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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Einige Betrachtungen über den Geist unserer Zeit.

Academische Rede am
12. September 1834 gehalten
von
Dr. W. M. L. de Wette
d. Z. Rector der Basler Universität.
Basel,
in der Schweighauser'schen Buchhandlung.

P.P.

Im Namen der Universität jetzt das Wort zu nehmen, ohne an ihre Stellung in der Zeit und ihr mit dem Unglücke Basels verflochtenes Schicksal zu erinnern, ist unmöglich. Zugleich ist für mich, da ich schon zweimal als Rector von diesem Orte geredet, ein Rückblick auf die frühern Jahre natürlich. Wie sehr haben sich seitdem die Zeitumstände geändert in Beziehung auf unsre Anstalt, unsre Vaterstadt, die Schweiz, Europa! Damals genoß die politische Welt fast allgemein der Ruhe vermöge des herrschenden Systems der Erhaltung, welches ganz wohlthätig zu nennen gewesen wäre, wenn es nicht zugleich die Principien der Reaction, Unterdrückung und Verfinsterung in sich aufgenommen hätte. Damals war Basel, obgleich dem Systeme der Erhaltung angehörig, einer der wenigen Lichtpunkte auf dem festen Lande von Europa, eine Zufluchtsstätte der Freisinnigkeit; als Freundin wohlthätiger, zeitgemäßer Verbesserungen und Fortschritte stand es an der Spitze der Eidgenossenschaft, deren meiste Stände sich träg und leidend gegen Anmaßungen von außen verhielten. Mit welchen heitern, obschon nicht überspannten Hoffnungen folgte ich dem Rufe hieher! Ich sprach sie an diesem Orte aus. Wir alle, die wir von der Fremde hieher gekommen, hegten sie, und die Erneuerer der Universität selbst hatten sie gehegt. Wir hofften, diese Anstalt, die erste im deutschen Sinne eingerichtete Hochschule der Schweiz, würde, wo nicht die allgemein besuchte und allgemein anerkannte,

gewissermaßen die Centralanstalt der Eidgenossenschaften werden, so doch eine lebendige Theilnahme und Anerkennung in denjenigen Kantonen finden, welche keine höheren Unterrichtsanstalten besaßen. Zwar wurde dabei, aus reger, warmer Theilnahme, zu wenig Rücksicht genommen auf die von innen und außen entgegenstehende Kälte, Trägheit, Abneigung, Eifersucht, Beschränktheit; allein zum Theil, und vorzüglich in Beziehung auf die theologische Facultät, erfüllten sich diese Hoffnungen wirklich. Wir erfreuten uns eines ziemlich zahlreichen Besuchs von außen; die jungen Bürger gewannen Geschmack an gründlichen, freisinnigen Studien; es traten bedeutende einheimische Talente, zum Theil von der erneuerten Anstalt selbst gebildet, in die Reihe der Mitarbeiter; nur Gelehrte aus andern Kantonen hieher zu ziehen wollte uns nicht gelingen, und einer, der hieher kam, kam zu unserm Unglücke. — Heilloser Unverstand hatte das gefesselte Ungeheuer der Revolution so lange gereizt, bis es sich wieder losriß: die Pariser Juliusrevolution kam, und in Folge derselben die schweizerische von 1830 und 1831. Basel trat auch jetzt wieder mit weiser Mäßigung an die Spitze, und wollte der Revolution durch gesetzliche Reform begegnen. Aber die in der Schweiz herrschend gewordene Faction wollte keine Mäßigung, keine Reform, sondern Aufruhr und Umwälzung; und ihr, welche mit allen Waffen der Lüge, Treulosigkeit und Wortbrüchigkeit kämpfte, und durch die falsche Friedensliebe und charakterlose Klugheit der Gemäßigten unterstützt wurde, unterlag Basel unter schweren Opfern und Verlusten. Indeß wird die reiche Handels- und Gewerbsstadt am Rheine diese Verluste, und selbst den der abgerissenen Landschaft verschmerzen, wenn durch Staatsklugheit und Einsicht in den wahren Vortheil die daraus zu fürchtenden Nachtheile vermieden werden. Die den Familien geschlagenen Wunden wird der Trost des Glaubens und die Wohlthat der Zeit heilen. Und in jedem Sau waren der

Staat und die Bürgerschaft in den Kampf getreten, und hatten die unglücklichen Folgen desselben zu tragen. Aber warum mußten diese am schwersten unsre ganz unbetheiligte Anstalt treffen? Sie hatte doch nicht am Kampfe Theil genommen; hatten es deren Mitglieder gethan, so hatten sie es als Bürger und Schutzverwandte des Staates gethan; sie selbst aber hätte sollen, wie die Wissenschaft, der sie angehört, vom Streite und dessen Folgen unberührt bleiben. Aber sie war allerdings der willkommenste Gegenstand theils der Plünderungslust, theils der Rachsucht des Partheigeistes. Ohne ihr Vermögen. in die Theilung zu ziehen, hätte man Basel nicht viel abnehmen können, wenigstens nicht mit einigem Scheine des Rechts. Die Wissenschaft, wenn sie sich dem zerstörenden Treiben abhold zeigt, ist den Factionsmännern der Revolution am meisten verhaßt, verhaßter, als aller Widerstand der Macht und Thatkraft. Und wie konnte man Basel empfindlicher strafen, als wenn man in ihm die Pflanzstätte der Bildung zerstörte? Die Geldverluste ersetzt der Handels- und Erwerbsgeist; aber lau und abgeneigt zeigt sich dieser Geist (das wissen Basels Feinde und Freunde recht gut!), wenn es gilt die Anforderungen der wissenschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Zerstören konnte man die verhaßte Stadt nicht — man hätte es gern gethan! — aber zur Unbedeutendheit konnte man sie vielleicht herabdrücken, und dazu sollte die Zerstörung der Universität dienen, deren alte Erinnerungen und neue, verbesserte Einrichtungen Basel noch außer seiner Wichtigkeit als Handels- und Gewerbsstadt Ruhm und Bedeutung verliehen hatten. Der Zerstörungsplan schien am Obmanne des Schiedsgerichts den Vollzieher gefunden zu haben; seine spätern Sprüche jedoch entsprachen nicht ganz der Erwartung: vielmehr schienen sie den Vortheil der Wissenschaft und Anstalt sicher zu stellen. Aber indem zu deren Gunsten der ohnehin durch den Revolutionskampf und die Theilung geschwächte und verkleinerte Staat

mit einer starken Auskaufssumme für das, was niemand verkaufen konnte, was durch das heiligste Recht an Basel geknüpft war, beschwert wurde, fiel auf die Anstalt selbt, wenigstens mittelbar, eine drückende, wo nicht erdrückende Last zurück. Und wenn wir uns nur in dieser Lage der Theilnahme von außen zu erfreuen hätten! Aber wo zeigt sich in der Schweiz die Entrüstung der öffentlichen Gerechtigkeitsliebe über das, was wir erleiden? wo die Anerkennung dessen, was wir geleistet haben und noch leisten? Scheint es doch, als wenn Fähigkeit und Verdienst hiesiger Lehrer durch ihre angeblich aristokratischen Grundsätze in den Augen der unterrichtsbedürftigen Jugend und ihrer Führer rein ausgelöscht wären! Freunde hatten wir nie viel in der Schweiz; nun aber sind die wenigen, die wir hatten, erkaltet oder verstummt; und Feinde sind uns selbt diejenigen geworden, denen wir ehedem mit Vertrauen entgegengekommen, um sie an unsre Anstalt zu knüpfen.

Nun, es ist so; wir stehen von der Schweiz gemißhandelt, verkannt, verlassen, auf uns selbst gewiesen da. Es wird sich nun zunächst darum handeln, was wir für unsre Stadt bleiben und wirken können. Basel wird darüber einen besonnenen und ehrenhaften Entschluß fassen; es wird seine Stellung in der Zeit erkennen, und würdig derselben handeln. Mir aber sei an diesem feierlichen, durch die Zeitumstände doppelt feierlichen Tage vergönnt, einige zweckmäßige Betrachtungen über den Geist unsrer Zeit, (unsrer Zeit, die sich uns so feindselig und verderblich bewiesen!) anzustellen, wobei sich die Rückbeziehungen und Nutzanwendungen auf uns selbst ungesucht darbieten werden. Ich bitte um geneigte Aufmerksamkeit, um so mehr, als der reiche Stoff mir keine Kürze erlaubt.

Wenn ich vom Geiste unsrer Zeit zu reden mich anschicke, so erwartet man, daß ich vom Liberalismus oder Radicalismus in der Politik reden will. In der That ist ja

unsre Zeit ganz in die Politik verschlungen; ihr liegt nicht mehr viel an Religion, Wissenschaft und Kunst; Politik ist ihr Eins und Alles; es ist ihre Religion, wie neulich eines der Häupter des Radicalismus in der Schweiz offenherzig genug gestanden hat. Vom politischen Geiste unsrer Tage will ich auch wirklich reden, aber auch noch von andern Seiten deo Zeitgeistes, und dabei auf die richtigen Grundsätze zurückgehen.

Die Menschheit — die europäische nämlich, in welcher allein der Geist der Freiheit zu leben scheint — ist mit ihrem ganzen, sowohl sinnlichen als geistigen Leben in einer, nur theilweise und jeweilen (oft auch nur scheinbar) unterbrochenen Bewegung; und das, was wir Zeitgeist nennen, zeigt sich in dieser Bewegung oder im Stillstande. Bewegung, Fortschritt, ist für die ganze Menschheit und die Völkerschaften so nothwendig, als für den einzelnen Menschen; Stillstand ist Verderbniß, Fäulniß, Tod. Wer die Bewegung nicht wollte, würde behaupten müssen, (es wird es aber niemand behaupten wollen,) daß die Menschheit den höchsten Grad von Vollkommenheit erreicht habe, oder daß Vollkommenheit nicht anzustreben sei, wofür doch der Schöpfer einen unvertilglichen Trieb in uns gelegt hat.

Der Mensch ist dazu bestimmt die Natur zu beherrschen und seinen Zwecken dienstbar zu machen; er ist ein betriebsames, erfinderisches Geschöpf; und der Lohn seiner Thätigkeit in dieser Art ist Bequemlichkeit, Genuß, Wohlseyn; eine mächtige Lockung! In dieser technischen Ausbildung ist die europäische Menschheit den Völkern des Alterthums und der übrigen Erdtheile weit vorgeschritten. Die Betriebsamkeit hat sich die mathematischen und Naturwissenschaften dienstbar gemacht und mit ihrer Hülfe Bewundernswürdiges geleistet. Und mit den Mitteln, die Gaben der Natur in die Gewalt zu bekommen, zu bearbeiten und zu verfeinern, hat sich auch der Reichthum und Lebensgenuß vermehrt und

vervielfältigt, so daß bei uns die weniger Wohlhabenden Genüsse des Luxus kennen, welche sonst die Reichen entbehrten. Aber wenn auch dadurch nicht gerade gröbere Laster begünstigt werden, so übt doch diese Betriebsamkeit und Verfeinerung auf das geistige und sittliche Leben einen Einfluß aus, der sehr verderblich werden kann. Weil so viel Verstand und Geisteskraft, so viel Geschmack und Schönheitssinn auf die Vervollkommnung des sinnlichen Lebens gewandt wird: so geräth der Geist, indem er sich auf der einen Seite von der Natur unabhängig macht, auf der andern Seite in eine desto schlimmere Knechtschaft; er findet in der Lösung der Aufgaben der Betriebsamkeit und in dem feinen Genusse ihrer Früchte einen nur für allzu wichtig geachteten Zweck, über dem er leicht die höhern Lebenszwecke vergißt. In keiner Zeit hat wohl so viel weltliche Gesinnung, so viel Eigensucht, so viel Liebe zum Haben und Genießen geherrscht, als in der unsrigen. Ein gröberer oder feinerer Materialismus, d. h. eine Gesinnung, welche allein das Angenehme und Nützliche schätzt, und alle höhere Begeisterung gering achtet und verspottet, ist unter uns sehr weit verbreitet. Unser Zeitgeist ist ein kluges Kind der Welt, aber die Klugheit der Kinder des Lichts ist ihm eine Thorheit; wir sind reich, nicht nur an Gütern dieser Welt, sondern auch an Kenntnissen und Geschicklichkeiten, aber nicht reich in Gott.

Indessen herrscht gleiche Regsamkeit und Lebendigkeit auch in den höhern Gebieten des Lebens, in Wissenschaft, Religion und Staatsleben: überall ist man bemüht fortzuschreiten, zu verbessern, Neues zu schaffen. Um aber den Geist unsrer Zeit in dieser Hinsicht zu beurtheilen, bedarf es gewisser leitender Ideen, welche wir kurz andeuten wollen.

In der geistigen Bildung des Menschen ist theils ein tieferer, aber unbewußter Trieb, theils die Gewohnheit, theils der freibewußte Verstand, theils die höhere, von Gott gegebene und begeisterte Weisheit wirksam. Das Ergebniß

aller dieser wirkenden Kräfte ist gemischt aus Wahrheit und Irrthum, Weisheit und Thorheit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Sittlichkeit und Verderbniß. Der Trieb sucht das Wahre urd Gute, findet es aber nicht immer, wenigstens nicht rein, weil ihn die thierische Begierde verwirrt und trübt; die Gewohnheit hält das Gefundene, selbst das Fehlerhafte, starr fest und heiligt es; der Verstand will immerfort bessern, und irrt oft desto mehr; denn Willkür und darum Irrthum ist sein Loos, und er unterliegt dem verderblichen Einflusse der Leidenschaften und übeln Gewohnheiten; die göttliche Weisheit aber wird entweder nicht gehört, oder falsch gedeutet. Die Bewegung und der Fortschritt sind nun eigentlich immer Sache des Verstandes, welcher das Vorhandene frei beurtheilen und mit dem ihm gehorsamen freien Willen umgestalten soll. Die naturgemäße, stätige Bewegung ist die Reform, die schrittmäßige, ruhige Umbildung des Fehlerhaften zum Bessern, ohne Losreißung vom Bestehenden, mit kluger, liebender Benutzung desselben. Gewaltsam dagegen und naturwidrig ist die Bewegung in der Revolution, in der Umwälzung des Bestehenden, in der Losreißung von alten, tiefgegründeten, nur der Verbesserung bedürftigen Einrichtungen und Gewohnheiten. Sie ist zu entschuldigen, wenn sie durch den Drang der Umstände, aber der höchste Frevel, wenn sie durch irregeleiteten Verstand und hochmüthige Willkür herbeigeführt wird. Die Reform ist gesund, wohlthätig und zweckmäßig, wenn der umbildende Verstand lauter, bescheiden und sinnig auf die Stimme des Triebes, welcher, als von Gott eingepflanzt, eine Gottesoffenbarung ist, und auf die Stimme der höhern, von Gott gegebenen Weisheit hört, und in seinen neuen Bildungen sich nicht von diesen Führern entfernt; wenn er nichts bildet und hinstellt, was nicht dem bessern Gefühle des Volkes und der Einzelnen entspricht. Ungesund und schädlich ist eine Reform nach Wahnbegriffen, hohlen Abstractionen, künstlichen

Systemen und träumerischen Idealen eines der Natur und Gottesoffenbarung entfremdeten, in eitler Einbildung aufgeblähten Verstandes.

Selten, daß die Bildung, zumal in der Religion und im Staatsleben, sich in naturgemäße gesunder Reform fort bewegt. Es scheint ein unausweichliches Schicksal der Menschheit, daß sie in einer einmal eingeschlagenen falschen oder einseitigen Richtung so weit fortgeht, bis die Ungereimtheit oder der Druck und Schade handgreiflich und unerträglich werden. Begierde, Gewohnheit, Leidenschaft, Verstand, alles verbündet sich, um eine solche Richtung bis zu ihrem Aeussersten zu treiben; nur einzelne Stimmen warnen, aber vergeblich. Ist man dann bei diesem Aeußersten angelangt, so ist gewöhnlich eine stätige Reform nicht mehr möglich; es kommt zum erhitzten Widerspruch und Widerstande, und somit zur Revolution. Man reißt das Alte um, oder wirkt es weg, und stellt etwas ganz Neues hin, was dann als übereiltes, ungesundes Machwerk des willkürlichen Verstandes den Keim des Verderbens in sich trägt.

So quälte sich die Philosophie seit Aristoteles mit der Logik ab, durch die sie alle Räthsel der Welt lösen zu können hoffte. Daneben hielt sie sich, beim Mangel lebendiger Natur-, Sprach- und Geschichtsforschung, an eine oberflächliche Erfahrung, und aus dieser und Logik war die Weisheit zusammengesetzt. Endlich erwachte das Mißtrauen gegen diese unbrauchbare Lehre; aber nun sprang man, sich von der Erfahrung ganz losreißend, in den Idealismus um, dem aber doch noch immer das Vorurtheil für die Logik anhing. Ein selbstgeschaffenes, auf logische Begriffe gegründetes, aus leeren Einbildungen oder halben Wahrheiten zusammengesetztes Gebäude, des gesunden Wahrheitssinnes spottend, ward als Heiligthum der Weisheit hingestellt, in welchem Alle, Staatsmänner, Gottesgelehrte, Arzneikundige, ihre Weihe empfangen sollten, aber nur um daraus Wahnbegriffe in das wirkliche

Leben hinüber zu nehmen und es dadurch zu verwirren. Wir nennen dieses Treiben des an der Wirklichkeit irre gewordenen, willkürlich bildenden Verstandes Rationalismus. Der Idealismus ist seine höchste Stufe; darin reißt er sich ganz von der Wirklichkeit los: es gibt aber auch untergeordnete Stufen desselben, auf denen er die Wirklichkeit noch gelten läßt, sie aber nach falschen oder einseitigen und oberflächlichen Begriffen mißt, veurtheilt und regelt. In der einseitigen Richtung des Verstandes, welcher gern Alles begreift und erklärt, macht diese Denkweise leicht von den Ergebnissen der Naturforschung einen einseitigen und übereilten Gebrauch, und wird so zum Naturalismus, zur Leugnung alles Geheimnißvollen und Uebernatürlichen. Viele unsrer Gebildeten setzen in diese Leugnung den Stolz ihrer Geistesüberlegenheit.

Die katholische Kirche überließ sich im Mittelalter der einseitigen Richtung nach dem Aeußerlichen, nach sinnlicher Anschaulichkeit im Kultus, nach äußerlicher Heiligkeit im Mönchswesen und in sogenannten guten Werken, nach weltlichen Formen des Regiments in der Hierarchie, bis endlich das Verderbniß so weit gediehen war, daß ein Bruch erfolgte in der sogenannten Reformation, die in sofern Revolution war, als sie die neue Kirche in Kultus und Regiment ganz von der katholischen abriß, in sofern aber den gesunden Geist der Reform bewahrte, als sie sich auf das Geschichtliche der christlichen Offenbarung und das Positive der heil. Schrift gründete. Revolutionär und radical waren dagegen die Schwärmer, welchen Luther und Zwingli nicht weit genug gingen, welche das innere Wort, anstatt des äußern, zu ihrem Princip machten. Nach der Reformation zeigte sich in der protestantischen Kirche selbst wieder eine falsche Richtung, die des dogmatischen starren Formalismus, ohne lebendige Schrifterklärung, ohne lebendiges Glaubensleben in Gemeinschaft und Kultus. Und so geschah

es, daß der Verstand an der ganzen Theologie irre wurde, das unwohnliche Gebäude derselben einriß, und ein neues zu bauen begann, aber dabei leider sowohl die Stimmen des frommen Triebes und der göttlichen Offenbarung überhörte oder falsch deutete, als auch das Bestehende, das Bedürfniß und die Gewohnheit des frommen Volkslebens, mißachtete. Wir wollen hiermit den theologischen Rationalismus bezeichnen, der sich seit den letzten Jahrzehenden des vorigen Jahrhunderts in Deutschland verbreitet hat. Er ist ungeschichtlich. Obgleich er sich von der Frechheit rein erhalten, sich von der christlichen Offenbarung und der heil. Schrift loszureißen; so lebt doch in ihm kein ächt geschichtlicher Geist, kein tiefes Verständniß der Schrift und des Alterthums: in der Deutung der christlichen Hieroglyphen ist er flach und trocken. Er will philosophisch seyn; es fehlt ihm aber an selbstständiger, tiefgehender Forschung, an gründlicher Erkenntniß der religiösen Gesetze und Bedürfnisse des menschlichen Gemüths, und vornehmlich an der Anerkennung dessen, was über die alltägliche Verstandesansicht hinausgeht. Er bleibt gern bei dem stehen, was dem sogenannten gesunden Menschenverstande zusagt, der aber oft sehr ungesund ist; er sucht das Begreifliche, Natürliche, Gemeine, und verspottet alles, was darüber hinausgeht, als Schwärmerei und Mysticismus. Insbesondere hält er es für etwas Hochwichtiges, die heilige Geschichte von allem Wunderbaren zu entkleiden, wobei er sich der ersten besten Ergebnisse der Naturforschung bedient, und arbeitet so dem Naturalismus in die Hände.

So lange der Rationalismus in der Opposition ist, (um diesen parlamentarischen Ausdruck zu gebrauchen,) ist er nicht nur erträglich, sondern auch ansprechend und heilsam, weil er reizt und anregt. Indem das alte System noch besteht und gilt, und dadurch das Leben eine gewisse Befriedigung erhält, weil doch wenigstens die Geheimnisse und Heiligthümer

des Glaubens noch nicht entweiht sind, und nur manche Schroffheiten und scheinbare Ungereimtheiten den Zweifel hervorrufen; ist es selbst den Bessern willkommen, die Kritik eines kecken, wenn auch nicht gediegenen Verstandes zu vernehmen; indem ihr Herz noch an dem Alten hängt, sucht ihr unbefriedigter Verstand Aufklärung, wo er sie findet. Der Rationalismus kann sogar Enthusiasmus erregen, wenn er, wie in der kantischen Schule, mit einer gewissen Tiefe und Energie auftritt. Gelangt er aber (um in der Vergleichung fortzufahren) in das Ministerium, d. h. gelingt es ihm das alte System zu verdrängen, und im kirchlichen Leben seine Herrschaft geltend zu machen: so wird er unausstehlich. Denn da nun einestheils die wenn auch unvollständige Befriedigung des frommen Gefühls durch die Anhänglichkeit an das Alte wegfällt, anderntheils die Sehnsucht nach einem neuen Bessern auch nicht mehr Statt findet, weil ja dieses Bessere schon vorhanden seyn soll: so fühlt sich das Herz abgestoßen, und der Verstand, selbt derer, die nicht tief denken, erkennt das Dürftige und Trockene dessen, was früher reizte und anzog.

Der Rationalismus ist aber, wenn er herrschend wird, nicht nur für die Bessern abstoßend, sondern auch für die Menge verderblich. Diese kann nur durch Glauben und heilige Scheu vor Rohheit und Zügellosigkeit bewahrt werden, und eine kalte Verstandesreligion vermag sie nicht nur nicht zu leiten , sondern ruft auch in ihr alles Schlechte hervor. Wie vom Rationalismus nur wenige Schritte bis zum Naturalismus, zur Leugnung alles Uebernatürlichen, sind, so kann er auch durch Begünstigung eines flachen Verstandesgebrauchs zum Materialismus, zur Leugnung des geistigen Lebens und dessen höherer Zwecke und Gesetze, führen; wenigstens wird er den ohnehin durch den Geist der Betriebsamkeit so weit verbreiteten praktischen Materialismus befördern.

Glücklicherweise ist seine Herrschaft im Abnehmen. Nicht das alte System hat ihn überwunden und konnte ihn überwinden,

sondern eine neue Theologie, welche ihm in jeder Hinsicht an Wissenschaftlichkeit überlegen ist, und den irregeleiteten wissenschaftlichen Verstand zur Beachtung des frommen Triebes und seiner Bedürfnisse, zur gläubigen Verehrung der göttlichen Offenbarung, zur lebendigen, gründlichen Erforschung der heil. Schrift und der christlichen Geschichte und zur Anschließung an das Bestehende und Ueberlieferte zurückgeführt hat, und mit einer gesunden Reform der Theologie und des Kirchenwesens umgeht, deren Ergebnisse nicht schnell, aber sicher hervortreten werden.

Eine dem Rationalismus ganz ähnliche Erscheinung ist im Staatsleben der Liberalismus. Im Mittelalter nahm das Staatsleben ebenfalls falsche Richtungen und verfolgte sie mit starrem Eigensinn, bis man nicht weiter konnte. Es war das vorzüglich durch den Mangel an Geldwirthschaft herbeigeführte Lehenswesen, das, wie ein üppiges Schlingkraut, das ganze Volks- und Staatsleben überwuchs, und nicht nur die Rechte des Volks vernichtete, sondern auch die Verwaltung und die oberste Staatsgewalt lähmte, indem aus den königlichen Beamten unabhängige Herren wurden. Ganz natürlich entstand nun ein Kampf der Staatsgewalt mit den Vasallen, welcher in Frankreich zum Siege für die erstere ausschlug und das System der Centralisirung der Verwaltung mit stehendem Heer, Minister- und Cabinets-Despotismus herbeiführte, ohne doch alle Nachtheile des Lehenswesens in den untern Regionen aufzuheben. In Deutschland siegten die Vasallen, aber im Kleinen ahmten die aus ihnen entstandenen Landesfürsten mit mehr oder weniger Glück das System des französischen Hofes nach. Seufzend fühlte man den Druck der falschen, lastenden Verhältnisse, und sehnte sich nach dem Besseren. Die Schriftsteller ermangelten nicht, theils aus Vergleichung der bewunderten englischen Staatsverfassung, theils aus Nachdenken über die Urbedingungen und Urgesetze des gesellschaftlichen Lebens, Ideen der Verbesserung aufzustellen, welche

mit Enthusiasmus aufgenommen wurden. So kam der Liberalismus auf, und wurde nicht nur zur herrschenden Denkart der Edlern und Bessern im Volke, sondern steckte selbst den Hof Ludwigs XVI. an; und als die nordamerikanischen Kolonien den Kampf für ihre Unabhängigkeit begannen, jauchzte ihnen Alles in Frankreich und Deutschland entgegen; ja die französische Regierung, freilich vorzüglich aus Eifersucht gegen England, unterstützte sie. Dieser damalige Liberalismus war edelmüthig und liebenswürdig. Die Verstandesbegriffe, mit denen er sich trug, waren freilich theils abstract und hohl, meistens aus Rousseau's Contract social geschöpft, und entfernten sich von aller Wirklichkeit, theils waren sie zwar von der Wirklichkeit (der englischen Verfassung) entlehnt, aber zu oberflächlich und mit zu wenig Berücksichtigung der Bedingungen ihrer Anwendbarkeit aufgefaßt. Allein es sprach sich darin eine edle Sehnsucht und Begeisterung aus, die noch nicht durch frevelhaftes Antasten des Bestehenden entweiht war. In Deutschland herrschte dieser liebenswürdige Liberalismus noch später, weil daselbst es sich lange mit der Anwendung der liberalen Ideen verzog, und die Sehnsucht unbefriedigt blieb; und er war es, der Schiller zu der Schöpfung seines Marquis Posa begeisterte. Selbst als die französischen Liberalen Hand ans Werk der Staatsreform legten in der constituirenden Versammlung, offenbarten sie, der Mehrzahl nach, bei ihren übereilten Umwälzungsmaßregeln eine edle Begeisterung; sie handelten wie unerfahrne, kecke, aber gutgeartete Jünglinge. Nur in Mirabeau trat der Mephistopheles der Revolution grinzend hervor. Bald aber schlug der Liberalismus in den despotischen, fanatischen Jakobinismus um, und erfüllte Frankreich mit blutigen Gräueln. Fanatismus und Despotismus sind ursprüngliche Elemente des Liberalismus, und entbinden sich aus ihm, sobald er aus der jugendlichen Sehnsucht und Träumerei in die Wirksamkeit des Lebens tritt: fanatisch wird er im

Kampfe, despotisch in der Machtentwickelung. Fanatismus und Despotismus haben ihre Wurzel in herzlosem Eigensinn und unlauterem Enthusiasmus. Eigensinnig ist jeder beschränkte Kopf, der etwas Kraft hat; nun aber ist nichts beschränkter, als der Liberalismus, der mit einem halben Dutzend unverdauter Ideen die Welt umschaffen will. Herzlos ist er aber auch, weil er sich durch oberflächlichen Uebermuth dem tieferen Triebe der menschlichen Natur entfremdet, und ihm nichts Bestehendes heilig und ehrwürdig ist. Enthusiasmus ist ihm nicht abzusprechen; aber beim Mangel tieferer Gemüthlichkeit bemächtigt sich desselben die Leidenschaft und Selbstsucht. Selbst der Despotismus Napoleons ist ein Sohn des Liberalismus; dieser hatte durch den Umsturz des Bestehenden und aller gegen die Willkühr aufgerichteten Schranken, durch die Zusammenleitung aller Fäden der Gewalt in einen Mittelpunkt, durch die Aufregung der Volksmasse und der in ihr schlummernden rohen Kräfte dem unbändigen Ehrgeize und herzlosen Egoismus eines mit überlegenem Verstande und eiserner Thatkraft ausgerüsteten Individuums trefflich vorgearbeitet. —Den verkehrten Restaurations-Versuchen der Bourbons gegenüber nahm sich der Liberalismus wieder ganz artig aus; cr gab der Sehnsucht und Spannkraft Nahrung. Unglücklicherweise aber kam es wieder zum Bruche, und trotz aller bittern Erfahrungen drängt sich nun der politische Geist der Franzosen vermöge seiner Abneigung gegen das Geschichtliche und Gegebene, besonders aber gegen monarchische Einrichtungen, wieder zur Republik, und somit zum chaotischen Treiben hin, oder sucht wenigstens alles, was sich an Hergebrachtes und Ueberliefertes anschließt, auszureuten und ganz Neues zu pflanzen. Die Versuche der jetzigen Regierung dem Staats- und Volksleben in den niedern Regionen durch Erziehung und zweckmäßige Einrichtung des Gemeindewesens aufzuhelfen, mißlingen durch Theilnahmlosigkeit; Alles ist auf die Phantome der allgemeinen Verfassungsformen

und die Seifenblasen des öffentlichen Lebens in Paris hingerichtet. Thörichter kann kein Beginnen seyn; als in dem großen Frankreich, in diesem beweglichen, modesüchtigen, leichtsinnigen Volke, eine noch dazu demokratische, aller erblichen Aristokratie und anderer Haltpunkte der Ueberlieferung und Beständigkeit entbehrende Republik stiften zu wollen. Ohnehin gehört eine große Verblendung dazu, die Vortheile der monarchischen Verfassung für größere Staaten im Allgemeinen zu verkennen. Aber der Liberalismus ist in diesem Punkte nicht bloß thöricht und verblendet, sondern selbst- und ehrsüchtig. Die Wortführer desselben wollen nicht das Wohl des Vaterlandes, sondern Stellen, Ansehn, Macht, Reichthum, Ruhm für sich. Der Liberalismus ist überhaupt in seiner freien Entwickelung unsittlich. Die Entsittlichung Frankreichs, welche sich dem klaren Beobachter nicht verbergen kann und, genau betrachtet, Schauder erregt, ist zum Theil sein Werk, zum Theil das Werk des dort allem Geschichtlichen und Göttlichen entwandten Rationalismus oder vielmehr Naturalismus in der Religion. Indem der Liberalismus die Achtung vor dem Bestehenden und den Gehorsam gegen die höchste Gewalt verleugnet und die tiefern Triebe des menschlichen Gemüthes nicht achtet; indem er ohne tiefes Studium und ernstes Nachdenken mit leichtsinniger Oberflächlichkeit politische Theorien und Verfassungsgebäude schafft und was die Frucht tieferer Regungen, heiligender Gewohnheit und reifer Weisheit, und somit heilig und ehrwürdig seyn sollte, zum Spielwerke eines kalten, übermüthigen Verstandes macht, muß er im Gemüthe alle sittliche Scheu auslöschen und alle Bande auflösen welche die Selbst-, Genuß- und Ehrsucht fesseln. Kommt nun noch religiöser Unglaube zu ihm hinzu, (und er begünstigt gleich dem Rationalismus sowohl den Unglauben als den Materialismus durch seine Oberflächlichkeit, seinen Leichtsinn und Uebermuth): so ist der ganze Abgrund der Entsittlichung geöffnet. Aber die entsittlichende

Macht des Liberalismus ist so groß, daß ihr selbst die Frömmigkeit, wenn sie sich zufällig mir ihm verbindet, nicht widerstehen kann, wie wir denn Fromme, ja überspannte Fromme kennen, welche sich vermöge des Revolutionsgeistes, dem sie sich verkauft haben, eben so leicht, wie die ungläubigsten Radikalen, über Recht und Sittlichkeit hinwegsetzen. Daß der Liberalismus gleichgültig und leichtsinnig gegen das historische Recht machen kann, ist leicht begreiflich; daß ihn Meineid und Lüge in öffentlichen Verhandlungen keine große Ueberwindung kosten, erklärt sich aus dem ihm eigenen fanatischen Eifer, seine Zwecke um jeden Preis erreichen zu wollen; aber daß er, wie ein giftiger Rost, auch die Tugenden des Privatlebens und den innereien Charakter auffrißt, daß er zur herzlosesten Undankbarkeit verleitet, (wovon wir in Basel die bestimmteste Erfahrung gemacht haben,) begreife sich nur mit Mühe.

Vielleicht ist es für Frankreich nöthig, sich durch ein selbstbereitetes Verderben für seine großen Verirrungen zu strafen und dadurch endlich zur Erkenntniß und zur Rückkehr zu kommen. Aber warum mußte der heillose Schwindelgeist dieses unglücklichen Landes auch das übrige Europa ergreifen, warum auch, wenigstens zum Theil, das tiefsinnige, ernste, gemüthliche Deutschland, das in seiner Theologie, Rechtsgelehrsamkeit, Geschichts- und Sprachforschung, Philosophie und Dichtkunst Frankreich so schr überlegen ist, daß dieses jetzt trotz seiner Eitelkeit von ihm zu lernen anfängt? Warum mußte dieser Ungeist sogar, und leider mit einer Alles fortreißenden und umstürzenden Gewalt, die Schweiz ergreifen, deren Volkscharakter dem deutschen so sehr verwandt, deren Literatur mit der deutschen verwachsen ist, deren Söhne meistens in Deutschland gebildet werden, in deren Sitten und Einrichtungen noch so viel Anhänglichkeit an das Herkommen sichtbar, deren Geschichte so dichterisch-gemüthlich, so reich an Thaten der öffentlichen Tugend, der Treue, der Vaterlandsliebe

ist? Warum mußte dieses glücklichste Land Europa's seine so tief im Volkscharakter wurzelnde, durch herrliche Geschichts-Erinnerungen geheiligte, durch eigenthümliches Herkommen befestigte Freiheit gegen das Phantom der französischen hingeben? Wie konnten die neuen Volksführer der Schweiz so verblendet seyn, die im Uebergewichte der Städte bestehenden, so heilsamen Schranken gegen die Pöbelherrschaft niederzureißen? Wie konnten sie in der revolutionären Nachäffung so weit gehen, daß sie gerade die so unglückliche Centralität Frankreichs, durch die es haltungslos und der Beweglichkeit der Volksmasse, wie dem Despotismus, preisgegeben dasteht, in ihr Vaterland verpflanzen, und die für seine Sicherheit gegen außen und seine innere Entwickelung so heilsame für den Beobachter so anziehende und alle Eigenthümlichkeiten dee Schweizercharakters begründende Mannigfaltigkeit der Völkerschaften und Staaten in den revolutionären Schmelztiegel werfen wollten? Wie konnten sie mit gleicher Flachheit und Gemüthlosigkeit auch im Innern der Staaten alles, was irgend eine Art von Selbstständigkeit hatte, zu plündern, zu unterjochen, zu vernichten unternehmen? Und wie war es möglich, daß in diesem Lande, wo altdeutsche Biederkeit und Treue, verbunden mit einer fast zähen Anhänglichkeit an die alte Sitte und einer von Neuerungen noch wenig angegriffenen Frömmigkeit, fest zu wurzeln schien, so schnell eine solche Entsittlichung, eine so leichte Erregbarkeit zur Empörung, eine solche Wortbrüchigkeit und Lügenhaftigkeit, ein solcher Leichtsinn gegen das historische Recht, ein solches despotisches Eingreifen in den Rechtsgang, ein solcher Frevel gegen Geistlichkeit und Kirche, an den Tag treten konnte?

So groß ist die verderbliche Macht des Liberalismus, seiner Halbheit und Oberflächlichkeit, seines Leichtsinns und Hochmuths, seiner Gemüthlosigkeit und der dadurch entfesselten Begierden und Leidenschaften, des Ehrgeizes und der

Herrschsucht. Müßten wir nur nicht auch gestehen, daß er durch die Ungeneigtheit mancher Regierungen zu zeitgemäßen Reformen gereizt war und für seine Vorspielungen Empfänglichkeit im Volke vorfand! Aber dieß gereicht nicht zur Entschuldigung für die so frevelhaft begonnene und durchgeführte Revolution, für die verübten und gutgeheißenen Verbrechen, für die im Volkscharakter angerichteten Verwüstungen.

Basel hat sich, obschon mit schmerzlichen Opfern, aus dem Sturme hinter seine Mauern gerettet; aber wenn es von nun an dem Kampfe mit dem Schwerte entsagt hat, so wird es doch, schon um sich selbst zu erhalten, aber auch um für die Wiederherstellung der Eidgenossenschaft pflichtgemäß sein Mögliches zu thun, einen geistigen Kampf gegen den schlechten Geist der Zeit führen müssen. Ein unglücklicher Wahn und ein Selbstwiderspruch wäre es, diesen Kampf mit den Waffen des sogenannten Stabilitäts-Systems führen zu wollen, womit wir uns nur der Unbedeutendheit und dem Verfalle hingeben würden.

Es gibt ein Stabilitäts-System sowohl in der Wissenschaft als in der Religion und Politik. In der erstern kann es sich gar nicht halten und wird bald als Pedantismus, Unwissenheit und Beschränktheit erkannt und verlacht. In der Religion nimmt es dagegen unter dem Namen der Orthodoxie eine ehrenwerthe und von vielen geachtete Stellung ein, darum weil es das unbewußte religiöse Gefühl und die damit verwachsene Heilighaltung des Alterthümlichen für sich hat. Aber es ist unvermögend der andringenden Gewalt des verständigen Zeitgeistes zu widerstehen, weil es demselben eine bloß leidende, keine selbstthätige Kraft entgegen zu setzen hat, weil ihm die höhere Wissenschaftlichkeit abgeht, womit den Wahnbegriffen und Trugschlüssen des Rationalismus und Naturalismus allein glücklich begegnet werden kann. Basels Geistlichkeit hat sich zwar von diesen Systemen frei

erhalten; aber die rationalistische und naturalistische Denkweise möchte unter den Einwohnern der gebildeten Klasse nicht so gar unerhört seyn, sollte sie sich auch nur durch den Geist des Widerspruchs eingeschwärzt haben. Aechte Wissenschaftlichkeit wird also dem Basler Kirchenleben unentbehrlich seyn, sowohl um dem Rationalismus und Naturalismus zu wehren, als auch um die Verdumpfung zu verhüten, welche eine natürliche Folge der unwissenschaftlichen Orthodoxie ist, und um der Ueberspannung zu begegnen, welche durch einen unerleuchteten religiösen Enthusiasmus von England her über Genf in die Schweiz eingedrungen ist. Die religiöse Verdumpfung hat einen ähnlichen verderblichen Einfluß auf das sittliche Leben, wie der ungläubige Rationalismus. Der in kirchlicher Ueberlieferung und Gewohnheit dumpf Hinlebende verliert alle Schwung- und Strebekraft des Geistes, und versinkt ebenfalls in eine Art von praktischem Materialismus oder Geistesleugnung; denn der Glaube an die Wahrheit und den Werth des Geistes und seiner Zwecke lebt allein in geistiger Thatkraft. Der dumpfe Gewohnheitsmensch wird zuletzt, wie der Materialist, auf nichts mehr Werth legen, als auf die äußern, handgreiflichen Zwecke und Güter des Lebens, Besitz und Genuß; und wenn er sich von dem eigentlichen freigeisterischen Materialisten dadurch unterscheidet, daß er zuweilen, etwa an Fest- und Bußtagen und auf dem Krankenbette, einen heiligen Schauder vor dem Uebernatürlichen empfindet; so wird er sich davon irgend wieder loszukaufen und einen Frieden mit Gott zu schließen suchen, der, wie scheinbar und oberflächlich er auch sey, seinem Seelenzustande genügt. Die fromme Ueberspannung hat allerdings eine sittlich erregende Kraft, aber sie verdüstert und versauert das Gemüth, führt Zwiespalt und Einseitigkeit mit sich, und entnervt ebenfalls die edlere Schwung- bud Strebekraft des Geistes.

Die Stabilität in der Politik hat das der menschlichen Natur tief eingepflanzte Bedürfniß der Gewohnheit und Ruhe für sich, ohne dessen Befriedigung nichts in der menschlichen Gesellschaft gedeihen und sich fröhlich entwickeln kann, so wenig als ein stets vom Winde hin und her getriebener junger Baum Wurzel zu schlagen vermag. Aber die bloße Gewohnheit ist nichts als Trägheitskraft, und das ihr ganz hingegebene Leben ist einem erstorbenen Baumstamme zu vergleichen, der in der Erde zwar fest ruhet, aber verfault. Die lebendige Kraft des Leben6 soll sich unter dem Schirme der Gewohnheit ruhig und stätig entwickeln, wachsen und blühen; in der Gewohnheit soll Fortschritt, Fortbildung seyn. Das Stabilitätssystem hat das historische Recht für sich; aber an diesem hängt auch viel Unrecht, viel Drückendes, Hemmendes und Zweckwidriges; wie denn jedermann zugibt, daß die Gesetzgebung beständig im Fortschreiten seyn soll. Was im Mittelalter gerecht und heilsam war, ist es heut zu Tage nicht mehr. Nur soll die Ablösung des hergebrachten Unrechts und Mißbrauchs eine besonnene und so wenig als möglich verletzende seyn. Das Stabilitätssystem, wenn es von uns ohne den Geist milder, weiser Reform behauptet werden sollte, würde uns zu einem verderblichen Stillstande mitten in dem allgemeinen Fortschritte verdammen, und uns nicht nur um allen Einfluß und alles Gewicht in der Eidgenossenschaft bringen, sondern auch innerlich lähmen; selbst der Handel und Gewerbfleiß würden die verderbliche Rückwirkung davon erfahren. Bisher hat ja Basel keineswegs diesem todten und ertödtenden Systeme gehuldigt, und es würde sich selbst untreu werden, wenn es sich darauf zurückziehen wollte. Dieses System ist auch nichts weniger als dazu geeignet, dem Liberalismus glücklich zu widerstehen; denn die in ihm liegende Trägheitskraft muß dem heftigen Treiben des Zeitgeistes früher oder später unterliegen. Die einzige Waffe, mit der man ihn glücklich bekämpfen kann, ist eine

lebendige, gründlich gebildete, in Erfahrung und Nachdenken gereifte Staatsweisheit und eine im Volke verbreitete tüchtige, erleuchtete Gesinnung. Unsre Staatsmänner, welche sich meistens aus dem Handwerks- und Handelsstande durch eine gewisse allgemeine Bildung, durch Erfahrung und Uebung, Tugend und Vaterlandsliebe emporgehoben haben, werden vielleicht lächeln, wenn ich, als Bedingung und Ouelle auch dieser ächten Staatsweisheit, Wissenschaftlichkeit fordere. Nicht alle unsre Staatsmänner sollen Gelehrte seyn — das wäre nicht zu wünschen; — aber immer sollen wissenschaftlich gebildete Männer unter ihnen seyn, wie denn auch der richtige Instinkt des Volkes Mehrere der Art, und selbst ehemalige Mitglieder der Universität, in die Regierung gerufen hat, welche ihre Stellen mit Ehren und zum sichtbaren Nutzen des gemeinen Wesens einnehmen. Und nicht nur unmittelbar durch gelehrte Staatsmänner wirft die Wissenschaft ihr belebendes Licht auf die Staatsweisheit einer Republik, wie die unsrige, sondern auch die Ungelehrten schöpfen durch Geschäfts- und geselligen Umgang und durch unterrichtendes Lesen aus ihrer stets frisch sprudelnden Ouelle. Die Denkart und Einsicht der Massen, einer Völkerschaft, eines Zeitalters, wird mehr, als man gewöhnlich glaubt, durch die Schulen der Gelehrsamkeit bestimmt: und selbst diejenigen, welche aus irgend einer Art von Beschränktheit die Wissenschaft verachten und verdächtigen, verdanken ihr Bischen Verstand eben der geschmähten Wissenschaft, nur daß sie, wer weiß wie weit, hinter dem Zeitalter zurück sind. Gewöhnlich hinkt man dem Gange der Wissenschaft nach; der Liberalismus ist um ein halbes Jahrhundert, das alte System um das drei- oder mehrfache zurück. Es kommt aber eben darauf an, mit dem Zeitalter gleichen Schritt zu halten, um es verstehen und beherrschen zu können, und zu dem Ende muß man stets aus frischer Ouelle schöpfen und zwar nicht von jeder neuen Meinung Gebrauch machen, sondern alles prüfen,

aber in beständiger lebendiger Berührung mit dem Geiste der Wahrheit seyn. Die Wissenschaft leistet übrigens gewisse besondere Dienste im Einzelnen, welche, zumal in außerordentlichen Zeiten, nicht entbehrt werden können. Ich erinnere nur an die Kunst zu reden und zu schreiben — und was ist mächtiger in unserer Zeit, als das gesprochene und gedruckte Wort? — eine Kunst, zu der vor allen Dingen Naturgabe gehört, der aber die Wissenschaft Tiefe und Klarheit und die Bildung Geschmack und Anmuth verleiht. Wenn es an den Gebrauch der Feder kommt, so werden doch selbst die Verächter der Wissenschaft wünschen etwas mehr in ihrer Jugend gelernt zu haben.

Es erregt den Verdacht selbstsüchtiger Beweggründe, wenn ein Gelehrter den Werth und die Nothwendigkeit der Gelehrsamkeit und gelehrter Anstalten anpreist. Fast noch mehr habe ich den Vorwurf der Langweiligkeit zu fürchten, weil ich schon mehrmals und noch vor mit Andere dieselben oder ähnliche Gedanken ausgesprochen haben. Aber wer kennt auch besser den Werth der Gelehrsamkeiten als der Gelehrte? Ist er was er seyn soll, so kennt keiner so gut, wie er, die mannigfaltigen Fäden, durch welche die Gelehrsamkeit mit dem Leben verschlungen ist; keiner hat so tiefe Blicke in die menschliche Natur und in die Geschichte gethan; keiner steht so auf der Höhe des Lebens. Und gewisse Wahrheiten lassen sich nicht genug wiederholen, zumal wenn Andere die Unwahrheit tausendfältig wiederholen. Ich wage es also auf die Gefahr gemißdeutet zu werden und zu mißfallen; ich wage es, durchdrungen von der hohen Bedeutung der Wissenschaft und getragen von der Begeisterung für sie, die mich seit dem Jünglingsalter bis ins hohe Mannsalter beseelt hat und ferner beseelen wird; ich wage es aus Liebe zu Basel und aus klarer Erkenntniß seiner Bedürfnisse: ich wage es auch heute wieder auszusprechen, daß die Frage um die Fortdauer und neue Einrichtung unsrer Universität eine wahre Lebensfrage für Basel ist. Basel bedarf nicht nur guter

niederer und höherer Schulen, in welchen die Jünglinge für die Universitätsstudien und für die Gewerbe und den Handel gebildet werden, sondern auch einer Unterrichtsanstalt für jene Studien selbst, eines Heerden der Wissenschaft, wo die heilige Flamme der Wahrheit unterhalten wird; es bedarf für seine zu höheren Studien befähigten und getriebenen Jünglinge der Gelegenheit, wenigstens die Anfangsgründe ihres Faches sich anzueignen, um mit mehr Reife auswärtige Universitäten zu beziehen; es bedarf immer einer Anzahl von Gelehrten aller Fächer, welche auf der Höhe der Wissenschaft stehen, und nicht nur unmittelbar durch Unterricht, sondern auch auf vielseitige mittelbare Weise Licht verbreiten, und einen nahen Maßstab zur Würdigung des Gemeinen und Richtigen an die Hand geben; es bedarf gewisser Lehrstellen als Zieles der Beeiferung für einheimische Talente und als Ermunterung zum einheimischen Anbau der Wissenschaften. Basel, immer eine verhältnissmäßig kleine Stadt, hätte diese wissenschaftlichen Bedürfnisse nicht, wenn es nicht einen eigenen Staat bildete, sondern einem größern einverleibt wäre, der seine höhern wissenschaftlichen Anstalten hätte und auf die Provinzialstädte Licht verbreitete. Aber ein Staat, wie klein er auch sey, ohne einen Heerd des Lichtes in seiner Mitte, steht in Gefahr sich zu verfinstern, und um so mehr, wenn vermöge der demokratischen Verfassung der unerleuchteten Masse ein Einfluß auf die Regierung gestattet, und durch beschränkende, ausschließende Einrichtungen und Gemeingeist fremdem Lichte der Eingang gewehrt wird. Basel, auf eine ähnliche Stellung, wie Genf vor der Vereinigung mit der Schweiz hatte, zurückgeführt, kann sich nur diesen durch geistige Regsamkeit ausgezeichneten kleinen Staat zum Muster nehmen, wenn es nicht in den Rang der dritten Städte der Schweiz zurücksinken will.

Die Form und Ausdehnung, in welcher man die höhere Unterrichts-Anstalt beibehalten will, ist Sache der Berathung

für diejenigen, welche dazu berufen sind, der gesetzgebenden Versammlung vorzuarbeiten. Aber einen Gedanken, der sich schon Vielen dargeboten hat, zu berühren sey mir noch erlaubt. Im Widerspruche mit der auflösenden und verflachenden radicalen Politik und Jurisprudenz, und zur Abwehr gegen dereinstige neue Angriffe auf das Universitätsgut, sollte die corporative Natur dieses für Basel so wichtigen Schatzes nicht nur von neuem anerkannt, sondern durch innigere Anschließung an Stadt und Bürgerschaft noch mehr gesichert werden. Denn es scheint, daß wenn, nach der nagelneuen Jurisprudenz unsrer Tage, in Folge der Auflösung eines Staates alle Corporationen hinfallen, doch wenigstens die städtischen stehen bleiben. Unsre Universität hat sich immer bestrebt sich so viel als möglich der Bürgerschaft zu nähern und ihr nützlich zu werden, und mehrere Mitglieder derselben haben ihr die Früchte ihrer Muße zur Belehrung und Unterhaltung dargebracht: sie wird sich daher freuen, auch durch besondere Einrichtungen noch enger mit ihr verflochten zu werden.

Wenn ich mit Hoffnung, aber auch nicht ohne Besorgniß in die dunkle Zukunft unsrer Universität und unsers ganzen Gemeinwesens einen Blick werfen möchte, aber vermöge der menschlichen Beschränktheit nicht durch den Schleier hindurchdringen kann, und eben wieder auf Hoffnung und Besorgniß zurückgewiesen werde: so ergreife ich als feste Stütze das Vertrauen zu der allwaltenden weisen, gütigen Vorsehung, und fühle mich beruhigt. Persönliche Rücksichten treten schon vor der von edlem Stolze und reiner Vaterlandsliebe gebotenen unpartheiischen Abwägung des öffentlichen Wohles zurück, und über sie weiß ich mich zu erheben. Aber im Hinblike auf das von der göttlichen Allmacht und Weisheit geleitete Ganze erscheint selbst eine wie sehr auch bedeutende und dem Herzen theure Stadt, ja eine ganze Nation, nur als ein kleiner Punkt: und wenn durch Gottes

Willen an seinem Himmel Sterne verschwinden, warum dürfte nicht auch ein so kleiner Theil der Menschheit untergehen oder sich verdunkeln, ohne daß das Ganze darunter leidet, und unser Glaube an Gottes Weisheit und Güte erschüttert wird? Sein heiliger Wille geschehe! Aber wenn menschliche Thorheit und Unverstand Verfall und Verderben bereiten, so sind sie nicht mit der göttlichen Zulassung zu entschuldigen, sondern unterliegen einer schweren Zurechnung. Verhüte es Gott in Gnaden, daß Basel sich an sich selbst verschulde! Es möge vielmehr unter Seinem Segen der bessere Geist, der wirklich unter uns lebt, die Oberhand gewinnen und die Entwickelung unsers öffentlichen Lebens zum Bessern auf eine gedeihliche, liebliche Weise fortführen!

Nach der Rede wurde vom akademischen Männerchor gesungen:

Chor:
Sagt, was streben die Gemüther
In das Blaue dort hinauf?
Gibt es denn nicht Erdengüter?
Leicht und wohlfeil ist der Kauf.
Einzelne Stimmen:
Erdengüter gibts die Fülle —
Meinet ihr, die Wissenschaft
Uebe darum nur die Kraft,
Daß sie Irdisches enthülle?
Chor:
Seht, was ringen dort die Geister
Nach dem fernen hohen Ziel?
Ward der Weise jemals Meister
In des bunten Kampfes Spiel?

Einzelne Stimmen:
Muß die Wahrheit unterliegen,
Brüder kämpfet muthig fort;
Nicht im Sturme, durch das Wort
Sollen wir die Welt besiegen.
Chor;
Schönes Ringen, freudig Streben,
Rastlos Berg und Himmel an
Zu dem reinen Geistesleben
Führt die rauhe Dornenbahn.
Einzelne Stimmen:
und es muß der Kampf gelingen;
Und es reift heran die Zeit
Wo der Geist von Druck befreit
Kühner lüftet seine Schwingen.
Schlußchor:
Ewig in sich selber einig
Ist der klare Geist allein,
Ewig in sich selber selig
Ist allein der reine Geist.

Nachträgliche Bemerkung.

Die Polemik dieser Rede den Rationalismus und Polemik dieser gegen den Rationalismus und
Liberalismus kann Mißdeutung erfahren, indem die Kürze
nicht erlaubte, über Alles hinreichend klar zu werden. Wohl
sind beides edle Worte, aber der Gebrauch und Mißbrauch
entscheidet über deren Sinn; und diejenigen Systeme und
Denkweisen, welche man gewöhnlich mit jenen Worten bezeichnet,
muß ich bekämpfen, und habe ihnen nicht erst seit
gestern den Krieg angekündigt. '

Wenn der Rationalismus in der Theologie nach dem ursprünglichen Wortsinne nichts bezeichnete, als eine rationale oder solche Theologie, welche durch einen allseitigen und gründlichen Vernunftgebrauch die Wahrheit des positiven Christenthums zur klaren und lebendigen Ueberzeugung zu bringen und so darzustellen sucht, daß sie sich einem jeden reinen, wahrheitsliebenden frommen Gemüthe empfiehlt: so könnte von meiner Seite kein Widerspruch dagegen Statt finden; denn meine Theologie will allerdings rational seyn. Aber unter Rationalismus versteht man gewöhnlich ein dem Supernaturalismus, oder dem Glauben an eine übernatürliche Offenbarung entgegengesetztes System, dessen Grundsatz ist, alle Wahrheiten des Christenthums auf die sogenannten Vernunftwahrheiten zurückzuführen, in deren vollständigem Besitze die Nationalisten zu seyn vorgeben, indem sie irgend eine Philosophie, besonders die kantische, als die vollendete und untrügliche ansehen, und darin den sichern Maßstab der Beurtheilung finden; ein System, das Alles

leugnet, was über die gewöhnliche Verstandeserkenntniß hinausgeht, und dessen Anwendung auf das Christenthum mehr zu Verneinungen, als zu Bejahungen führt; ein System, welchem Kultus und Kirchengemeinschaft gleichgültige Dinge sind, das wenigstens keinen wohlthätigen Einfluß auf deren Belebung ausübt. Und diesem Systeme ist das meinige in der Hauptsache entgegengesetzt, obgleich es in allem, was negativ ist, namentlich in der Kritik, zahlreiche Berührungspunkte mit ihm hat, weßwegen auch unwissenschaftliche und einseitige Beurtheiler mich zu den Rationalisten zählen können. Aber ich gehöre eben so wenig dazu, als Schleiermacher, Nitzsch u. A. Wer sich mit meinem Systeme nur einigermaßen bekannt gemacht hat, wird mich verstehen, ohne daß ich weiter in die Sache einzugehen brauche.

Auch der Liberalismus oder die freisinnige Politik ist dem ursprünglichen Sinne nach etwas Schönes; aber der Mißbrauch hat hier noch mehr verdorben, als beim Rationalismus, der doch wenigstens von Verbrechen frei geblieben ist. Sollte man es befremdend finden, daß ich nicht wenigstens die liberalen Ideen in Schutz genommen habe, wenn ich auch die Art der Einführung derselben hätte tadeln mögen: so muß ich erklären, daß ich dem Liberalismus alle Ideen abspreche. Er unterscheidet nämlich gar nicht zwischen den Ideen der Staatsweisheit und den von der praktischen (oft freilich sehr unpraktischen!) Klugheit erfundenen und in Vorschlag und Ausführung gebrachten Mitteln der Verwirklichung derselben. Er sieht es z. B. als eine unbedingte Wahrheit an, daß es eine vollkommen freie Presse geben müsse, und nimmt gar nicht auf die Schwierigkeiten und Gefahren Rücksicht, welche mit der Einführung der Preßfreiheit verbunden sind. Dergleichen Schwierigkeiten und Gefahren finden überall Statt, wo das bisherige Staatsleben noch nicht gehörig darauf vorbereitet hat, wo die Freiheit noch nicht genug befestigt und eingewurzelt

und der Parteigeist rege ist, wo kein fester, durch öffentliche Eintracht gesicherter Gemeingeist herrscht. Nie wegzuräumende Schwierigkeiten finden in Föderativstaaten Statt, wo die Preßfrechheit durch die Preßgerichte nicht gezügelt werden kann, indem die fremden Kläger durch Gleichgültigkeit oder Eifersucht selten oder nie ihr Recht finden werden. Wenn nun die Liberalen einsähen, daß die Freiheit der Presse eben nur eine Form, und keine Idee ist, daß die Idee nur darin liegt, daß ein freier öffentlicher Gedankenverkehr Statt finden, und dadurch die Wahrheit im öffentlichen Leben siegreich hervortreten soll: so würden sie sich besinnen, ob es denn nicht besser sei, sich diesem Ziele schrittweise zu nähern, und vor der Hand lieber noch Beschränkungen stehen zu lassen, als mit Einem Male alle Dämme einzureißen, und auf diese Weise das Ziel eben auch wieder zu verfehlen. Denn es ist gar nicht wahr, daß durch die Einführung der Preßfreiheit ohne die nothwendigen Bedingungen derselben der Sieg der Wahrheit befördert wird; vielmehr wird dadurch zunächst der Lüge ein freier Spielraum geöffnet, oder wenigstens macht sich nur die Modewahrheit geltend. Ja, wenn Alles, was für und wider geschrieben und gedruckt wird, von Allen gelesen und geprüft würde, so würde sich die Wahrheit geltend machen. Aber wie Wenige wissen zu prüfen, und wie wenig weiß zumal das Volk der niedern Klassen zu prüfen, wenn ihm auf der einen Seite schmeichelnde Lügen, auf der andern ernste Wahrheiten dargeboten werden! Und so verwechselt der Liberalismus durchaus Idee und Form; er ist flacher, geist- und gemüthloser Formalismus. Die wahren freisinnigen Ideen der Staatsweisheit werde ich stets in Schutz nehmen; sie gehören meinem Charakter und meiner Gesinnung an, welche bisher unverändert geblieben sind, und denen ich mit Gottes Hülfe bis an mein Ende treu bleiben werde.