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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Rhapsodische Sätze zur Geschichte bernischer Veterinärmedizin

Rektoratsrede von

Prof. Dr. Rudolf Fankhauser

Verlag Paul Haupt Bern 1980

Rhapsodische Sätze zur Geschichte bernischer Veterinärmedizin

Es lebe also die Geschichte,
die flatterhafte Geschichte,
die sich zu allem hergibt...
Machado de Assis

Wer ein Amt antritt, das lange schon als untaugliches Instrument und Abbruchobjekt verschrieen ist, hat mehr Grund zu Zweifeln als zu Zufriedenheit und man wird verstehen, dass er sich nach Halt umsieht. Einer starken Neigung folgend suche ich ihn bei der Vergangenheit, und in der Tat wirkt Versenkung in die Geschichte beruhigend. Man nimmt den Tag nicht mehr so tragisch und weiss — um ein Wort Henry Benrath's zu gebrauchen — «dass jedes Lächeln schon gelächelt und jedes Weinen schon geweint worden» ist.

Doch gibt es triftigere Gründe als persönliche Vorlieben, Sie heute etwas mit den Schicksalen unserer tierärztlichen Bildungsstätte bekannt zu machen. Im Januar waren es 80 Jahre, dass das Berner Volk dem Anschluss der Tierarzneischule an die Hochschule zustimmte und am 22. Februar gar deren 175 seit dem Beschluss, Veterinärmedizin als Lehrfach in die Akademie aufzunehmen.

Der Rhapsode im alten Griechenland war Rezitator epischer Gedichte, namentlich der homerischen — der «allverständlichen Wonne der Nation», wie Jacob Burckhardt sich ausdrückt (5) — er war «Zusammenfüger» von Einzelstücken, und so sei der etwas ungewohnte Titel verstanden. Im Anfang unseres Schweizer Archivs für Tierheilkunde — begründet 1816 — sah man etwa Beiträge wie «Rhapsodische Sätze zur Säftelehre», womit der Autor eingestand, dass er zwar mit der Materie rang, aber nicht den Anspruch erhob sie ganz zu beherrschen. So ist auch mein Versuch als der eines Liebhabers hinzunehmen. Die Kollegen von der Zunft möchten Milde walten lassen; der allfällige Leserbriefschreiber aber darf die vernichtende Frage: Herr Fankhauser, sind Sie womöglich Laie? von vornherein unterdrücken.

Erstes Stück

Mit der Grosszügigkeit des Dilettanten fasse ich als Vorgeschichte alles zusammen vom Veterinärpapyrus von Kahun, 2. Jahrtausend vor unserer Zeit (18), bis zur Gründung der ersten tierärztlichen Schulen. Entsprechend dem hohen Stellenwert des Tieres in den religiösen Vorstellungen der Ägypter spielte die Tiermedizin — Domäne von Priester-Ärzten — eine geachtete Rolle, wenn auch das Niveau, wie jenes der Humanmedizin, weit niedriger war als man sich oft vorstellt. Ob das Tier weniger als seine cerebralisierten Mitgeschöpfe geschunden wurde, bleibe dahingestellt. Auch der Codex Hammurabi aus dem Zweistromland sei erwähnt und wir vermerken, dass er bereits Tarif- und Haftpflichtfragen anschneidet, seither stehende Themen unserer Berufsorganisationen (10).

Prof. Dr. Rudolf Fankhauser

1919 Geboren in Trubschachen 1938-1944 Studium der Veterinär-Medizin in Bern 1945 Erwerbung des Doktorgrades am Veterinär-pathologischen Institut 1946-1949 Weiterführende Studien in Bern, Zürich, Luzern, Paris, Wien, Holland, Belgien und Skandinavien. 1950 Beginn der Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der neugegründeten Abteilung für vergleichende Neurologie in Bern. 1955 Ernennung zum Extraordinarius 1960-1968 Studienreisen nach Deutschland, Skandinavien und den USA. 1966 Ernennung zum Ordinarius für vergleichende Neurologie. 1969 Dr. h.c. der Universität von Turin 1972 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher und Ärzte «Leopoldina». 1978 Dr. h.c. der Tierärztlichen Hochschule in Hannover.

In der Antike war die Einheit der Medizin noch gewahrt — symbolisch dafür steht Chiron der Kentaure, halb Mensch, halb Pferd, Lehrer des Asklepios — doch schon sehen wir eine Spezialisierung — den Hippiatros, den Buiatros, den Mulomedicus — nach Tierarten, was wir für den neusten Schrei unserer Zeit halten.

Die Kenntnisse des Altertums rettete Byzanz, retteten die Araber, und sie lebten und wirkten weiter in den Medizinschulen Spaniens, Salernos, am Hofe Friedrichs II. des Staufen. Von ihm stammt das grossartige Werk «De arte venandi cum avibus» über die Falknerei, mit dem er sich als kritischer Naturbeobachter ausweist. Salernitanisch sind Lehrtexte wie die «Anatomia porci», worin die den heutigen Experimentatoren geläufige Einsicht von der Menschenähnlichkeit des Schweines vorweggenommen wird (31). Zur Ehre des vielgescholtenen Mittelalters sei überhaupt an die ununterbrochene Reihe von Veterinärschriftstellern erinnert, die wohl nicht alle blosse Kompilatoren waren. Ein Beispiel ist die wunderbar illustrierte Handschrift des Johan Avarez de Salamiellas «El libro de menescalcia et de albeyteria», die übrigens die enge Verbindung der Pferdeheilkunde mit der Kunst des Hufbeschlages dokumentiert (20).

Allein schon die Vielfalt sprachlicher Bezeichnungen bezeugt, dass es immer Tierärzte durch das Mittelalter über das Rinascimento bis hinein in die Zeit der Aufklärung gab, aber auf sehr unterschiedlichem Niveau vom echten Mediziner über den Marschalk und Kurschmied bis zum Hirten, Wasenmeister

und Nachrichter. Und so begegnen wir ihnen auch hierzulande im ausgehenden 18. Jahrhundert als gering geachteten Ross- und Viehärzten. Ihr Wissen und Können stammte, günstigenfalls, aus Überlieferung und Erfahrung. Sie gingen als Gesellen in die Lehre zu Praktikern und erhielten bei Zufriedenheit einen Lehrbrief. Amtliche Prüfungen waren oberflächlich, oder es gab sie überhaupt nicht. Dass es in der «niederen Medizin», bei Schülern, Bädern, Chirurgen und Landdoktoren nicht viel anders war, ist allgemein bekannt. Im übrigen waren hier die Grenzen zwischen Menschen- und Tierverarztung recht fliessende (16). Die teilweise Verbindung mit verfemten Berufen — dem Abdecker und Scharfrichter — drängte tierärztliche Tätigkeit ins Zwielicht. So wurde 1620 der Berner Hufschmied Lienhart Kamm in Verruf erklärt, weil er einer Stute Geburtshilfe geleistet hatte. Rat und Schultheiss aber schützten ihn: er hätte nur seiner «christenlichen» Pflicht gehorcht und die Motive seiner Zunftgenossen flössen aus unlauteren Quellen (29).

Was aber fehlte, und dieser Mangel begann sich bis zum 18. Jahrhundert immer schärfer abzuzeichnen, war die Teilhabe am Aufschwung der naturwissenschaftlichen Medizin, waren vor allem Schulen, wie sie dieser — trotz Schwächen und Irrtümern — ihren ständig wachsenden Vorsprung verschafften. Zwar gab es etwa an medizinischen Fakultäten oder im Rahmen der Kameralwissenschaften Dozenturen für Tiermedizin, doch blieben sie von geringer Wirkung.

Die grossen Heere mit ihren Pferdemassen, katastrophale Viehseuchen, wie vor allem die Rinderpest, das Eindringen wissenschaftlichen Denkens in die Landwirtschaft erzwangen schliesslich die Schaffung tierärztlicher Schulen. Die erste entstand 1762 in Lyon, die zweite drei Jahre später in Altert bei Paris, beide gegründet von Claude Bourgelat, Ecuyer du Roi (15).

Zweites Stück

Die französischen Schulen blühten auf; nicht unangefochten zwar: Lafosse père et fils in Paris, routinierte Praktiker, aus dem Hufschmiedestand hervorgegangen, stritten dem Neuling Bourgelat, und zwar nicht ganz zu Unrecht, die Kompetenz ab — doch bald wurden sie Wallfahrtsorte für alle Beflissenen. Rasch folgte in Europa die Gründung weiterer Schulen, bis 1800 deren 26. Die Hälfte lebt und gedeiht noch heute. Man glaube nicht, dass das Aufkommen tierärztlicher Bildungsstätten, Gesellschaften und Zeitschriften die Situation schnell revolutioniert hätte. Der Kampf zwischen sogenannten Empirikern und rationellen, das heisst studierten Tierärzten dauerte ein gutes Jahrhundert, und die Sympathie des Volkes —ja teilweise der Behörden — war nicht a priori auf Seiten der Letzteren. Gleiche Sorgen kannte die Humanmedizin: Annebäbi Jowäger erschien 1843/44!

Schlaglicht auf den mühseligen Weg vom Viehdokter zum Veterinärmediziner: noch 1842 galten «die patentierten und nichtpatentierten Tierärzte» als die grössten Pfuscher, und für die Verworrenheit der Zustände bezeichnend ist, dass einem Quacksalber — ich zitiere

Carl Müller (17) — der unverzeihliche Missgriff vorgeworfen werden musste, Rindern Mittel gegeben zu haben, die vorher einige Menschen fast und eine Witwe völlig umgebracht hätten.

Auch die Humanmedizin war im ausklingenden 18. Jahrhundert keine ideale Amme, oft in Theorien versponnen, auf Anschauung verzichtend, wie sie der Abdecker zwar hatte aber nicht zu brauchen wusste. Wir sehen die Stadt- und Kreisphysici als Experten, fragwürdiger Kompetenz, in der Tierseuchenbekämpfung. Noch empfehlen sie das «Schneiden des Tollwurms» als Prophylaxe gegen Wut: den bedauernswerten Hunden wurde — ohne Anaesthesie — der normale, rundliche Bindegewebsstrang an der Unterseite der Zungenspitze herausgesäbelt. Demgegenüber besticht fürwahr das Rezept der heiligen Hildegard von Bingen (geb. 1098), gegen Tollwut den Kopf einer Lerche per os zu verabreichen: dies nicht so sehr durch geringere Nutzlosigkeit, als durch homöopathische Sanftheit.

Doch seien wir gerecht: viele Arzte befassten sich ohne Vorurteil mit Anatomie, Physiologie und Pathologie der Tiere, wie etwa J.J. Wepfer in Schaffhausen (1620-1695) mit Coenurose (Blasenwurm im Gehirn) (6) oder J.C. Peyer (1653-1712) mit Bau und Funktion der Wiederkäuermägen (19), ohne dass aber ihre Erkenntnisse tiermedizinisch genutzt worden wären. Giovanni Maria Lancisi (1654-1720), der die Herzaneurysmen klassifizierte und die Übertragung der Malaria durch den Speichel der Mücken vorausahnte, auch wenn er noch an das «Miasma» (die krankmachenden Dünste) glaubte, schrieb eine Dissertatio de Poste bovilla (Rinderpest) erschienen 1713 in Genf. In der Einleitung stehen die Sätze: «Ohne Einsicht sind die Ärzte, die da meinen, es entspräche der Stellung eines Arztes nicht, Gedanken und Ziele der Tiermedizin zuzuwenden. Denn die Menschheit hat den überlieferten Lehren über Gesundheit und Krankheit der Tiere am meisten zu verdanken, aus deren Erfolgen die allgemeine Heilkunde entsprungen ist» (27). Prof. Langguth, Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Wittenberg, hielt 1752 eine akademische Festrede: De utilitate atque dignitate artis veterinariae.

Obschon auch hierzulande die Viehseuchen verheerendes Ausmass annahmen, verhinderten die Kleinräumigkeit der Verhältnisse, das Fehlen stehender Armeen und vielleicht auch ein Quentchen Selbstgenügsamkeit entscheidende Wandlungen. Zwar pilgerten einzelne an ausländische Schulen, doch schien sich die Investition bei der misstrauischen Haltung der Bevölkerung und der Indifferenz der Behörden kaum zu lohnen. Es brauchte die Erschütterungen, die man mit bernischem Understatement den «Uebergang» nennt, um die Dinge zu ändern.

Drittes Stück

In der Mediationszeit wurde das bernische Schulwesen neu organisiert. Eine Kommission, bestehend aus Ratsherrn Abraham Friedrich von Mutach, Dekan Ith und Säckelmeister Fischer — nach Zusammensetzung und Umfang beispielhaft! — nahm die Planung an die

Hand. Die Akademie sollte aus zwei Abteilungen bestehen, deren obere Theologie, Rechtsgelehrsamkeit und Medizin umfassen würde. Für die Medizin aber waren die folgenden vier «unentbehrlichsten» Fächer vorgesehen: 1. Anatomie mit Physiologie und physischer Anthropologie; 2. Therapie mit Klinikum und Materia medica; 3. Chirurgie und Entbindungskunst mit je einem Klinikum und 4. Medicina veterinaria oder Vieharzneywissenschaft.

Am 22. Februar 1805 wurden die Vorschläge durch den Kleinen Rat zum Beschluss erhoben und damit hatte auch die Geburtsstunde unserer Schule geschlagen. Man liess sich von durchaus praktischen Gesichtspunkten leiten und hierin erinnert Bern ja überhaupt an die alten Griechen, von denen Jacob Burckhardt (4) in seiner stellvertretenden Basler Rektoratsrede sagte: «Der Wille der polis ging nicht nach der Gelehrsamkeit: sie nimmt vor allem den Bürger für ihre Zwecke in Anspruch...»

Der Beginn liess sich zaghaft an. Für die ausgeschriebene Stelle eines Dozenten der Tierarzneikunde — Jahresgehalt 1000 L. — fand sich vorerst kein geeigneter Bewerber, bis Carl Friedrich Emmert, Doktor der Medizin aus Tübingen, getauft 1780 in Göttingen, auftauchte. Er kam als jüngerer Bruder des zum Professor der Anatomie und Physiologie gewählten August Gottfried Ferdinand nach Bern. Emmert wurde nach gehöriger Prüfung gewählt und nahm im November 1806 seine Vorlesung — zunächst über Physiologie und mit einem Hörer — auf. Doch schon im Frühjahr 1808 waren es «würklich 11 eigentliche Thierärzte und noch 6 Landärzte». Zur gleichen Zeit begann man ein paar alte Nebengebäude des Burgerspitals, darunter das Schmelzhüsi (einst Laboratorium der Feuerwerker) als Tierspital einzurichten. Die Kosten von etwa 2400 L. bestritt die Akademie «ohne dem Aerario im geringsten beschwerlich zu fallen». Der Platz entsprach etwa der heutigen Auffahrt zum Postbahnhof von der Bogenschützenstrasse her (30). Am 23. Dezember wird ein zusätzlicher Einrichtungskredit von 1000 L. beantragt, den der Rat am Stephanstag bewilligt — ein heute unglaubwürdiges Beispiel administrativer Effizienz. Zu berappen war auch eine «synthische Maschine», offenbar zur Fixierung von Knochenbrüchen beim Pferd, von der man später nie mehr hört. Der Weg vom teuren Apparat zum alten Plunder war schon damals kurz! Fast 20 Jahre blieb das Tierspital an diesem Platz, stets in hängenden Rechten, denn Bürgerspital und Stadt suchten den unbeliebten Gast loszuwerden. Kritischer noch war der Umstand, dass Emmert 1812 zum Professor der Chirurgie und Entbindungskunst gewählt wurde und zwangsläufig die Tierheilkunde zu vernachlässigen begann. Trotz Stimmen, den ganzen Betrieb an den Nagel zu hängen, wählt die Kuratel der Akademie — ihre Seele ist der väterlich strenge Kanzler von Mutach — sorgfältig zwei junge Absolventen aus, Matthias Anker und Peter Schilt, und schickt sie für einige Jahre an verschiedene Schulen des Auslandes. Gezielte Nachwuchsförderung 1812!

In diese Zeit fällt die Gründung der Gesellschaft schweizerischer Tierärzte: sie wird am 6. Oktober 1813 in der Wirtschaft zum Zollhaus an der Reussbrücke

(Kt. Zug) aus der Taufe gehoben. Ihr Vater ist Dr. med. Franz Karl Stadlin (9, 12) von Zug.

Man lebt in den Jahren, da die letzten Zuckungen der napoleonischen Kriege unser Land durchziehen; 1816/17 ist das böse Hungerjahr. 1816 werden die beiden Studiosi auf Bewährung, 1818 fest als Lehrer angestellt. Schilt geht schon bald als Arzt und Tierarzt ins Oberhasli zurück: er wird später Mitglied des Sanitätskollegiums. Auf die Prosektorstelle kommt 1820 Friedrich Gerber, Arzt, gebürtig aus Eggiwil, mit Daguerre und andern einer der ersten, die an der Photographie herumlaborierten. 1820 gründet Zürich seine Tierarzneischule (32). Im Jahr darauf regt der Basler Kantonsphysikus Prof. Stückelberger — wie könnte es anders sein? — die Bildung einer schweizerischen Zentralveterinärschule an. Dieser Gedanke hat 150 Jahre überlebt. Des öftern hemmte er die Entwicklung der beiden kantonalen Schulen, gelegentlich dürfte er sie katalysiert haben. Ambivalenz der Ideen! Ähnlich wirkte sich später der Plan einer eidgenössischen Universität auf die Hochschulen als ganzes aus.

Kuriosum: 1846 eröffnet das Wallis in Sitten, mit 14 Schülern, eine zweisprachige Veterinärschule. Sie scheint aber den ersten Kursus nicht überlebt zu haben (26).

1824 kauft der Staat als Tierspital das Güdersche Haus mit Umschwung an der Engehalde, oberhalb des Wasenmeistermätteli. Wir sind also wieder in vertrauter beruflicher Nachbarschaft!

Hier sei eine Zwischenbemerkung gestattet: Die Wasenmeisterei oder Tierkörperbeseitigung nahm im 18. Jahrhundert geordnete Formen an. In Bern finden sich erste Vorschriften 1750, die «Instruktion» von 1786 galt über 60 Jahre. Sie hatte ursprünglich durchaus ihren guten Sinn, allein schon als beschränkte Überwachungsmöglichkeit der Tierseuchen. Mit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Veterinärmedizin wurde das von Aberglauben umrankte Gewerbe zum Anachronismus. Anker nennt es 1843 (1) einen am Volkswohl nagenden Wurm, der eine parasitische, anmassende Stellung eingenommen habe. Fast erst unter dem Druck kantonaler Konkordate und von Bundesgesetzen kam auch der Staat Bern zu einer moderneren Haltung. Die alte Wasenmeisterei verschwand, nicht aber das Problem. Heute sind in der Schweiz jährlich etwa 115000 Tonnen Schlachtabfälle und Tierkörper zu beseitigen, beziehungsweise zu verwerten. Zum Teil haben sich private Organisationen in vorbildlicher Weise der Sache angenommen (2). Der Idealzustand ist zwar noch nicht erreicht. Dies zeigt die Tatsache, dass 1978 in den Rechen der Aare-Rhein-Kraftwerke über 4 Tonnen Tierkadaver angeschwemmt wurden; immerhin ein Fortschritt, denn 1958 waren es noch 13.5 Tonnen! Gegenüber der chemischen ist allerdings diese biologische Belastung für Vater Rhein quantité négligeable.

Das Haus an der Engehalde wird umgebaut, Stauungen und eine Schmiede kommen dazu; nach zwei Jahren erfolgt der Umzug. Sogleich sind die Ställe zu klein und müssen erweitert werden. Es gibt Diskussionen mit der Kuratel: um Anker's Amtswohnung, um Kollision von Vorlesungen mit Emmert, um zu hohe Rechnungen für Lampenöl und Schwefelhölzchen. Jede Zeit hat ihre Sorgen!

Die Restauration geht zu Ende; 1832 wird Anker Professor; am 14. Mai 1834 stirbt Emmert. Zwei seiner Söhne wurden Professoren an der medizinischen Fakultät; seine Ururenkel leben noch heute in Bern.

Viertes Stück

Das Jahr 1834 bringt die Gründung der Hochschule. Die Tierarznei wird, wie dies aus dem Reglement über die Organisation der Studien vom 25. April 1834 hervorgeht, als intergrierender Bestandteil der medizinischen Fakultät betrachtet, ihr Status aber nie gesetzlich verankert, was sich erst 30 Jahre später herausstellt. Es gibt nur ein Studienreglement für die Tiermedizin, das Anker und Gerber, als Extraordinarii übernommen, entwerfen. Heinrich Koller als Protégé Ankers, J.J. Rychner (7) als solcher des nun verblichenen Emmert und damit eine Art Eindringling, ergänzen den Lehrkörper. Anker und Rychner bleiben Gegenspieler für 30 Jahre, zugleich kontraproduktive und produktive Situation: Rychner weicht von der ihm weitgehend verschlossenen Pferdeheilkunde auf jene der Rinder aus und wird damit einer der Begründer der für unser Land so wichtigen Buiatrik. Anker und Koller beschweren sich in einer Eingabe über Rychner, der sich nicht an das Studienreglement halte. Konflikt zwischen dem idealistischen Postulat der Lehr- und Lernfreiheit und der rauhen Notwendigkeit von Lehrplänen; so alt und so jung wie die Universität selbst. Rychner sagt, dass jeder der Herren Professoren und Dozenten rücksichtslos die Fächer zum Vortrag wählten, die ihnen beliebten: die Situation war zeitweise chaotisch. Ignaz Paul Vital Troxler, Professor der Philosophie, las 1845 seine Psychologie morgens von 5-6; ein bedenkenswertes Mittel, den Zustrom zu diesem Fach in vernünftigen Grenzen zu halten.

Gerber übersiedelte mit der Tieranatomie 1836 in die neuerbaute Humananatomie (13), deren Prosektor er war. Sie stand am Platz des heutigen Amtshauses und hatte Teile des Kohlerturms — die Zerstörung der mittelalterlichen Befestigungen war schon in vollem Gange (14) — als Leichenkeller und Amphitheater einbezogen. Noch aber lebte man im lieben alten Bern, das wie ein Juwel «zwischen grünen Hügeln und Träumen» lag. Rychner (22) schildert das Tierspital als kleine Campagne etwa 350 Schritte vom Aarbergertor entfernt an einer sonnigen Halde, als grasreichen Wiesengrund, reichlich mit fruchtbaren Obstbäumen bepflanzt, mit zwei Gemüse- und einem kleinen Blumengarten und zwei Brunnen mit vortrefflichem Wasser. «Dem Auge stellt sich überdies der interessanteste Theil der Alpenkette nebst einigen anderen, wirklich schön zu nennenden Echappés dar».

Jedoch, neben menschlichen Schwierigkeiten lagen andere Schatten auf dieser Idylle. Immer noch war nächster Nachbar der Wasenplatz, der in der warmen Jahreszeit die ganze Gegend verpestete. Die 1831er Regierung schliesslich hatte «den unerhörten Einfall, in ihre Einfriedungen noch eine, wer weiss wie weit sich ausdehnende Grabstätte» für die im Schallenwerk gestorbenen Menschen zu errichten.

Politisch scheint man sich — es gab wohl hautnahere Sorgen — in der Sturm- und Drangperiode der Hochschule (11) nicht profiliert zu haben. Es wäre denn der glorreiche Einsatz dreier Veterinäre in der denkwürdigen Schlägerei vom 3. Juni 42, zwischen Studenten und Milizen, am Ständli beim Zeitglocken.

Am 6. Oktober 1863 stirbt Anker, ein müder, gebrochener Mann. (Albert Anker, der Maler, war sein Neffe.) Die drei übrigen Lehrer sind verbraucht, der Unterricht verstaubt, das 40jährige Tierspital verlottert. 1864 zählt man noch 6 Studenten. Die Berufung Rudolf Zangger's, Direktor der Zürcher Tierarzneischule, sollte die Lage retten, aber Zangger lehnte ab. Bern wollte seinen Vorstellungen von einer eidgenössischen Schule, von Unterdrückung der tierärztlichen Pfuscherei nicht folgen. (Tatsächlich waren noch 1865 unter 150 Personen, die im Kanton Bern Tierheilkunde betrieben, nur deren 40 patentierte Tierärzte, und die staatlich geduldeten Zustände höchst beschämend.) Man war taub für die Hebung des tierärztlichen Standes und die Strahlung der Tierseuchenordnung. Nach langen und teils heftigen Debatten, in denen sich — wie Rubeli (21) sagt — die Grossräte Dr. Schneider, von Goumoëns und Dr. Karl Tièche mit grosser Wärme und Sachkenntnis des Stiefkindes Tierarzneischule annahmen, wurde im September 1868 das «Gesetz betreffend die Thierarzneischule des Kantons Bern« verabschiedet. Trotz der Wendung in Paragraph 1: «eine mit der Hochschule verbundene Thierarzneischule» bedeutete es — wie schon in einem Gesetzesentwurf von 1852 geplant — die faktische Lostrennung von der Universität. Im Frühjahr 1869 wurde tabula rasa gemacht: die Professoren Gerber, Koller und Rychner schickte man in Pension.

Fünftes Stück

Nun musste etwas für die personelle Verjüngung geschehen. Die Gebäude allerdings — von denen Dr. Tièche sagte, dass sie voller Risse seien und demnächst einzustürzen drohten — dürfen ihren Dienst noch weitere 25 Jahre tun. Die Regierung — möglicherweise unter dem Einfluss des Anatomen Aeby, der die medizinische Fakultät mit Sternen erster Ordnung schmückte (obzwar er gelegentlich einen übersah wie etwa Theodor Kocher) — beruft deutsche Dozenten: Pütz, dem die Direktion übertragen wird, Metzdorf, Leonhardt, Anacker, Hartmann. Sie vergisst aber auch die bewährte Methode von anno 1812 nicht und schickt zwei Stipendiaten auf die Reise. Einer wird die Investition lohnen: David von Niederhäusern, 1869 Prosektor, 1872 Leiter der ambulatorischen Klinik, 1874 Extraordinarius und 1877, als Pütz nach Halle geht, Direktor. Die naturwissenschaftlichen Fächer werden nun an der Hochschule gehört; das gleiche gilt ab 1884 für die Physiologie.

Das neue Team, unter der Führung des energischen und kompetenten Pütz zeigt sich aufsässig und betreibt mit Energie die Wiedereingliederung in die Hochschule. Schon 1870 werden die Anforderungen an die Vorbildung der Schüler verschärft. Erste Vorstösse macht Pütz auf publizistischer Ebene, dann erfolgen Eingaben an Senat und Erziehungsdirektion. Frühjahr 1876 legt Regierungsrat Ritschard ein Reglement vor, das dieses Anliegen verwirklichen soll. Eine Fraktion des Senats, angeführt von Prof. Karl Gustav König, ficht es an. Die Juristen

als Gralshüter des Hochschulgesetzes — nicht ganz zu Unrecht, wie wir Späteren feststellen müssen. Kaum geboren, wird das Reglement suspendiert. Die Gesetzesrevision Ritschards aber verschwindet mit ihm von der Bühne - für 76 Jahre. Bis 1877 sind Leonhardt, Anacker, Metzdorf und Pütz nach Deutschland zurückgekehrt. Es setzt eine Welle von Berufungen aus Zürich ein: Guillebeau, Bugnion, Berdez, Luchsinger. Hat wohl der gewaltige Zangger, neben seinem Direktorenamt eidgenössischer Oberpferdarzt und Viehseuchenkommissär, Kantons-, National-, dann Ständerat, in Permanenz Präsident der Gesellschaft schweizerischer Tierärzte und Redaktor des Archivs (die er beide sanft einschlummern lässt), Anteil daran? Er stirbt, noch nicht 56 (25), im gleichen Jahre 1882 wie von Niederhäusern (35) und Hartmann (44). Langsam beginnt der Berner Nachwuchs stärker in Erscheinung zu treten, mit Hess, Noyer und Rubeli, dem nachmaligen Anatomen und Geschichtsschreiber der Schule. Das Bundesgesetz betreffend die Freizügigkeit der Medizinalpersonen (1877) wird gefolgt von Verordnungen über die eidgenössischen Medizinalprüfungen (1878, 1880), mit erhöhten Anforderungen an die Vorbildung und Verlängerung des Studiums. Eine Enquètekommission befürwortet 1884 die Errichtung einer eidgenössischen Tierarzneischule. Die Professorenschaft von Bern und Zürich — wohl verzweifelnd am Zustand ihrer Einrichtungen — begrüsst dies. Noch 1889 und 1890 erklärt die Bundesversammlung diese (wie auch eine eidg. Kunstschule) für erheblich. Doch schon damals ist nicht alles Erhebliche auch erschwinglich. Immerhin, das Ferment wirkte: Ende 1890 beschliesst der Grosse Rat einen Kredit von Fr. 544000.- für den Neubau von Tierarznei- und Hufbeschlagsschule. Und der «vergnügte Pessimist» (R. Feller) Alfred Scheurer, Finanzdirektor, gibt das Geld! In der Morgenfrühe des 15. Oktober 1891 zerstört ein Brand teilweise das alte Hauptgebäude. Die Bibliothek nimmt erheblichen Schaden und ein Assistent rettet sich nur durch kühnen Sprung auf eine benachbarte Ulme. Fanal zum Neubeginn! Nach vier Jahren waren die Bauten bezogen — sie sind heute noch an der Engehalde zu bewundern, geisteswissenschaftlich aufgewertet. Stolz konnte man die moderne, geräumige und blitzneue Schule den Teilnehmern des VI. Internationalen tierärztlichen Kongresses vorführen, der im September 1895 in Bern tagte. — Im Oktober 1898 nimmt die Gesellschaft schweizerischer Tierärzte einstimmig den Vorschlag an (nicht ohne einen Schuss Brotkorb~Hintergedanken), für das Veterinärstudium Maturitätsreife zu verlangen. Hoffen wir, dass nicht heute, unter dem trügerischen Banner der Demokratisierung des Studiums, der lange Marsch nach rückwärts angetreten wird. Am 9. Januar 1899 richtet der Lehrkörper an die Erziehungsdirektion das Gesuch um Wiedereingliederung in die Hochschule. Am 11. Dezember stellt ein Bundesbeschluss die Vorbildung der Tierärzte jener der Ärzte gleich. — Wir stehen also vor der erstaunlichen Tatsache, dass die Schule 34 Jahre ohne gesetzliche Grundlage, dann weitere 32 Jahre mit einem untauglichen Gesetz und einem suspendierten Reglement lebte und dass die Dinge

trotzdem ihren zwar langsamen, aber unausweichlich richtigen Verlauf nahmen. — Damit kommen wir nicht nur zur Jahrhundertwende, sondern auch zu unserem

sechsten und vorletzten Stück.

Am 21. Januar 1900 nimmt das Berner Volk mit grossem Mehr das «Gesetz betreffend die Verschmelzung der Tierarzneischule mit der Hochschule» an. Die fünf bisherigen Professoren werden als Ordinarii bestätigt. Reglemente über Habilitation und Promotion folgen. Bald strömen immer zahlreicher nicht Doktoranden, sondern Dissertationen nach Bern, vor allem aus Deutschland. Unter diesen frühen Berner Doktoranden finden sich prominente Namen wie Jakob mit den meisten Utrechter Dozenten, Valentin Stang, Sir Arnold Theiler und weitere Professoren von Pretoria. 1909 entfesselt «Der Bund» eine Pressepolemik gegen die Fakultät. Sie muss unter dem Druck der Regierung ein Pflichtsemester einführen: 1910 zählt man 137 Studenten, davon 90 ausländische Doktoranden. Die Fakultät ändert ihr Reglement und verlangt den Maturitätsausweis, wie dies schon für die Schweizer galt. So oder so geht der Andrang rasch zurück; bis zum Weltkrieg erlangen auch die deutschen Schulen das Promotionsrecht (23). — Der verdiente Pathologe Guillebeau tritt 1913 in den Ruhestand: sein Nachfolger Belisar Huguenin wird bis zu seinem Tode 1940 auch die Bakteriologie mitschleppen müssen. Man erwacht in dieser Hinsicht recht spät. Ernst Hess, der Buiater, stirbt 1920 und wird durch Ernst Wyssmann ersetzt, Emil Noyer 1925. Auf seinen Lehrstuhl kommt Werner Steck aus Onderstepoort. Mit ihm erst fasst das klinische Laboratorium an der Fakultät Fuss, an der medizinischen mit Nencki (3) schon 1872 inauguriert. Mit ihm auch beginnt jene Generation von Lehrern, der der Sprechende und viele jüngere ihre berufliche Grundausbildung verdanken. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges steigt die Studentenzahl bis auf 120, und erstmals ist im Grossen Rat von «engen und rückständigen Instituten» die Rede. Für ein Jahrzehnt sabotiert die schwebende Frage der Eisenbahnzufahrt anstelle der Roten Brücke alle Pläne. Anfangs der 30er Jahre gibt es infolge Pensionierungen ein gewisses Revirement, und langsam, stückweise erzwingt die Ausweitung der Fächer den Ausbau durch Innenkolonisation, obschon die Zahl der Studenten stark zurückgegangen ist. Der Zweite Weltkrieg brachte — man darf wohl sagen für ein Jahrzehnt — die Zurückstellung üppiger Wünsche. Trotzdem wuchs, wie auf einer Naturwiese, das eine oder andere Kräutlein langsam heran. So keimte auch mein eigenes Fachgebiet, die vergleichende Neurologie, zaghaft aus dem Samen den Ernst Frauchiger gesteckt hatte. Das grösste und überfällige Ereignis war die Trennung von Pathologie und Mikrobiologie in zwei selbständige Lehrstühle. Vor lauter Freude über den Fortschritt vergass man, dass die Mitgift geteilt werden musste. Man schrieb das Jahr 1940.

Voten von Wirr und Berger im Grossen Rat brachten die Diskussion um die bauliche Sanierung der Fakultät — landläufig

des Tierspitals — wieder in Gang. Die Bürgergemeinde sicherte 1954 das Bauareal zu, 1955 begab sich eine Delegation auf Reisen, um aus den Fehlern anderer zu lernen; was dann durch hauseigene Irrtümer einigermassen kompensiert wurde. Ab 1957 Projektwettbewerb, Überarbeitung des Entwurfes von Architekt Werner Schwaar, Annahme der Vorlage von gut 21 Millionen in der Volksabstimmung vom 4. Juni 1961: Torverhältnis 4:1. Im Herbst 1962 Beginn der Erdbewegungen. Auf einem der Pflanzblätze, die zu räumen waren, stand ein Täfelchen mit der Inschrift: Wehe den Gartenmördern. Wenn ich heute unsere grossgewordenen Bäume sehe, unter denen friedliche Schafe das teure Gras abweiden, fühle ich mich ein wenig getröstet. Doch damit beginnt unser

siebentes und endgültig letztes Stück,

das nicht mehr von Geschichte handeln soll, sondern von der Gegenwart und ganz wenig von jenem Imaginären, das man Zukunft nennt. 1965 bezogen wir unsere schönen, ideal gelegenen neuen Gebäude. Die damalige Fakultät fühlte sich wie ein Kind, das sich wohlig in Grossmutters frisch bezogenem, viel zu grossem Bett räkelt. Inzwischen ist das Kind — wer fände dies nicht in Ordnung? — gewachsen, und auch im breiten Bett stösst es mit Kopf und Füssen an. Die Studentenzahl hat sich in 15 Jahren fast vervierfacht, was besonders im anatomischen und klinischen Unterricht kaum noch zu verkraften ist. Vervielfacht aber haben sich die Aufgaben, die aus dem ganzen Lande an unsere Institute und Kliniken herangetragen werden. Auf diese Dienstleistungen können und wollen wir nicht verzichten, da sie der Lehre und Forschung, und zwar in eminent praxisbezogener Weise, zugute kommen. Der Weg zwischen ökonomischer und medizinischer Wissenschaft muss sorgfältig und immer neu gesucht werden (24). Weder in einer, gelegentlich propagierten, alleinigen Ausrichtung auf die Landwirtschaft (28) — die als traditionell sparsamer Wirtschaftszweig eine eher karge Blüte verspräche noch in der blossen Forcierung hochkarätiger kurativer Individualmedizin liegt unsere Aufgabe. Nur die möglichst breite Teilhabe am medizinischen Fortschritt und eine ökonomische Übertragung auf unsere spezifischen Gegebenheiten wird letzten Endes auch für den Menschen das höchste Rendement ergeben. Es scheint mir, dass wir hierzulande dieser Forderung nachleben.

In seiner Rektoratsrede entwarf Hans Fey (8) ein faszinierendes Bild der Tiermedizin und zeigte, dass sie, dem Menschen gleichermassen verpflichtet wie der stummen Kreatur, Brücke zwischen den medizinischen und biologischen Wissenschaften sein kann. Ihre fast unbegrenzten Möglichkeiten öffnen sich aber nur dem, der gewillt ist, seinen höchsten Einsatz zu leisten. Gewiss sind auch wir gegen Zulassungsbeschränkungen. Doch dürfen unsere Absolventen nicht im Unklaren darüber bleiben, dass das Berufsleben seinen eigenen Numerus clausus mit ihrer Zahl verschärfen wird. Es herrscht scheinbar Einigkeit, dass die Hochschulen Sache des ganzen Landes

sind. Weniger Konsens besteht in der Frage, wie diese Einsicht zu materialisieren sei. Wie auch immer die Teilnahme des übrigen Landes aussehen wird, bedenke man, dass zwei Fakultäten die Tierärzteausbildung und zahlreiche Leistungen für die ganze Schweiz tragen. Eine etwas weniger diffuse und verbale Solidarität sollte es Bern und Zürich ermöglichen, auch forthin ihre veterinärmedizinischen Schulen auf der Höhe der Zeit zu halten, und zwar — wie es in der Verordnung über die zürcherische von 1820 hiess — «ohne Aufwendung allzu kostbarer, dem Staate lästiger Mittel». Wir sollten nicht mit leisem Neid auf lateinamerikanische Schwesterfakultäten blicken müssen, wo unsere Entwicklungshilfe — zu Recht — Lehrgüter aufbaut und unterhält, welche für uns ins Gebiet der Utopie gehören.

Ich meine, es sei nicht Sentimentalität à la Belle Epoque, was Gottfried Keller der Zürcher Universität zu ihrem 50. Geburtstag zurief, sondern schlichte, für alle unsere Hochschulen gültige Wahrheit:

Kein fürstlicher Reichtum
kein Erbe der Väter
erhält uns die Schule
auf schwankem Gesetz.
Sie steht in dem Äther
des täglichen Willens,
des täglichen Opfers
des Volkes gebaut.

Es tut not einzusehen, dass damit nicht das Zürcher oder Berner, sondern das ganze Schweizervolk gemeint sein muss und dass diese Forderung für die tierärztliche Versorgung des Landes besonders brennend ist.

Literatur

Ausführliche bibliographische und biographische Angaben finden sich bei Fankhauser R. und Hörning B.: 175 Jahre tierärztliche Lehranstalt zu Bern. Schweiz. Arch. Tierheilkunde 122 (2) 57-94 (1980).