der Dauer ihres Bestehens, zu fragen, wie sie ihrer Aufgabe nachgekommen sei. — Einerseits soll sie "das Gesammtgebiet der Wissenschaft bearbeiten und erweitern": habe ich wohl nöthig, daran zu erinnern, welch' grosse Zahl Schriften über alle Zweige des Wissens von Lehrern unserer Hochschule ausgegangen ist? Von diesem Verdienste nimmt ein Jeder seinen Theil an sich; aber mit Stolz nennt die Hochschule Zürich vor Allen ihn, der auch um ihre Stiftung so grosse Arbeit gethan hat, den unvergleichlichen J. C. Orelli, der da Leben sprühte; der die Gemeinheit hasste; ihn, dessen Andenken auch in unsern Herzen nie erlöschen wird. Hauptsächlich auf dieser literarischen Thätigkeit der Dozenten beruht die Geltung der Hochschule auswärts; und diese wiederum hat — unser Ruhm ist unser Schade! — die Berufung so vieler unserer Professoren ins Ausland veranlasst, wo noch jetzt ihrer zwanzig in akademischer Wirksamkeit stehn. —Die Hochschule soll ferner "die Zwecke des Staates und der Kirche durch höhere Berufsbildung fördern". Ich blicke um mich; viele von Ihnen selbst sind lebendige Zeugen, wie die Hochschule dieser Forderung genügt hat. Zu Hunderten haben ausschliesslich oder zum Theil von ihr die Männer ihre höhere wissenschaftliche Bildung empfangen, welche innerhalb des Kantons, der östlichen Schweiz und weithin durch alle Fächer wissenschaftlichen Berufes jetzt im Amte sind; zu schweigen von unsern zweihundert ordnungsmässigen Promotionen, da doch die Matrikelzahl selber erst um Einiges das zweite Tausend übersteigt. Und das darf kühn behauptet werden, dass die Hochschule, während Stadt und Land gleichzeitig auch in andern Beziehungen einen Aufschwung nahmen, auf die Hebung und Kräftigung des geistigen Lebens in Zürich, im Kanton und über seine Grenzen hinaus einen unberechenbaren Einfluss geübt hat. Nicht erst in neuerer Zeit durch die akademischen Vorträge im Rathhause, welche wiederum das archäologische Museum, das mit heute eröffnet wird, zuwege brachten, sondern diess vom ersten Tage ihres Bestehens an. Und wie manches Gute,

wie manche zweckmässige Einrichtung, — ich nenne beispielsweise nur unsere berufene Leseanstalt — wozu sie mitgewirkt oder mittelbar den Anstoss gegeben hat!

Auch kann die Hochschule nicht klagen, als fliesse sie irgendwo auf Geringschätzung und Missachtung. Abgesehen vom ehrenden Zeugniss der Behörden, haben auch Privatpersonen mit der That die Wirksamkeit der Hochschule und ihre Bedeutung für Zürich anerkannt; wir haben auch Schätze gesammelt: Schätze zunächst an Büchern und —nicht die Einzelnen, aber die Korporation — auch gemünzte. Die Bibliothek, welche bereits über 25,000 Bände, ungefähr 20,000 Dissertationen und 550 Manuskripte zählt, wurde zu wiederholten Malen mit bedeutenden, oft sehr werthvollen Gaben bedacht. So vermachte Herr Joh. Rud. Rordorf in der Haue ihr seine namentlich an mathematischen Werken reiche Büchersammlungen; Frau Escher im Brunnen schenkte über tausend Bände nebst vielen ältern Landkarten, Fräulein Hirzel in Stadelhofen eine Bibliothek, durch welche sich unsere Literatur des Forstwesens ergänzte; von Dr. Rahn-Escher, Hofrath Hasse, unserem früheren Kollegen, und von noch anderen Freunden der Wissenschaft sind wir öfter beschenkt worden. Andererseits wurde das Sehulthess'sche Legat Veranlassung, dass die damalige Regierung durch ein staatskluges Statut der Hochschule auch ihren künftigen Besitz sicherte in Voraussicht weiterer Vergabungen; und so haben denn auch bis jetzt durch Schenkungen bei ihrem Tode der viel betrauerte Privatdozent Ott, sodann Altrathsherr Landolt, Herr Escher--Zollikofer, Spitalpfleger L. Ziegler und noch unlängst der patriotische. Bürgermeister Hess für die Hochschule Zeugniss abgelegt und sich auch hiedurch ein ehrendes Andenken gestiftet.

Aber wozu sage ich diess Alles? Zu welchem Ende hab' ich überhaupt gesprochen? Etwa, weil die Hochschule durch ihren Redner ihr eigen Lob verkünden wollte? Oder um durch das Vorführen der Bilder aus vergangener Zeit eine müssige Stunde hindurch Sie zu unterhalten? O nein! Es gilt eine Selbstschau, einen Rechnungsabschluss; was wir gutgemacht, auch was wir geirrt und gebüsst haben, ist nunmehr unser Eigenthum, das wir mit Klugheit

verwerthen wollen fur unsere Zukunft. Es sei mir zu Schlusse gestattet, ein paar Streiflichter auf den Weg zu werfen, den die Hochschule und den man mit der Hochschule, meine ich, zu gehen hat und unter Gottes Beistande auch gehen wird.

Durch Stiftung der Hochschule ist die geistige Verbindung mit Deutschland, welche niemals ganz abgebrochen war, auf die Dauer hergestellt worden; wir werden immer deutsche Lehrer berufen und auch welche dorthin abgeben: würde diese Wechselwirkung einmal aufhören, Verkümmerung unserer Anstalt müsste die Folge sein. Die Schönheit dieses Fleckes Erde und unser freies Verfassungsleben, Beides übt ohne Zweifel auch ferner seine Anziehungskraft; wir werden immer Professoren bekommen: unsere Sorge sei darauf gerichtet, erprobte auch zu behalten. Auf diesen Punkt kann der Geist der Bevölkerung im Allgemeinen mehr ausrichten, als die Behörden durch die Mittel, welche ihnen zu Gebote stehn. Da der Fremde hier nicht durch sein Amt Staatsbürger wird, so hat er auch der thätigen Theilnahme an der Kantonalpolitik sich zu enthalten: die Sache selber bringt das mit sich; und er mag es für ein Glück ansehn, einzig der Wissenschaft und seinem Lehramte leben zu dürfen. Allein schon Aristoteles kennzeichnet den Irrthum, der sich so leicht in die Demokratie einschleiche: zu wähnen, wer in Einem Ding ungleich sei, Eines Rechtes, nämlich mitzuherrschen, nicht theilhaftig, der habe überhaupt gar kein Recht. Helfe man vielmehr dem Fremdlinge, der seine Zuständigkeit nicht überschreitet, vergessen, dass er seine politische Befugniss in seiner Heimath zurückliess; gestatte man ihm, die Hochschule, an der er lehrt, als die seinige anzusehen, für die er in freier Weise sich interessiren dürfe. Damit er nicht zuletzt wirklich wie ein Knecht seine Schuldigkeit thue; damit er nicht sich auf den Buchstaben des Kontraktes zurückziehe; damit nicht, wie ein Apostel sagt, der Buchstabe tödte. Glücklich, dass, was ich soeben sagte, keinen Bezug haben kann auf unsere Gegenwart, nur ein Gut derselben gerne wahren möchte für künftig! Dass die kleine Universität eines kleinen Staates ehrenvoll fortbestehe, für den Zweck sind wir Alle; Volk, Behörden, Lehrerschaft und Studirende gegenseitig auf einander angewiesen.

An entscheidender Stelle bedarf man der loyalen Unterstüzung durch selbstständig berathende Unterbehörden, und die Lehrer sollen zum Einen Ziele, dem Wohle der Anstalt, einmüthig zusammenwirken. Was hülfen uns die vielen Lehrkräfte, wenn sie planlos auseinanderstreben, sich nicht wechselseitig ergänzen würden, wenn Kraft spielen sollte gegen Kraft? Unsere Selbsterhaltung heischt, dass wir vielmehr unsere Kräfte verdoppeln; und es hängt grossentheils von unserem Wollen ab, einen Trost darin finden zu dürfen, dass die Blüthe einer Hochschule nicht bloss auf der Zahl, sondern wesentlich auf der Beschaffenheit ihrer Zöglinge beruht.

Unserer akademischen Jugend, die sich im Ganzen immer durch geordneten Fleiss und gesetztes Betragen rühmlich auszeichnete, habe ich die Erwartung auszusprechen, dass sie den Vorwurf, es mangle ihr in neuester Zeit an idealem Aufschwunge, als einen ungerechten widerlegen werde. Verpflichtet fühl' ich mich, auf die banale Wahrheit hinzuweisen, dass die schöne Universitätszeit, welche mit frischem Lebensmuth und erhöhtem Gefühl seiner Menschenwürde auch dem minder Begabten die Brust schwellt, neben ihrem heitern Spiele einen furchtbaren Ernst einschliesst, sofern ihr Jünglinge zu dieser Frist, die schnell verrinnt und nicht wiederkehrt, jeder über sein einstiges Lebensglück das Loos werfet. Möge das nachwachsende Geschlecht nie vergessen, dass es die Bestimmung hat, an unsere, der Aeltern, Stelle zu treten! Feiere ein Jeder den heutigen Tag auch durch Erneuerung des Gelübdes, nicht in der Saatzeit die Ernte vorweg nehmen zu wollen!

Ich eile zu schliessen. Meine Rede hat etwas lange gedauert, weil nemlich die Gelegenheit benützt sein wollte; denn, wenn dieser Tag nach einem Vierteljahrhundert wiederkehrt, werde ich wohl nicht mehr viel Worte machen, und werden auch die Reihen Derer, die mich anhörten, gelichtet sein. Wofern ich indess vom Zürcher Volksgeist etwas verstehe, so wird dannzumal wieder ein Stiftungsfest der Hochschule begangen werden, und nicht das letzte, um eben grossentheils gefeiert von Andern. In Gottes reichem Haushalt sind wir Alle ersetzbar und werden wir ersetzt; auch eine jeweilige akademische Körperschaft ist nur Erscheinung und Wandel, der an einem

Bestehenden sich vollzieht und die Zuversicht, dass die Hochschule fortbestehen wird und dass unsere Lehrthätigkeit keinenfalls verloren ist, soll den Personen über die Sorge hinweghelfen: was nach uns sein werde, wenn das Leben uns ermüdet hat, oder was unsere eigene Folgezeit uns wohl noch bringen möge. Wir werden nicht fragen, wer denn wohl den Todtengräber begrabe. Männliche Geister denken das Nächste, sammeln ihre Kraft, thun ihre Pflicht, und wandern mit grossen Schritten vorwärts in die dunkle Zukunft .

Druck von E. Kiesling in Zürich .