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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die Schule und die Kurzsichtigkeit.

Rectorats-Rede,

gehalten den 14. November 1874 in der Aula Bern's,

am 40jährigen Stiftungsfeste der Universität,

von

Prof. Dr. Dor.
Bern

Buchdruckerei von B. F. Haller. 1874.

Hochverehrte Anwesende !

Wenn wir bedenken, dass in unserem Lande jedes Kind schulpflichtig ist und dass die Zeit, welche die Kinder in der Schule zubringen, im Durchschnitt 8-10,000 Stunden beträgt, so müssen wir sogleich die hohe Bedeutung einer eigenen Gesundheitspflege für die Schule erkennen.

Diese Frage wurde zuerst im Jahre 1836 vom preussischen Medizinalrath Dr. Lorinser durch seine Schrift "Zum Schutze der Gesundheit in den Schulen" angeregt, worauf hie und da kleine Verbesserungen angebracht wurden; eine eigentliche Durchführung einer gesunden Schulhygiene finden wir aber nur in Amerika. Seit den 50er Jahren können die amerikanischen Schulen als Muster dienen (Vrgl. Barnard. School architecture etc. 1854.)— In der Schweiz haben wir es der Neuenburger Erziehungsdirektion zu verdanken, dass im Jahre 1864 Herr Dr. Guillaume ein werthvolles Buch über i "l'Hygiène scolaire" veröffentlichte. Er zeigt darin den verderblichen Einfluss der Schule in Bezug auf Rückgratsverkrümmungen, auf Kurzsichtigkeit, auf den sog. Schulkropf. Verbildung des Brustkastens, Kopfschmerzen, Nasenbluten, Verdauungsstörungen sind weitere Folgen des Schulbesuchs.

Im Jahre 1865 erschien eine treffliche kleine Arbeit von Dr. Fahrner in Zürich, ""Das Kind und der Schultisch", und von diesem Augenblicke an arbeiteten Aerzte und Pädagogen um die Wette und wir können hoffen, am Ziele der

theoretischen Arbeiten angelangt zu sein, welche die praktische Durchführung der erzielten Resultate nicht lange auf sich warten lassen darf.

Ich habe mir vorgenommen, den Einfluss der Schule auf die Augen und speciell auf die Kurzsichtigkeit mit Ihnen zu studiren.

Aeltere Angaben besitzen wir von Szokalski*) über zwei Gymnasien in Paris. Im Collège Charlemagne fand er in der untersten Klasse (aus den Jahren 1844-1848)

g. Klasse 65 Schüler 0 Kurzsicht. = 0 %
8. "102 "13 "= 12,7 "
2. "98 "11 " = 11,2 "
1. "74 "38 "=51,3 "
807 Schüler 89 Kurzsicht. = 11 %
Im Louis le Grand 170 Schüler 25 " = 14,7 "
Charlemagne, höhere Klassen allein 458 Schüler 77 "
= 16,6 "

In den Elementarschulen des 6. und 7. Bezirks von Paris fand dagegen Szokalsky unter 6300 Schülern keinen einzigen Fall von Kurzsichtigkeit.

Diese Zahlen, welche zusammenaddirt 114 Kurzsichtige auf 7277 Kindern, also 1,5 %, sind nicht derart, den verderblichen Einfluss der Schule in schlagender Weise zu bezeugen

Ganz ähnlich sind die letzten Resultate von Gayat 1) (1874) in Lyon, der unter 1588 Schülern nur 52 = 3,27 % Kurzsichtige (dagegen 108 Hypermetropie) fand. — Viel ungünstiger lauten die Angaben von Cohn 2) in Breslau, welcher unter 10,060 Schulkindern folgendes Verhältniss fand.

Dorfschulen 1,4 % 1,4 %
Städtische Elementarschule 6,7 "
)
Höhere Töchterschulen 7,7 " )
Mittelschulen 10,3 " Stadtschulen 11,4 "
Realschulen 19,7 " )
Gymnasien 26,2 ") 10,060 Schüler 1004 M. = 9,9 "

Die Untersuchungen von Erismann 3) in Petersburg, die genauesten, die bis jetzt existiren, ergeben 30,2 % Kurzsichtige. diejenigen Maklakoffs 4) in Moskau 331/2 % und diejenigen Ott's und Ritzmann's 5) in Schaffhausen sogar 35 %. Aehnliche Verhältnisse haben in Frankfurt Dr. Krüger und in Wiesbaden Dr. von Hoffmann gefunden.

Wenn der Spruch Donders' wahr ist, woran ich nicht einen Augenblick zweifle, der sagt: "Ich spreche es ohne Zaudern aus, dass ein kurzsichtiges Auge ein krankes Auge ist", so sind diese Zahlen geradezu erschreckend.

Wie steht es aber in dieser Beziehung mit uns in Bern? das war natürlich für mich die nächste Frage und ich untersuchte, um nicht auf Hypothesen zu bauen, unsere zwei höhern Schulen, die Kantonsschule und die Städtische Realschule.

Bei dieser Gelegenheit muss ich den HH. Direktoren und Lehrern beider Anstalten für die Hülfe, welche sie mir bei dieser zeitraubenden Untersuchung gewährten, meinen innigsten Dank aussprechen.

Die Ergebnisse waren folgende (siehe Tabelle I. ll. lIl. am Schlusse des Aufsatzes).

Also zusammen 430 Schüler, darunter 125 Kurzsichtige =29,07 %, mehr als ein Viertel sämmtlicher Schüler und zwar in einer nach dem Alter zunehmenden Progression von 15,2 . . . 60 %.

Wenn wir in unseren Schulen so traurige Zustände constatiren, so müssen wir nun untersuchen, ob diese Schulen den Anforderungen der Gesundheitspflege entsprechen. Hier müssen hauptsächlich die Grösse des Zimmers, die Menge und die Zertheilung des Lichts, die Schulbänke und die Heizung und Ventilation in Betracht kommen.

Es war meine Absicht, sämmtliche Schulen der Stadt zu besuchen, die Zeit aber erlaubte mir nur das Mattenschulhaus, dasjenige am Sulgenbach und die neue Einwohner-Mädchenschule zu besuchen.

Folgende Betrachtungen beziehen sich daher wesentlich auf Kantonsschule und Städtische Realschule.

A. Die Grösse des Zimmers hätte ich ausser Acht lassen können, da sie keinen direkten Einfluss auf die Kurzsichtigkeit ausübt. Ich war aber genöthigt, in Bezug auf die Lichtmenge die Grösse des Zimmers mit in Berechnung zu ziehen und will daher kurz die Resultate dieser Untersuchung angeben, wie sie auf Tabelle lV, V und Vl (am Schlusse) verzeichnet sind.

Es kann für die Schule, wie in den Spitälern für die Kranken genau berechnet werden, wie viel Luft für jeden Schüler absolut erforderlich ist, da die Quantität des in einer Stunde eingeathmeten Sauerstoffs und der ausgeathmeten Kohlensäure genau bekannt sind. Ich will hier auf solche

Details nicht eingehen, sondern mich der allgemein angenommenen Ansicht anschliessen, dass für jeden Schüler das Minimum der Luftmenge auf 150, eine gute Norm 200 Kubikfuss betragen muss. Ich fand nun in der Kantonsschule, indem ich nur diejenigen Schüler zählte, die bei meiner Untersuchung wirklich anwesend waren, eine Klasse, die VIII. der: Literaturabtheilung, unter dem Minimum (nämlich auf 1 Schüler 139,6 Kubikfuss) 6 zwischen 200 und 300 Kubikfuss, also in normalen Verhältnissen, 6 sogar mit einer grösseren Luftquantität 302', 303', 309', 413', 786-919', 6 auf jedes Kind. Es entspricht daher, mit einziger Ausnahme der VIII. Klasse, die Kantonsschule in Bezug auf die Luftmenge vollkommen den Anforderungen der Schulhygiene.

In der Städtischen Realschule konnte ich solche Berechnungen nicht anstellen, weil die Schüler jede Stunde die Klassen wechseln und daher bald in grösserer, bald in geringerer Zahl anwesend waren. Wenn ich aber nach dem Kubikinhalt der Zimmer die Zahl der Schüler berechnete, welche die nöthige Luftmenge haben, so fand ich für

Klasse 1. . . . . . . 18,5
3. . . . . . . 27,5
4. . . . . . . 23,5
5 24,5
6. . . . . . . 26,5
7 . . . . . . 23
9. (Zeichnungszimmer) 40,6

Da nun aber in den untersten vier Klassen in jeder 33 Schüler sind, so genügt ausser Nr. 10 und dem Zeichnungszimmer kein anderes Zimmer für diese Klassen. Erste Klasse mit 13 Schülern, zweite mit 19, dritte mit 25 sind dagegen vollkommen in den guten Verhältnissen .

Wichtiger für unsere heutige Aufgabe ist

B. Die Menge des Lichts.

Es lässt sich kaum positiv die genaue nothwendige Menge des Lichts berechnen, indem so viele Nebeneinflüsse hier mitspielen, wie z. B. die freie Lage der Schule oder die Nachbarschaft anderer Gebäude, von Bäumen u. s. w.; es hat dagegen die Erfahrung erlaubt, eine bestimmte Lichtmenge als nothwendig zu bezeichnen, damit diejenigen Schüler, welche am meisten von den Fenstern entfernt sind, genügend sehen können.

An der letzten Wiener Ausstellung waren 7 Schulhäuser und Modelle ausgestellt. Die portugiesische Schule war die dunkelste mit 17,6 " Glas auf 1' Grundfläche; die folgenden hatten 20,6, 25,7, 26,5, 28,6, 32, und die Franklinschule zu Washington (Modell) 52,9 " ", immer auf 1 Fuss. — Die genaue Prüfung aller dieser Schulen hat ergeben, dass die 2 ersten ungenügend, die 3 folgenden ziemlich gut, die 2 letztern allein genügend erleuchtet waren, und wir können es heute bestimmt aussprechen, 25 " ist das Minimum, 30 " Glas das normale Mass für ein gutbeleuchtetes Zimmer.

Es muss ferner das Licht immer von der linken Seite kommen, damit der Schüler durch seine Hand und seine Feder das Papier nicht beschaue. Es dürfen unter keinen Umständen Fenster vor den Augen der Schüler angebracht werden und womöglich auch nicht vor denjenigen des Lehrers.

Wenn wir nach diesem Massstabe die Bernerschulen betrachten, so ergibt sich, dass sie sämmtlich schlecht sind. Am schlimmsten sieht es mit der Kantonsschule, wo wir von 6.03" auf 12,22 " finden; die Realschule hat von 11" auf 18,6 ", ja sogar 31,6 " im Zeichnungszimmer, das einzige Zimmer dieser beiden Anstalten, wo wir genügendes Licht finden. — Selbst das neugebaute Sulgenbachschulhaus hat im 2. Stock nur 10,25, im ersten nur 15,2 ", und

neben dem steht noch in jedem Zimmer ein Fenster vor den Augen der Schüler, was absolut vermieden werden sollte. In dieser Beziehung haben wir daher noch sehr viel von der Wiener Ausstellung und besonders von den Amerikanern zu lernen.

Die Schulbänke und Schultische.

Die Frage der sog. Subsellien ist in den letzten Jahren so sehr besprochen worden, dass eine genaue Angabe aller Versuche unmöglich ist. Auf der Pariser Ausstellung waren 3 Modelle, auf der Wiener nicht weniger als 47 ausgestellt; von diesen letztern entsprachen 2 allen Anforderungen einer gesunden Schulhygiene, und auch die Pädagogen, welche sich anfangs gegen diese Neuerungen weigerten, haben sich allmälig eines Bessern belehren lassen, so dass auch diese Frage als gelöst betrachtet werden kann. Diese 2 Bänke sind die neue Kunze'sche und die Olmützer Bank. 1) 2)

Von einer guten Schulbank verlangen wir, dass der Schüler sitzen könne, das Knie im rechten Winkel gebogen, die Füsse flach auf dem Boden ruhend, d. h. die Höhe muss genau diejenige der Kniebeuge betragen. In dieser sitzenden Stellung ist die Höhe des Tisches so zu berechnen, dass beim Vorwärtsbewegen des im Ellenbogen gebeugten Armes der Arm gerade an dem Tischrand vorbeistreife. Zur Aufrechthaltung des Körpers muss ferner die Tischplatte geneigt sein und der untere Tischrand senkrecht auf die vordere Kante der Bank oder sogar 1-2 Centimeter zurück stehen. Auf keinen Fall darf zwischen Bank und senkrechter Projektion des Tischrandes eine Distanz existiren.

Dieses ist der Hauptpunkt, die Hauptbedingung einer guten Schulbank, der Zankapfel zwischen Aerzten und Pädagogen. Erstere verlangen eine gesunde Haltung, welche nach den Verhältnissen des Körpers berechnet ist, letztere wollen darin eine Zwangsstellung erkennen, weil der Schüler nicht im Stande ist, an Ort und Stelle, ohne aus seinem Platze zu treten, aufzustehen, wie es die Lehrer beim Gebet, beim Hersagen u. wünschen.

Diesem Uebelstand ist dadurch geholfen worden, dass man die Bänke nur für 2 Schüler macht, so dass jeder neben seinem Platz aufstehen kann. Man hat ferner nach langen Versuchen zweckmässige Einrichtungen erfunden, sowohl zum Aufklappen der Tischplatte (für jeden Schüler einzeln, wie in der Einwohnermädchenschule), als noch besser zum Auf- und Herunterschieben, wie bei der Olmützer Bank.

Was endlich die Lehne anbetrifft, so darf dieselbe nicht fehlen, indem von Zeit zu Zeit der Körper die gebückte Stellung gegen eine andere vertauschen muss und, auch beim Aufrechtsitzen, der Körper (hier der Rücken) gestützt sein muss, um Deviation, Schiefstellung u. dgl. zu vermeiden. Die Lehne muss sich daher der Krümmung der Wirbelsäule anschliessen und in der Höhe der Lendenwirbel leicht hervorgewölbt werden. — In allen Modellen finde ich die Lehne zu senkrecht, sie soll nicht beim Schreiben den Rücken berühren, sondern nur, wenn der Schüler dem mündlichen Vortrage des Lehrers folgt, auf die Tafel oder Karten sieht u. dgl. m., und in diesen Augenblicken ist ein Anlehnen eine wahre Erholung, besonders wenn durch. geringe Schiefheit der Lehne der Rücken noch besser aufruht. Anliegend an den geschweiften Rücken kann auch der Sitz leicht geschweift werden.

Man ersieht daraus, dass man die Bank nach dem Schüler, nicht das Kind nach der Bank anpassen muss. Es müssen daher nothwendiger Weise in jedem Zimmer Bänke verschiedener Grösse angebracht werden, und die

Schüler alle Jahre, oder besser alle 6 Monate, nach ihrer Grösse placirt werden.

Wie sind diese Hauptbedingungen in unseren Schulen erfüllt?

In der Kantonsschule finden wir lobenswerte Versuche für 4 Klassen mit Kunze'schen Bänken, so in der 7. und 8. Litterar-, in der 7. und 8. Realklasse. Alles übrige Material ist grundschlecht, Bänke zuweilen ohne Lehne, mit Distanz von 1-4 ". 1)

In der Städtischen Realschule sieht es ebenso schlecht aus. Alte Bänke mit Distanz von 2-3 oder 4 ", nur in der 7. Klasse 2 Bänke ungefähr nach dem Fahrner'schen Modelle.

Im Sulgenbachschulhaus sind die Bänke besser. Sitz und Lehne sind geschweift, aber die Distanz ist immer zu gross, und so lange eine solche überhaupt besteht, können wir uns nicht zufrieden erklären; auch sind sämmtliche Bänke einer Klasse gleich hoch, so dass die Grösse der Schüler keine Berücksichtigung findet.

In der Mattenschule sind 3 verschiedene Systeme versucht worden; das eine davon ist fast genügend, die andern noch vollständig nach alter Art.

Musterhaft in dieser Beziehung ist die Einrichtung der neuen Einwohnermädchenschule, besonders der Elementarklassen, denn es ist noch eine Frage, ob die beweglichen Stühle, die wir in den obern Klassen antreffen, nicht schädlich sein können und unserem Ziele entgegen wirken. Sehr zu loben sind ferner die Zeichnungstische von Hrn. Benteli.

Im Ganzen entspricht also nur eine Schule vollständig den Anforderungen, einige weisen Fortschritte auf (Sulgenbach,

Matte), die beiden Hauptschulen aber sind in dieser Beziehung absolut schlecht.

Die Heizung und Ventilation haben wir nur desswegen zu erwähnen, weil durch zu heisse und zu trockene Luft Kopfcongestionen und äussere Reizungen der Augen entstehen. Die Praxis hat bewiesen, dass die Luftheizung durch Caloriferen derjenigen durch gut konstruirte Oefen nachsteht, und in dieser Beziehung können wir die Oefen des Sulgenbachschulhauses als Muster bezeichnen. Die dort angebrachte Ventilation durch Zurückklappen des obern Theils der Fenster ist auch für gewöhnliche Schulen vollkommen genügend. Endlich ist in jedem Zimmer ein Thermometer angebracht, auf jeden Fall eine gute Vorsicht.

Schlussbetrachtungen.

Nachdem wir gesehen haben, welche Anforderungen wir berechtigt sind, an die Schule zu stellen, und besonders welche traurigen Zustände wir noch dort antreffen, können wir uns noch fragen, ob es nicht besser wäre, die Schule überhaupt zu meiden und zu den ursprünglichen arkadischen Verhältnissen zurückzukehren. — Wenn die Schule im Stande ist, von 4 Kindern 1 kurzsichtig werden zu lassen, so ist der Schulzwang, wie er in der neuen eidgenössischen Constitution enthalten ist, vollkommen ungesetzlich, und ein Kreuzzug gegen den Schulzwang würde sich eher rechtfertigen lassen, als ein solcher gegen den Impfzwang. Allein die Sache verhält sich nicht so; aus der Statistik beweisen zu wollen, dass die 66 % Kurzsichtige der 1. Klasse der Realschule es wegen der Schule geworden sind, würde den Ausspruch James Fazy 's rechtfertigen, wenn er behauptet: "La statistique est le mensonge en chiffres."

Die erste Ursache, die häufigste Ursache der Kurzsichtigkeit ist die Erblichkeit. In der städtischen Realschule allein

könnte ich unter 42 Kurzsichtigen bei 25 (= 59 %) die direkte Erblichkeit nachweisen, und manche Angaben über Familienanlage fehlten mir, indem die Kinder nichts über ihre Grosseltern, Onkel, Tanten u. angeben konnten, und wir oft genug Fälle sehen, wo eine Generation übersprungen wird.

In dieser Erblichkeit spielen Racenunterschiede eine Hauptrolle; während wir sehen, dass in Russland, Deutschland, ' Schaffhausen und Bern (die Zahlen Cohn's lasse ich aus, weil er zu junge Kinder mit in Berechnung zieht) das Verhältniss der Kurzsichtigen 29,07 bis 25 % beträgt, finden wir in den höhern Klassen der Pariser Gymnasien 16,6 und 14,7, ja in den Schulen Lyon's 3,27 %. Je weiter wir nach Süden gehen, um so mehr treffen wir normale Augen an, Furnari behauptet, in Kabylien keinen einzigen Fall gefunden zu haben, und Macnamara 1) schreibt aus Calcutta: "Es ist merkwürdig, wie wenige Fälle von Refractions-Anomalien wir in den niedern Klassen in Indien antreffen. In mehreren Völkerracen scheinen diese Krankheiten vollkommen zu fehlen. Ich war unter den Sonthals, den Eingebornen von Bengalen, ich wohnte auf den Hügeln von Rajahmahal und habe keine Gelegenheit versäumt, die Augen der Leute, mit denen ich in Berührung kam, zu untersuchen, doch habe ich nie einen Sonthal gesehen, dessen Augen nicht normal waren." Die Erblichkeit, der Einfluss der Racen ist daher für mich ohne Zweifel bewiesen.

Die andauernde feine Arbeit auf sehr nahe Gegenstände wird auch beschuldigt, die Kurzsichtigkeit zu erzeugen. Eine zwölfjährige Praxis hat mir aber jeden Tag neue Beweise gebracht, dass es nicht immer so sei. Seit mehreren Jahren schon bin ich erstaunt gewesen, dass die meisten Kranken aus

den Neuenburger Bergen, aus den Städten Locle und Chaux-de-Fonds, wo man durch die minutiöse Arbeit der Uhrmacherei eine furchtbare Entwicklung der Kurzsichtigkeit erwarten sollte, von der entgegengesetzten Refractions-Anomalie, von der Hypermetropie behaftet sind.

Um nicht ungenaue Angaben hierüber zu machen, habe ich aus meinen Krankenbüchern sämmtliche Patienten von Locle und Chaux-de-Fonds ausgezogen. Die Zahlen sprechen deutlich genug. Von 348 Kranken hatten 130 Refractions-Anomalien = 36,35 %

Von diesen 34 Myopie = 9,70 "
76 Hypermetropie = 21,83 "
15 Presbyopie = 4,37 "
5 Astigmatismus = 1,45 "

Die Entwicklung der Kurzsichtigkeit in den Schuljahren ist auch vollkommen im Einklang mit der Entwicklung der Myopie überhaupt.

Diese wahre Thatsache bedarf einer kurzen Erklärung. Unser Auge gleicht in optischer Beziehung vollkommen der Camera obscura des Photographen, wo, um ein deutliches Bild zu bekommen, die Platte genau in einer bestimmten Entfernung von der Linse sich befinden muss. Wir nennen kurzsichtig ein Auge, wo die Netzhaut (der Platte des Photographen entsprechend) zu weit von der Linse sich befindet, und die Kurzsichtigkeit ist um so stärker, je grösser dieser Abstand. Die normale Länge des Auges beträgt beim Erwachsenen 26 Millimeter, bei Kurzsichtigen von 27-33, ja sogar 35 Millimeter. Wenn nun auch das Auge mit Prädisposition zur Myopie geboren ist, so ist es doch im Anfang zu klein, als dass die Kurzsichtigkeit manifest würde, und erst mit dem Wachsthum kommt der Augenblick, wo die Länge der Augen (optische Axe) über 26 Millimeter beträgt und der Patient anfängt in die Ferne undeutlich zu sehen. Je stärker die Prädisposition zur Myopie, um so früher wird sie manifest,

je schwächer, um so stärker; es sind daher die spät auftretenden Kurzsichtigkeiten in der Regel viel schwächer als die früh bemerkbaren. Dieses erklärt auch, warum mit jedem Altersjahre die Zahl der Kurzsichtigen wächst (vergl. Tabellen). indem mit jedem Jahre neue Individuen kurzsichtig werden, welche es bis dahin nicht waren, und warum alle Kurzsichtigen mit Recht behaupten, früher gut gesehen zu haben und erst im 10., 12., resp. 14. 15. Jahre u. s. w. den Fehler ihrer Augen bemerkt zu haben. Dieses Alter fällt aber mit der Schulperiode zusammen, daher die gewöhnliche Annahme, die Schule sei die Ursache der Kurzsichtigkeit.

Wenn ich die Einwirkung der Schule auf die Entstehung dei Myopie möglichst beschränken will, so bin ich jedoch vollkommen überzeugt, dass diese in sehr vielen Fällen einen höchst verderblichen Einfluss ausübt. Es steht fest, dass ungenügendes Licht, dass eine gebildete Stellung, ein Vorwärtsneigen des Kopfes bei Prädisposition zur Myopie, besonders in der Jugend, zu einer Zeit, wo die Augenhäute noch nicht die normale Resistenz erlangt haben, dieselbe bedeutend steigern können. Bei guter Beleuchtung, bei guter Haltung würde mancher Fall von geringer Kurzsichtigkeit sich normal entwickeln, das heisst bis zum 20. 25. Jahre ein wenig zunehmen und dann stationär bleiben, ja sogar später etwas abnehmen; wir würden besonders diese schlimmen Fälle von constant progressiver Myopie seltener und seltener sehen, welche so oft zu Netzhautablösung und Erblindung führen. Daher müssen wir mit Entschiedenheit behaupten, die Schule müsse sämmtlichen Anforderungen der Gesundheitspflege ohne Ausnahme entsprechen. Eine Reform ist hier absolut nothwendig. Den Pädagogen und Schularchitekten müssen diese Hauptpunkte: genügende Luftquantitäten, 200 Kubikfuss per Individuum, genügende Lichtmenge, 25 bis 30 " per Fuss der Grundfläche, Schulbänke genau nach den Vorschriften, ohne jede oder mit einer leichten negativen Distanz, 2plätzig,

in verschiedener Grösse in jeder Klasse, ungefähr nach dem Kunze'schen oder Olmützer Modell, und endlich passende Heizung und Ventilation als Bedingungen bei jedem Schulbau im Pflichtenheft gestellt werden. Erst dann werden wir unsere Pflicht erfüllt und unser Möglichstes gethan haben, damit der Ausspruch eines französischen Realisten sich bei uns nicht verwirkliche, der Ausspruch: "Il n'y aura bientôt plus que la canaille qui aura de bons yeux."

Zur leichteren Uebersicht haben wir in der Tabelle VIl die Zahlen sämmtlicher drei Berner Schulen (Kantonsschule, Litterar- und Real-Abtheilung, und städtische Realschule) zusammen addirt und nach dem Alter aufgezeichnet, um unsere Resultate mit den Untersuchungen anderer Länder zu vergleichen.

Hypermetropie und Astigmatismus, zwei optische Fehler der Augen, auf die wir heute nicht eingehen können, haben wir aus dem gleichen Grunde in den Tabellen mit aufgenommen. .

I. Kantonsschule (Realabtheilung).

II. Kantonsschule (Litterarabtheilung).

III. Städtische Realschule.

IV. Kantonsschule (Real-Abtheilung).

V. Kantonsschule (Litterar-Abtheilung).

VI. Städtische Realschule .

VIl. Uebersichtliche Tabelle.