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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Wissenschaftliche Anweisungsliteratur mentalitätsgeschichtlich betrachtet Akademische Rede von

Prof. Dr. Beatrix Mesmer
Vizerektorin

Wer in den letzten Jahren die Kataloge der Buchverlage durchgeblättert hat, und das tun wir alle ja mehr oder weniger berufsmässig, der ist beeindruckt vom Anschwellen einer Literaturgattung, die man als «wissenschaftliche Anweisungsliteratur» bezeichnen kann. Formulierungen wie «Menschheit am Wendepunkt» —so der Titel des zweiten Berichtes an den Club of Rome —signalisieren, um was es dabei geht: Angesichts der erschreckenden Folgewirkungen, die sich aus der wachstumsfrohen Verwertung naturwissenschaftlicher Forschung ergeben haben, ergeht ein Appell zu Umkehr und verändertem Verhalten. Dieser Appell richtet sich jedoch nicht in erster Linie an die Wissenschafter, denen vielmehr anempfohlen wird, ihre Anstrengungen zu verstärken, um durch verbesserte Versuchsanordnungen und Modelle mögliche Fehlentwicklungen zu diagnostizieren und im Vorgriff zu entschärfen 1. Der Appell geht an die Konsumenten solcherart orientierter Forschung, an alle jene — um nochmals den erwähnten Bericht des Club of Rome zu zitieren —«die täglich schwierigen und häufig auch schmerzhaften Entscheidungen im politischen und wirtschaftlichen Leben gegenüberstehen» 2. Allen Alarmrufen zum Trotz sind es doch wieder die experimentierenden und quantifizierenden Wissenschaften, die sich als Mentor für die verunsicherten Zeitgenossen anbieten.

Freilich machen die Naturwissenschafter dieses Angebot nicht mehr im Geiste jener Selbstsicherheit, die ihnen als Erbe des Positivismus zugefallen war. Die Naivität ist der Selbstreflexion gewichen, was sich im erhöhten und auch kritischen Interesse an der Wissenschaftsgeschichte niederschlägt. Das Aufdecken der Wurzeln der experimentellen Wissenschaften und ihres letztlich artifiziellen Charakters hat zu einer distanzierteren Haltung gegenüber den eigenen Prämissen geführt 3.

Fragestellungen der Mentalitätsgeschichte

Die Wissenschaftsgeschichte rekonstruiert aus der Sicht des heute erreichten Forschungsstandes die Erkenntnisschritte innerhalb der einzelnen Disziplinen. Was sie jedoch nicht leisten kann, ist eine Erklärung für das Phänomen des sogenannten Szientismus, für die Tatsache also, dass die modernen Gesellschaften die Ergebnisse hochspezialisierter Forschung kontinuierlich absorbieren und dass die Wissenschafter, obschon sie sich immer wieder berichtigen müssen, den Anspruch erheben können, Normen zu setzen und das Verhalten der Menschen zu steuern. Diese Fragestellung gehört in das Gebiet der Sozialgeschichte, die dafür ein geeignetes Instrumentarium entwickelt hat. Sie beschäftigt sich weniger mit den Leistungen einzelner Denker und Erfinder als mit den Bedingungen, aus denen heraus sie ihre Wirkung entfaltet haben. Historiker befassen sich, ähnlich wie Ethnologen, ja meist mit Gesellschaften, die ihnen nicht direkt vertraut sind, von denen sie zwar nicht der Raum aber die Zeit trennt. Je

grösser der Abstand wird, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Weltwahrnehmung und die soziale Logik der damaligen Menschen derjenigen entsprechen, die dem heutigen Beobachter selbstverständlich erscheint. Am frühesten haben die Mediaevisten sich mit diesem Problem auseinandersetzen müssen, und von ihnen ist denn auch für die Gesamtheit der Glaubensinhalte und Einstellungen, aus denen heraus Menschen gehandelt haben und handeln, der Begriff «outillage mental» — Mentalität —geprägt worden 4. Heute ist das Konzept der Mentalitätsgeschichte weitgehend anerkannt und wird auch auf die neuere und neueste Zeit angewendet 5. Es besteht —kurz gesagt —im Versuch, jene Sedimente von Wissenstraditionen und Loyalitäten freizulegen, die dem Verhalten letztlich zugrunde liegen.

Naturwissenschaften und Alltagsverhalten

Geht man die Produktion von wissenschaftlicher Anweisungsliteratur als mentalitätsgeschichtliches Thema an, so stellt sich vorweg die Frage, seit wann Naturwissenschafter überhaupt solche Schriften verfassen. Das Aufstellen von Verhaltensregeln für die richtige Alltagsbewältigung war in der abendländlichen Kultur ja seit der Antike die Domäne der Philosophen und Theologen. Auch der Bruch in der Wahrnehmung der Welt, der im 16. Jahrhundert die Entstehung der modernen Naturwissenschaften einleitete, hat daran vorerst nichts geändert. Das lag weniger daran, dass die kirchlichen Autoritäten ihr Lehrmonopol erfolgreich zu verteidigen wussten, als daran, dass die neuen wissenschaftlichen Modellvorstellungen nur in beschränkten Gebieten praxisrelevant waren. Sie wurden dort rasch rezipiert, wo sie das handwerkliche Erfahrungswissen erweiterten und verfeinerten: in der Navigation und Kartographie, im Bauwesen und in der Metallurgie. Das Bezugssystem, an dem sich die Menschen orientierten, wurde jedoch durch die Postulierung von experimentell nachweisbaren Gesetzmässigkeiten kaum tangiert, da das naturwissenschaftliche Denken und die religiöse Dogmatik sich in der nachreformatorischen Zeit weitgehend in die gleiche Richtung entwickelten. Beide ersetzten, wie Stephen Mason es formuliert hat, die «hierarchische Vorstellung des kosmischen Regimes, in welcher noch ein Element der Willkür enthalten war, durch die einer absoluten Regierung der Welt, in welcher die Geschehnisse nur nach bestimmten und unwiderruflichen Gesetzen abliefen» 6. Diese Übereinstimmung entsprach der Wissensverwaltung in der ständischen Gesellschaft. Der Diskurs über die Gesetze, die Natur und Welt regierten, war Sache der dazu bestimmten Stände, der Kleriker und Gelehrtenkollegien. Die grosse Masse der manuell arbeitenden Bevölkerung war davon schon durch die mangelnde Lesefähigkeit weitgehend ausgeschlossen. Sie bezog ihre Orientierung vor allem aus der oralen Überlieferung und dem brauchtümlich verfestigten Nachvollzug von Arbeits- und Kulturtechniken. Das will nicht heissen, dass die Überschichten die von ihnen etablierten Normen nicht nach unten weitergegeben hätten. Die Vermittlung erfolgte jedoch eingleisig durch von der Kanzel verlesene obrigkeitliche Mandate und den im religiösen Unterricht erprobten Katechismus, der auf vorgegebene Fragen feststehende Antworten verlangte.

Wissenstransfer und Aufklärung

Das naturwissenschaftliche Denken hat erst im Laufe des 18. Jahrhunderts die Mentalität breiterer Kreise zu verändern begonnen. Voraussetzung dafür war eine neue soziale

Organisation der Verbreitung von Wissen. Die Spezialisierung der experimentellen Forschung, die für den einzelnen Gelehrten kaum mehr nachzuvollziehen war, steigerte das Bedürfnis nach Vereinfachung und effizienten Kommunikationsmitteln. Ein solches Mittel waren die Akademien, Diskussions- und Lesegesellschaften, in denen sich Wissenschafter der verschiedenen Fachrichtungen und interessierte Dilettanten aller Stände zusammenfanden 7. Hier erfolgte der Transfer der neuen Naturwissenschaften zu den Philosophen und Theologen und die Amalgamierung der Einzelkenntnisse zu einer neuen Sicht der Dinge, die bald als «Aufklärung» bezeichnet werden sollte8. Zur Diffusion von Wissen trugen auch die gelehrten Journale und Rezensionsorgane bei, die meist von den erwähnten Sozietäten herausgegeben wurden und die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine eigentliche Hochkonjunktur erlebten.

Die Bedeutung dieser neuen Kommunikationsstrukturen bestand einerseits darin, die alten ständischen Schranken aufzulösen und eine neue Schicht der «Gebildeten» entstehen zu lassen. Anderseits wurde mit der Vermittlung naturwissenschaftlicher Kenntnisse an Pfarrer, Beamte und Kaufleute auch das Bedürfnis nach praktischer Anwendung verstärkt. Die Fruktifizierung des Wissens, seine Umsetzung in Vorschläge zur Hebung des Wohlstandes trat in den Vordergrund. Die Folge war eine Flut von Preisausschreiben und Broschüren, die sich mit der Verbesserung der Verwaltung, der Landwirtschaft und der Gewerbe befassten. Diese Reformschriften, die meist sehr konkrete Vorschläge enthielten, stellten eine Vorstufe der wissenschaftlichen Anweisungsliteratur dar. Ihre Adressaten gehörten zu dem gleichen, noch engen Kreis der Gebildeten, dem die Verfasser selbst entstammten. Wenn sie auch dazu beitrugen, die Wahrnehmung der Welt und die Aktionsräume ihrer Leser zu erweitern, so war ihre Breitenwirkung doch beschränkt. Näher stand dem Typus der populären Anweisung eine andere Form der Verbreitung wissenschaftlicher und speziell naturwissenschaftlicher Kenntnisse: die Enzyklopädie. Auch sie war ein Mittel, das rasch anwachsende Wissen zu organisieren, wobei an die Stelle der diskursiven Verknüpfung von Teildisziplinen das Prinzip der einfachen Reihung von allgemeinverständlichen Sachartikeln trat. Dass solche Nachschlagewerke im 18. und 19. Jahrhundert zu verlegerischen Grosserfolgen wurden, hängt nicht nur mit dem wachsenden Informationsbedürfnis zusammen. Der Lexikonartikel entsprach auch dem am Katechismus geschulten Lernverhalten: Er gab auf klare Fragen kurze Antworten. Dass diese Fragen nun vom Benützer selbst gestellt werden mussten und dass die Antworten nicht von vornherein feststanden, setzte freilich bereits eine neue Erwartungshaltung voraus 9.

Mit den Reformschriften und Enzyklopädien lag der Entwurf zu einer neuen, wissenschaftlich gestützten Alltagspraxis vor. Ihre Realisierung wurde jedoch durch die Abschottung der unteren Stände vom wissenschaftlichen Diskurs gehemmt. Zwar wuchs bei den Gebildeten die Bereitschaft, aus den aufbereiteten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen Nutzen zu ziehen. Um jedoch das nun möglich erscheinende Wirtschaftswachstum zu erreichen, musste auch das Verhalten derjenigen Menschen verändert werden, auf deren Arbeit dieses Wachstum letztlich beruhte. Es stellte sich das Problem, wie sich die technologische Ausbeute der Wissenschaft einbringen liess, ohne die Unterordnung der arbeitenden Stände unter die Träger des Herrschaftswissens zu untergraben. Der Weg aus diesem Dilemma führte über die Anweisungsliteratur im engeren Sinne: die Vermittlung von Handlungsnormen in der Form von Geboten und

Verboten, die nur so weit argumentativ unterlegt wurden, dass ihr direkter Nutzen für den Empfänger evident wurde. In den vorgeprägten Orientierungsraster, der auf Glaubenssätzen und Brauchtum beruhte, wurden selektiv entsprechend dem wirtschaftlichen Handlungsbedarf neue Elemente eingebaut.

Anweisungsliteratur im 18. Jahrhundert

Exemplarisch lässt sich dieses Vorgehen bei der Durchsetzung von Agrarreformen in der Schweiz beobachten. In diesem frühen Fall einer konzertierten Anweisungskampagne sind die Initianten gut untersucht. Es waren gelehrte Sozietäten, die ökonomischen Gesellschaften, in denen sich in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts Grundbesitzer, Magistraten und Pfarrer zusammentaten, die an einer höheren Produktivität der Landwirtschaft interessiert waren. Aus ihren Mitteilungsblättern und Abhandlungen sind auch die Gegenstände bekannt, mit denen sie sich befassten: Es ging vor allem um landwirtschaftliche Techniken, Bodenverbesserungen und die Einführung neuer Nutzpflanzen 10. Bekannt ist in diesem Fall aber auch, zumindest für Teile des Kantons Zürich, der Orientierungshorizont der anvisierten Bauern. Aufgrund von Bevölkerungslisten ist für eine Reihe von Dörfern die steigende Lesefähigkeit und der Buchbesitz erhoben worden. Danach gab es um die Mitte des 18. Jahrhunderts neben den allgegenwärtigen Volkskalendern pro Haushaltung 4 bis 5 Bücher. Die grosse Mehrheit —über 90% — betrafen Theologie und Sittenlehre. Nur 8% hatten weltlichen Inhalt: Kräuterbücher, medizinische Ratgeber und Chroniken 11. An diesen Lesestoff knüpften die ökonomischen Gesellschaften bei der Verbreitung ihrer Anweisungen an. Sie rückten Ratschläge in den «Hinkenden Boten» ein, gaben kurzgefasste landwirtschaftliche Katechismen heraus und spannten vor allem die Landpfarrer ein, die in ihren Predigten nun Gottes Segen mit dem Kleeanbau und den Misthaufen in Verbindung brachten. Daneben setzte man auf die Imitation von Vorbildern nach dem Muster der Helden- und Heiligenviten. Noch heute bekannt ist die Schrift des Zürcher Stadtarztes Joh. Caspar Hirzel, «Die Wirtschaft eines philosophischen Bauers», in der Jakob Gujer, der Kleinjogg, zu einer solchen Identifikationsfigur stilisiert wurde 12.

Der Säkularisierungsschub

Der Erfolg dieser Vermittlungsstrategien war nachhaltig und hat dazu geführt, dass die Anweisungsliteratur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts —zumindest was die Schweiz betrifft —die gleichen Mittel weiterverwendete. Das braucht jedoch nicht zu bedeuten, dass auch das «outillage mental» der Schichten, an die sich diese Literatur wandte, gleichgeblieben wäre. Mit der allgemeinen Schulpflicht und der Einführung von Realfächern wurden die Verhaltensregeln, die von den Reformökonomen im 18. Jahrhundert für Erwachsene aufgestellt worden waren, bereits im Kindesalter internalisiert, und durch die beginnende Industrialisierung wurden neue Produktivitätsmassstäbe gesetzt 13. Was sich jedoch noch kaum veränderte, waren die Wertmuster. Obschon die Naturwissenschaften sich rasch weiterentwickelten und in den Lehrkanon der Universitäten und Mittelschulen Einzug hielten, gelang es ihnen noch nicht, den alten normativen Wissenschaften den Rang streitig zu machen. Das Weltbild der Menschen blieb, mochten sie auch die Naturgesetze und ihre

Anwendungsmöglichkeiten kennen, durch religiöse Vorstellungen geprägt.

Der entscheidende Bruch in der Wertehierarchie erfolgte um 1850 — und er äusserte sich vorerst als Säkularisierungsschub. Das hat mit den politischen Revolutionen zu tun, die 1848 ganz Europa und auch die Schweiz erschütterten, aber auch mit der Industrialisierung, die immer spürbarer die gewohnten Lebensräume umgestaltete. Der Glaube an ein göttliches Ordnungsgefüge, das die Menschen zwar erklären, aber nicht verändern konnten, verflüchtigte sich, und die Wissenschaft füllte das entstehende Vakuum. Der Übergang zu einer säkularisierten Form der Wissensvermittlung lässt sich mit vielen Beispielen belegen: etwa damit, dass in Bern 1856 die Werktagspredigten im Münster durch die akademischen Vorträge im Grossratssaal abgelöst wurden 14, oder damit, dass populärwissenschaftliche Erklärungen der Lebensvorgänge wie Ludwig Büchners 1855 erschienenes Buch «Kraft und Stoff» reissenden Absatz fanden 15.

Die Hygienekampagne

Dass die Naturwissenschafter und Mediziner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen bestimmenden Einfluss auf das Alltagsverhalten erlangten, hing aber nicht nur mit dem Abbau der religiösen Glaubensinhalte zusammen. Es wurden auch neue Felder der Naturbeherrschung ausgemacht, die jeden einzelnen direkt betrafen. Hatte die Anweisungsliteratur bisher bezweckt, das menschliche Verhalten den technischen Möglichkeiten anzupassen, so zielte sie nun zusätzlich auf die Funktionstüchtigkeit des menschlichen Körpers selbst. Natürliche und durch die Industrialisierung verstärkte Beeinträchtigungen der Gesundheit sollten vermieden die Arbeitskraft durch die Befolgung zweckdienlicher Regeln erhalten werden. In den 60er Jahren lief — unter dem Schlagwort «Hygiene» —eine neue Anweisungskampagne an, in deren Verlauf die Naturwissenschafter zu unangefochtenen Autoritäten wurden 16.

Verfolgt man den Ablauf dieser Hygienekampagne, so lassen sich, trotz dem Wechsel der Thematik, viele Analogien zum Vorgehen der Agrarreformer im 18. Jahrhundert feststellen. In einer ersten Phase fand in den Fachgesellschaften eine wissenschaftliche Diskussion statt, die sich in Abhandlungen über Ernährung, Atemluft, Wasserqualität und präventivmedizinischen Massnahmen niederschlug. In einer zweiten Phase wurden die Ergebnisse dieser Diskussion zu Anweisungen für den Alltagsgebrauch zusammengefasst und auf klare Gebote und Verbote reduziert. Die Medien, über die diese Verhaltensregeln in Umlauf gebracht wurden, hatten sich zwar seit dem 18. Jahrhundert gewandelt. An die Stelle der Predigt trat der öffentliche Vortrag 17, an die Stelle der Kalender die Tages- und Wochenpresse. Überdauert hat jedoch die Form, in der Anweisungen übermittelt und von den Empfängern eingeordnet werden konnten. Auch die Chemiker und Mediziner griffen in ihren populären Artikeln stets ganz konkrete Verhaltensfragen auf: «Soll man zum Essen trinken?», begann etwa der Beitrag eines Berliner Medizinprofessors in der «Gartenlaube». «Was soll man trinken, wieviel, wie temperiert...?» 18. Und die «Alpenrosen» druckten 1898 aus den Londoner «Health News» einen säkularisierten Dekalog nach, der mit dem Verbot begann «Du sollst am Morgen nicht mit nüchternem Magen ausgehen» und mit dem Gebot endete «Du sollst nicht versäumen, rechtzeitig ein Bad zu nehmen, denn wenn die Haut nicht frisch erhalten wird, zieht die Kälte die Poren zusammen und macht Dich empfänglicher für Kongestionen und Lungenkrankheiten» 19.

Die ausweisungsbedürftige Gesellschaft

Diese Zitate mögen genügen, um deutlich zu machen, in welchem Masse um die Jahrhundertwende die Anweisungsliteratur auch die banalsten Bereiche des Alltagslebens erfasste und den Standard gesellschaftlich tolerierten Verhaltens normierte. Die Wissenschaft ersetzte nicht nur Gott als allmächtige und allwissende Instanz, sie führte auch in eine neue Abhängigkeit. Die Menschen wurden dazu gebracht, bei allen ihren Verrichtungen den Weisungen der Fachexperten zu folgen und die Lösung aller Probleme an die Wissenschaft zu delegieren. Im Gegenzug forderten sie aber auch ihren Anteil an den Ergebnissen dieser Expertentätigkeit in der Form von Gesundheit und Wohlstand ein. Diese Erwartungshaltung liegt dem Szientismus der modernen Industriegesellschaft zugrunde. Sie legitimiert die steigenden Aufwendungen für naturwissenschaftliche Forschung wie auch ihre kontinuierliche Umsetzung in neue Technologien. Es erstaunt deshalb nicht, dass in den letzten Jahrzehnten auch die Abschätzung der langfristigen ökologischen Folgen dieser Haltung zur Sache der Wissenschafter geworden ist. Die Wende, von der die neue Anweisungsliteratur spricht, zeugt deshalb weniger von einem Abbau des Szientismus als von einem anderen, umweltbezogenen Problembewusstsein der Wissenschafter. Dass es ihnen auch diesmal, durch die Aufstellung zweckdienlicher Gebote und Verbote, gelingen wird, das Verhalten der weisungsbedürftig gewordenen Gesellschaft zu verändern, ist abzusehen. Ein Öko-Knigge ist bereits auf dem Markt 20.

Anmerkungen

1 Dies ist jedenfalls die Folgerung, die Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986, S. 254, aus der Entwicklung zieht: «Wissenschaft wird (Mit-)Ursache, Definitionsmedium und Lösungsquelle von Risiken und öffnet sich gerade dadurch neue Märkte der Verwissenschaftlichung.»

2 Mihailo Mesarovic, Eduard Pestel, Menschheit am Wendepunkt. 2. Bericht an den Club of Rome zur Weltlage. Stuttgart 1974, S. 10.

Eine solche kritische Schau bietet beispielsweise Herbert Pietschmann, Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters, Wien/Hamburg 1980.

4 Der Begriff stammt von Lucien Febvre. Zur Abgrenzung von der angelsächsischen Tradition der Ideengeschichte vgl. Roger Chartier, Intellektuelle Geschichte und Geschichte der Mentalitäten, in U. Rauff (Hrsg.), Mentalitätengeschichte, Berlin 1989, S. 69 ff.

5 Über die methodischen Probleme und mögliche Anwendungsbereiche handelt ausführlich Volker Sellin, Mentalität und Mentalitätsgeschichte, in: Historische Zeitschrift, Bd. 241, 1985, S. 555 ff.

6 Stephen F. Mason, Geschichte der Naturwissenschaft in der Entwicklung ihrer Denkweisen. Deutsche Ausgabe Stuttgart 1974, S. 229.

7 Die Sozietätenbewegung ist in den letzten Jahren eingehend untersucht worden. Vgl. den Überblick von Ulrich Im Hof, Das gesellige Jahrhundert. Gesellschaft und Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung, München 1982.

8 Zur Entstehung des —wenig präzisen —Terminus «Aufklärung» und seinen Bedeutungsfeldern vgl. den entsprechenden Artikel von Horst Stuke in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrsg. von O. Brunner, W. Conze, R. Koselleck, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 243 if.

9 Über die enzyklopädische Aufarbeitung von Wissen vgl. die neueren Untersuchungen von Wolf Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und

19. Jahrhunderts, München/Wien 1976 und vor allem Robert Darnton, Philosophen stutzen den Baum der Erkenntnis: Die erkenntnistheoretische Strategie der Encyclopédie, in: Das grosse Katzenmassaker. Streifzüge durch die französische Kultur vor der Revolution, München/Wien 1989, S. 219 ff.

10 Die bernische ökonomische Gesellschaft ist am besten dokumentiert. Vgl. Kurt Guggisberg, Kundige Aussaat, köstliche Frucht. Zweihundert Jahre ökonomische und gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern, Bern 1958. Uber die soziale und politische Funktion der Agrarreformer handelt vor allem Rudolf Braun, Das ausgehende Ancien Régime in der Schweiz. Aufriss einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts, Göttingen/Zürich 1984.

11 Vgl. Marie-Louise von Wartburg-Ambühl, Alphabetisierung und Lektüre. Untersuchung am Beispiel einer ländlichen Region im 17. und 18. Jahrhundert, Bern/Frankfurt a, M/Las Vegas 1981, S. 138 ff. Aufschlussreich die Zusammenstellung der nachgewiesenen Bücher im Anhang, S. 315 ff.

12 Hirzels Buch erschien in erster Auflage 1761. Es ist 1980 unter dem Titel «Kleinjogg oder Tun und Denken eines naturnahen glückseligen Bauern», mit einem Vorwort von Hans A. Pestalozzi, auszugsweise neu herausgegeben worden —ein Beispiel dafür, wie Anweisungsliteratur überlebt und neuen Handlungsbedürfnissen angepasst werden kann. Zur Person des Musterbauern vgl. Walter Guyer, Kleinjogg, der Zürcher Bauer, 1716-1785, Erlenbach/Zürich 1972.

13 Der Einfluss der industriellen Arbeitsbedingungen auf die Mentalität war sicher bedeutend. Erich Gruner, Die Stellung des Schweizer Arbeiters in Fabrik und Familie während des 19. Jahrhunderts, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Bd. 15, 1965, S. 322, meint sogar, «dass die Leistung der Fabrik in der Erziehung des Schweizervolkes zu seiner sprichwörtlichen Qualitätsleistung und Zuverlässigkeit ebenso hoch einzuschätzen ist wie diejenige der Schule».

14 Vgl. dazu Richard Feller, Die Universität Bern 1834-1934, Bern/Leipzig 1935, S. 195.

15 Über die materialistisch argumentierenden Naturwissenschafter, zu denen Büchner gehörte, existiert eine sozialgeschichtliche Untersuchung: Dieter Wittich, Vogt, Moleschott, Büchner. Schriften zum kleinbürgerlichen Materialismus in Deutschland. 2 Bände, Berlin 1971. Bd. 2 enthält auch den Neudruck von: Kraft und Stoff. Empirisch-naturphilosophische Studien in allgemein verständlicher Darstellung.

16 Zu einzelnen Aspekten der Hygienekampagne vgl. Beatrix Mesmer, Reinheit und Reinlichkeit. Bemerkungen zur Durchsetzung der häuslichen Hygiene in der Schweiz. in: Gesellschaft und Gesellschaften, Festschrift für Ulrich Im Hof, hrsg. von N. Bernard und Q. Reichen, Bern 1982, S. 470 ff. Zur Zeit läuft ein Nationalfondsprojekt, in dessen Rahmen die Anweisungsliteratur aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts genauer ausgewertet wird.

17 So beschloss 1872 beispielsweise die Berner Naturforschende Gesellschaft, neben ihren ordentlichen Sitzungen eine Reihe öffentlicher Vorträge zu veranstalten. Es könne «nicht alleinige Aufgabe der Naturforschenden Gesellschaft sein, im eng geschlossenen Kreise der Fachmänner die Wissenschaft zu pflegen, vielmehr soll eine derartige Gesellschaft einen Schwerpunkt ihrer Bestrebungen im Verbreiten wissenschaftlicher Kenntnisse, im Anregen zum Selbststudium suchen». Alpenrosen, Gratisbeilage zum Intelligenzblatt der Stadt Bern, 1872, S. 36. In der Folge wurde in den Alpenrosen jeweils eine Zusammenfassung dieser Vorträge veröffentlicht.

18 Illustrierte schweizerische Gartenlaube, 1898, S. 238. Es handelt sich um eine in Affoltern am Albis als Beilage für verschiedene Regionalzeitungen hergestellte Kurzausgabe der deutschen Gartenlaube.

19 Alpenrosen, 1898, S. 32.

20 Rainer Griesshammer, Der Öko-Knigge, Reinbek 1984