reden.arpa-docs.ch
Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Rectoratsrede, gehalten am Stiftungsfeste der Hochschule Bern den

15. November 1876
Prof. Dr. Eduard Müller,

d. d. Z.

Bern.
Max Fiala's Buch- und Kunsthandlung (Otto (Kaeser).

Die nationale Bedeutung der Hochschulen.

Hochverehrte Versammlung!

Das Stiftungsfest unserer Hochschule ist der dankbaren Pietät gegen unsere alma mater gewidmet, welcher wir, Lehrer und Commilitonen, trotz der Gliederung in verschiedene Fakultäten und der mannigfachen Theilung der wissenschaftlichen Arbeit, durch die innigsten geistigen Verwandtschaftsbande angehören. Alle Sonderbestrebungen treten da zurück, und das Bewusstsein fester Zusammengehörigkeit und einheitlicher Zusammengeschlossenheit wirkt reinigend, kräftigend und erhebend auf die Einzelnen und auf das Ganze. Wir gedenken unseres gemeinsamen Ursprungs, unserer gemeinsamen Schicksale und Interessen, unserer gemeinsamen Güter, Krafte und Aufgaben.

Da liegt es wohl nahe bei unserer Feier, welche der Hochschule gilt, die Hochschule selbst zum Gegenstand unserer Besprechung zu machen. Und wenn uns der heutige Tag daran erinnert, dass die Stiftung unserer Hochschule die schöpferische That des aus unerträglich gewordener Bevormundung sich losringenden, des sich zum Volksstaate selbstständig organisirenden Volksgeistes war, so möchte ich wohl auf Ihre Zustimmung rechnen, wenn ich — selbst auf die Gefahr hin, kaum etwas Neues zu sagen — die nationale Bedeutung der Hochschulen in ihren Grundzügen darzustellen versuche.

Lassen Sie mich nun vor Allem hervorheben, dass die nationale Bedeutung der Hochschule durch ihre wissenschaftliche Aufgabe bedingt ist. Unter den Erwägungen des Grossen Rathes der Republik Bern, welche die Stiftung unserer Hochschule begründeten*), sind mit besonderm Nachdruck vorangestellt, dass es Pflicht des Staates ist, für die gründliche Ausbildung und Befähigung seiner Bürger zu jedem wissenschaftlichen Berufe hinlänglich zu sorgen, und dass es der Pflicht und der Ehre, sowie dem Interesse des Staates angemessen ist, Alles dasjenige zu thun, was in seinen Kräften steht, um die Wissenschaft zu fördern. Und es wird sodann die Hochschule einfach als eine höhere Lehranstalt bezeichnet, welche im Allgemeinen den Zweck hat, die Wissenschaft zu fordern und im besondern die reifere Jugend zur Ausübung jedes wissenschaftlichen Berufes zu befähigen (§22). Als nun den 15. November 1834 die Hochschule feierlich eröffnet wurde, hielt Schultheiss Neuhaus eine staatsmännisch gediegene und patriotische Rede über den Werth der Wissenschaften und die Bedeutung ihrer Pflege für das Vaterland. Der erste Rektor, Prof. Wilhelm Snell, empfing sodann mit begeisterten Worten die Stiftungsurkunde der Hochschule aus den Händen des Schultheissen der Republik Bern. Schliesslich sprach Prof. T Troxler Namens des Senates in gediegener und geistvoller Rede über Idee und Wesen der Universität in der Republik.**)

Wir sehen, bei der Gründung und Eröffnung unserer Hochschule. wurde ihre wissenschaftliche Aufgabe in ihrer nationalen Bedeutung klar erkannt und begeistert erfasst. Verwandten Erwägungen haben neuere Universitäten, unter ihnen Berlin, Bonn und Strassburg ihre Gründung zu verdanken,

während andere durch ihren Mangel an nationalem Interesse verkümmert und eingegangen sind.

Zwar wissen wir wohl, die Wissenschaft ist international und die Schätze wissenschaftlicher Erkenntniss sind ein Gemeingut aller gebildeten Völker. Allein wie jedem einigermassen gesund angelegten Menschen die wissenschaftliche Anlage mit dem Trieb nach Erkenntniss und Wahrheit angeboren ist, so dass er ohne diese Anlage kaum als Mensch betrachtet werden könnte, so gehört auch zu den edeln und unentbehrlichen Organen jeder nationalen Volksgemeinschaft die wissenschaftliche Anlage, der Trieb nach Erkenntniss und Wahrheit, das Ringen nach der Herrschaft des Geistes über die rohe finstere Naturgewalt, das Bewusstsein, nur durch eine bleibende heimat. im Reiche des Geistes wirklich ein Volk zu sein. Und wie jeder Einzelne innerhalb der Gesammtaufgabe seine eigenthümliche ihm vermöge seiner individuellen Anlage besonders zukommende Aufgabe hat, welche im. Dienste des gemeinsamen Zweckes zu lösen ihm obliegt, so ist auch jedem gebildeten Volke an der gemeinsamen Aufgabe der Erforschung Wahrheit sein besonderer Antheil und seine besondere Gabe zugewiesen

Das Organ der Verwirklichung dieser Aufgabe ist die Schule Und zwar kommt insbesondere auch der Volksschule eine wesentliche und unentbehrliche Mitwirkung zu Sie hat die elementaren Grundlagen zu legen, die aufkeimenden Geisteskräfte zu pflegen, zu reinigen und. zu bilden, dem Aermsten und Geringsten im Volk das Gut gründlichen Unterrichtes mitzutheilen und in Allen die Lernbegier, den Eifer fortzuschreiten, das Interesse an den Gegenständen der Erkenntniss, die Sehnsucht. nach selbstständigem Denken zu nähren. Eine blühende nach richtigen pädagogischen Grundsätzen organisirte und geleitete Volksschule ist wie eine Grundbedingung der Volkswohlfahrt,

so auch eine Grundbedingung des Gedeihens der Hochschule. Nicht nur hängt von der elementaren Grundlage, welche die gute Volksschule dem kindlichen Geiste gewährt, so unendlich viel ab für. die weitere geistige Fortentwicklung, sondern sie regt auch in den begabtern und strebsamern Schillern das Bedürfniss an nach höherer wissenschaftlicher Erkenntniss und Bildung. Und indem sie mit allen Schichten des Volkes verwachsen ist, weckt sie in ihnen ein tieferes Interesse an der Arbeit und dem Erträgniss wissenschaftlicher Forschung. Dieses Interesse macht sich nicht bloss laut in den Mittelpunkten des geistigen Verkehrs, wir können es auch finden in dem einsamen Dorfe und in der entlegenen Alpenhütte. Ja, es erscheint als ein Gesetz der geistigen Entwicklung der Völker, dass der zündende Geistesfunke am intensivsten gerade in die Massen fällt, welche noch auf der Stufe der Naturrohheit zu stehen scheinen, und hier schöpferische Ideen und Persönlichkeiten erzeugt, welche dem Reich der Wahrheit neue Bahnen brechen. . Wie aus dem Haupte Jupiters Minerva mit Schild und Lanze gerüstet hervorspringt, so entspringt dem oft träumenden, oft über schweren und dunkeln Gedanken brütenden Haupt des Volkes die Göttin der Weisheit und verscheucht die finstern, regellosen und despotischen Dämonen der Nacht und bringt Licht und Gestalt, Ordnung und Geist in das gährende Chaos.

Die Gründung unserer Hochschule mochte Vielen in mancher Beziehung als ein gewagter Versuch erscheinen Die Ausbildung der Volksschule war noch in ihren Anfängen begriffen, die wenigen Mittelschulen und Progymnasien beschränkten sich auf die Städte und fristeten theilweise ein dürftiges Dasein, — die Hochschule schien in der Luft zu, schweben, da ihr die Grundlage einer gründlichen wissenschaftlichen Vorbildung abging. Zwar hat die

Akademie der Mediations- Restaurationszeit in ihrer Art Rühmliches geleistet. Sie umfasste die vier Fakultäten, —es wirkten an ihr eine Anzahl tüchtiger, zum Theil ausgezeichneter Lehrkräfte, auch, hat sie den Grund unsern Subsidiaranstalten gelegt. Allein der Mangel an finanzieller Unterstützung, an genügenden Lehrkräften, an genügender Vorbildung der meisten Studirenden, die Herabsetzung der philosophischen Fakultät zu einer blossen Vorschule für Jünglinge, welche die Knabenschuhe kaum ausgezogen hatten, der Kollegienzwang, die. Beschränkung der Lehrfreiheit, die ängstliche, jede freiere Richtung beargwöhnende Disziplin, die vorherrschend theologische Tendenz und das Gefühl, als handle es sich bloss darum, einzelnen Bevorzugten auch noch das Vorrecht. eines höhern Wissens zu verschaffen,*) — das Alles liess es, wie der Grossrathsbeschluss vom 14. März 1834 sich ausdrückt, als ein anerkanntes Bedürfniss erscheinen, die bestehende Akademie gänzlich umzugestalten und eine Hochschule zu gründen. Auch wurde in der durch dasselbe Gesetz beschlossenen Gründung eines höhern Gymnasiums klar erkannt, dass gründliche wissenschaftliche Vorbildung zum erfolgreichen Besuche der Hochschule unentbehrlich sei. Allein auch das höhere Gymnasium, welches in seiner Organisation und seinen Leistungen den besten deutschen Gymnasien an die Seite gestellt werden konnte, wurde nur von Wenigen und vorherrschend nur von solchen besucht, welche sich dem Studium der Theologie zu widmen gedachten.. So erschien die Gründung der Hochschule — wir möchten sagen als eine That des Glaubens, dass sie durch ihre wissenschaftliche Anregung und Kraft das Bedürfniss wissenschaftlicher Vorbildung wach erhalten und auf die Ausbildung des gesammten und insbesondere

auch des höhern Schulwesens heilsam einwirken würde. Und dieser Glaube ist nicht getäuscht worden, wenn auch das Werk nur langsam unter vielen Schwierigkeiten gefördert Wurde und zur Stunde die Forderung gründlicher Vorbildung noch nicht allseitig erfüllt ist. In den Anfängen unserer Hochschule wurde die mangelhafte Vorbildung einigermassen ersetzt durch den Schwung nachhaltiger Begeisterung und Anregung, welche die neu erschlossenen. Quellen höherer Erkenntniss gewährten, durch die schöpferischen und bildenden Ideen, welche in der Zeit lagen und die akademische Bürgerschaft, Lehrer .und Studirende bewegten, so wie durch einzelne hervorragende Talente und den Wissensdurst und den eisernen Fleiss der meisten.

Immerhin war der Mangel vorhanden und machte sich recht fühlbar. Auch liess er sich bei unsern Verhältnissen nicht durch einen Schlag beseitigen, etwa durch. eine gesetzgeberische Massregel, welche Alle, die keine Maturitätsprüfung bestanden, von der Hochschule ausgeschlossen hätte. Dazu war unsere Hochschule zu. sehr mit unsern Volksinteressen verwachsen, und es machte sich gebieterisch die Meinung geltend, dass diese vom Volke gegründete und getragene Anstalt auch jedem Söhne des Volkes zugänglich sein solle Doch wurde von den Staatsbehörden und einer Anzahl Gemeinden an der Beseitigung des tief empfundenen Uebelstandes stetig grundsätzlich und mit Opferbereitwilligkeit gearbeitet. Die Hebung und Ausbildung der Volksschule, die Schöpfung eines blühenden von den Gemeinden mit Liebe gepflegten. Mittelschulwesens haben das Ihrige gethan, und insbesondere gebührt der Kantonsschule das Verdienst, durch ihre das Gesammtgebiet der wissenschaftlichen Vorbereitung umfassende Organisation, durch ihren methodischen Unterricht und durch hervorragende Lehrkräfte nicht nur der zahlreichen Schaar ihrer Schüler eine gediegene

Vorbildung gegeben, sondern auch ein Wesentliches zur Hebung. der. Mittelschulen. und Progymnasien des Landes beigetragen zu haben. Möge ihr bei ihrer bevorstehenden Aufhebung zum Troste dienen, dass sie nicht stirbt, weil sie Nichts. oder zu wenig geleistet, sondern weil sie so Tüchtiges geleistet, dass die ihr übertragene Aufgabe. nun vom Staate den hiezu bereiten Gemeinden vertrauensvoll übertragen werden kann. Fügen wir noch bei, dass die Forderung eines Maturitätszeugnisses bei den Staatsprüfungen der Fürsprecher und Mediciner bereits seit längerer Zeit auf die Hochschule einen wohlthätigen. Einfluss ausübt, und wenn. neuerdings auch für andereS-Berufsarten eine gründlichere wissenschaftliche Vorbildung verlangt wird, so begrüssen wir darin die richtige Erkenntniss dessen, was die Hochschule sein und für die Wissenschaft und das Volk leisten soll.

Wir haben hier auf den Streit zwischen Humanisten und Realisten nicht einzutreten, — persönlich geben wir mit unserm Kollegen in Zürich, dem Berichterstatter über die Frage der wissenschaftlichen Vorbildung am letzten schweizerischen Lehrertage, sowie mit dem Berichterstatter an der letzten Versammlung früherer Schüler des Polytechnikums dem quantitativ vereinfachten humanistischen Gymnasium den Vorzug. Es handelt sich nicht darum, dass der Studirende mit grossem Gepäck von mancherlei gelehrten Notizen die Hochschule beziehe Vielmehr werden wir derjenigen Form der Vorbildung den Vorzug geben, welche am meisten geeignet ist, den jugendlichen Geist mit ihm angemessenen bildenden Geistesstoffen zu nähren und ihn durch methodische geistige Gymnastik so zu kräftigen und zu bilden, dass er fähig wird, den ihm auf der Universität dargebotenen Wissensstoff auch wissenschaftlich zu begreifen und zu verarbeiten.

Und gestatten Sie mir, hochverehrte Versammlung, hier gleich noch auf einen andern Uebelstand aufmerksam zu machen. Mit der Gymnasialbildung sollte die allgemeine wissenschaftliche Vorbildung nicht abgeschlossen sein. Neben dem gründlichen Studium der Fachwissenschaften sollte in den Hörsälen der philosophischen Fakultät die allgemeine Bildung genährt, erweitert und vertieft, die Wissenschaft rein der Wissenschaft wegen getrieben, der ästhetische,: der sprachwissenschaftliche, der historische und der naturwissenschaftliche Geist gebildet, der Sinn für methodische wissenschaftliche Forschung geschärft werden So nothwendig für jeden wissenschaftlichen Beruf der Erwerb der gelehrten Kenntnisse und die Meisterschaft in den praktischen Fertigkeiten ist, welche die sichere und erfolgreiche Ausübung desselben bedingen und gleichsam sein unentbehrliches Betriebskapital bilden, — die Hauptsache wird stets sein, dass durch die Art, wie die Wissenschaft getrieben wird, die Träger der wissenschaftlichen Berufsarten befähigt werden, nicht nur ihren eigenen Beruf wissenschaftlich zu erfassen und auszuüben, sondern auch für alle wesentlichen Interessen des Volkes ein offenes, geläutertes Auge zu haben und die Tüchtigkeit, auch scheinbar ferner liegende praktische Aufgaben wissenschaftlich zu begreifen und grundsätzlich zu lösen. Wenn die Opfer, welche das Volk für die Hochschule bringt, und sein Vertrauen zu ihr dankbar und reichlich belohnt werden durch eine zahlreiche Schaar gründlich gebildeter Männer, welche in den verschiedenen Berufsarten des Volkes bewährte Leiter, Rathgeber, Helfer, Pfleger und Freunde sind, — so geht. zugleich von der Hochschule aus ein unsichtbarer Strom geistiger Bildung, tieferer Erkenntniss und durch freie selbständige Forschung gewonnener Grundsätze und Ueberzeugungen. Und wo Wahn und Irrthum den Baum des Volkslebens überwuchern,

wo ein. vielgeschäftiger: Dilettantismus und. ein marktschreierisches Pfuscherthum mit ihren kleinen Künsten zu blenden suchen, wo die Beschränktheit zäh festhält an ihren Verurtheilen und der Dünkel einer seichten Halbbildung seine Unfehlbarkeit proklamirt und seine Behauptungen und Schlagworte. als echtes: Gold auf den Markt bringt, wo rabbulistische Routine und heuchlerische Schönrednerei auf Beute ausgehn, — da erscheint die echte wissenschaftliche Bildung mit dem Schwert der Wahrheit als züchtigende und rettende Macht.

Lassen Sie mich, hochverehrte Anwesende, hier gleich beifügen wie es mir für die nationale Bedeutung der Hochschule von besonderm Werth zu sein scheint, dass sie Universitas literarum ist Zwar wollen wir der speziellen Fachschule ihre Vorzüge nicht absprechen Sie gewährt bei der massenhaften Anhäufung des Wissensstoffes grössere Concentration, festere Einprägung, virtuosere Ausbildung der technischen und praktischen Fertigkeiten und ist überhaupt ihrem ganzen Wesen nach mehr auf die praktische Nutzbarmachung der Wissenschaft gerichtet Diese Vorzüge sind beispielsweise den meisten französischen Fachschulen eigen, während die grossen englischen Universitäten trotz der eminent praktischen Begabung der Nation, ja vielleicht gerade wegen dieser, das Hauptgewicht auf eine möglichst ausgedehnte und gründliche allgemein-wissenschaftliche Bildung legen in dem durch die Erfahrung gerechtfertigten Vertrauen, dass der wissenschaftlich durchgebildete Mann auch am fähigsten sei, seinen praktischen Lebensberuf sicher, selbständig und fruchtbar auszuüben. Wir halten uns an das Muster der deutschen Universitäten. Das Fachstudium in den einzelnen Fakultäten gewährt ja dieselben Vorzüge, wenn auch die Tendenz auf das rein Nützliche und Praktische nicht so ausgesprochen hervortritt, dagegen wird der rein

wissenschaftliche Sinn genährt, die Richtung auf das Nützliche und Praktische vermag den idealen Sinn, die unbedingte Hingabe an die Erforschung der Wahrheit nicht zu lähmen, — der Abgeschlossenheit, der Einseitigkeit, der Gehässigkeit, dem Dünkel wird gewehrt,. es findet ein reicher anregender und bildender Wechselverkehr unter den verschiedenen Wissensgebieten und ihren Trägern statt, dieser Wechselverkehr bringt grösseren Wetteifer in die Begründung der Anschauungen, — Kampf, Läuterung, Verständigung, Freiheit und schliesslich für Alle Zuwachs an wissenschaftlicher Bildung und geistiger Kraft. Haben doch schliesslich alle Wissenschaften ihre gemeinsame Wurzel im menschlichen Geiste und seinem Erkenntniss- und Wahrheitstrieb, ihre gemeinsame Methode im Ausgehen vom sicher ermittelten Thatsächlichen und Erfahrungsgemässen, ihren gemeinsamen Zweck, den Geist zu befreien, das Reich der Wahrheit auf Erden zu bauen, — und fügen wir bei, auch ihre gemeinsame Grenze in den dem menschlichen Geiste gesetzten Schranken Und gewiss ist auch nicht gering anzuschlagen der wissenschaftliche und gesellige Verkehr der Lehrer und Schüler der verschiedenen Fakultäten. Es lernen sich da Philosophen, Juristen, Mediciner und Theologen mit ganz andern Augen ansehn; der Dünkel, ausschliesslich das Bürgerrecht zu besitzen im wissenschaftlichen Gemeinwesen, die Gespensterfurcht der einzelnen wissenschaftlichen Zünfte vor einander schwindet mit der Engherzigkeit, und das Bewusstsein, auf einander angewiesen zu sein, Mitarbeiter zu sein und Mitstrebende, ruft dem Gefühl gegenseitiger Achtung und Solidarität. Und draussen im praktischen Leben, mitten im Volke begegnen sich wieder die Träger der verschiedenen Berufsarten als Genossen an dem Werk der materiellen und geistigen Wohlfahrt des Volkes, — und ist auch Jeder zunächst auf sein besonderes Arbeitsfeld angewiesen.

das geistige Geben und Empfangen dauert fort, die Pflicht des gemeinsamen und tapfern Einstehens für die erkannte Wahrheit dauert fort; und bei der so mannigfaltigen Verschlingung menschlicher Verhältnisse oft bei demselben Menschen, derselben Familie und noch mehr in den weitern Gemeinschaftskreisen ist der Eine auf den Andern angewiesen und vermag ihn zu fördern und empfängt selbst wieder frische Anregungen, so dass er für das Ganze mehr zu leisten vermag als durch seine vereinzelte Kraft. .

Doch wie die Universität die Gesammtheit der Wissenschaften und ihrer Träger umfasst, so umschlingt auch ein gemeinsames Band sämmtliche Universitäten und Träger des wissenschaftlichen Geistes. Es erhebt sich vor unsern Augen das Bild einer grossartigen internationalen Republik, deren Bürger zusammengehören, zusammen arbeiten, zusammen. und auch oft gegeneinander kämpfen, — in dem Einen grossen Interesse der Menschheit und der Völker: der Erforschung und der Verbreitung der Wahrheit. Wenn das Grundgesetz unserer Hochschule hervorhebt, dass es die Ehre des Staates erfordere, Alles dasjenige zu thun, was in seinen Kräften steht, die Wissenschaft zu fördern, so schwebte wohl dem Gesetzgeber die Ehrenpflicht vor, dass auch unser Staat trotz seiner bescheidenen Verhältnisse zur Mitarbeit an der Pflege der Wissenschaft berufen sei Ein Volk, welches in die Reihe der Kulturvölker eintritt, hat nicht bloss zu zehren an den Schätzen der Erkenntniss, welche andere ihm darbieten; erst dann, wenn es sich selbständig schöpferisch und mitarbeitend in der Werkstätte des wissenschaftlichen, Geistes bethätigt und selbst auch den andern etwas zu geben hat, erwirbt es sich die Berechtigung, unter den gebildeten Nationen mitzuzählen, — und erst dann gewinnt auch das, was es von den andern

empfängt, Gehalt, Gestalt und Fruchtbarkeit Dieses gegenseitige Geben und Empfangen bringt beide Theile näher, macht beide Theile schöpferischer, reicher, kräftiger, fruchtbarer;

Wer in der Weltgeschichte lebt, —
Wer in die Zeiten schaut und strebt,
Nur der ist werth, zu sprechen und zu dichten.

Und wir dürfen wohl sagen, unsere kleine Schweiz hat sich redlich bemüht, an der gemeinsamen Arbeit ehrenhaft und erfolgreich Theil zu nehmen Seit mehr als fünf hundert Jahren lasst die ehrwürdige Universität Basel ihr Licht leuchten; unsere Schwester-Universität Zürich verdankt ihren Ursprung derselben Bewegung, aus welcher unsere Hochschule hervorgegangen ist, und die ältere wie die jüngere Schwester haben sich stets durch gegenseitigen Austausch und Wetteifer gefördert Freudig begrüssen wir heute in der romanischen Schweiz mit den blühenden Akademieen von Lausanne und Neuenburg die neugegründete Universität Genf, — und wie viele unter uns eine eidgenössische Hochschule gewünscht hätten, so blicken wir doch Alle mit Stolz auf die Schöpfung des neuen Bundes, das Polytechnikum in Zürich, welches unter den verwandten Anstalten anderer Nationen eine so hervorragende und ehrenvolle Stellung einnimmt. Ein reger wissenschaftlicher Austausch findet statt zwischen unsern und den Universitäten anderer Völker; dem Auslande und insbesondere der deutschen Nation verdanken wir eine grosse Anzahl ausgezeichneter frischer und anregender Lehrkräfte, und nie ist die Furcht laut geworden, es möchte dadurch unserer nationalen und geistigen Selbständigkeit Eintrag geschehen. Manche derselben sind bei uns einheimisch geworden und mit dankbarer Anerkennung gedenken wir da auch heute des um die Wissenschaft und unsere Hochschule so hochverdienten Mannes, der vor wenigen

Tagen das vierzigjährige Jubiläum seiner hiesigen Lehrthätigkeit feierte und von Beginn derselben an eine hervorragende Zierde. .unserer Hochschule und der Wissenschaft gewesen ist.*). — Und wie jährlich eine Schaar schweizerischer Jünglinge den Lehrern auswärtiger Universitäten zu Füssen sitzt, so kommen auch Söhne und Töchter anderer Nationen zu der Bernischen Alma mater,. weil sie das Vertrauen haben, dass sie hier für ihre wissenschaftlichen Bedürfnisse und Bestrebungen eine traute Heimath finden. Sollte nun dieser geistige Austausch nicht auch reinigend und , bereichernd zurückwirken auf unser gesammtes Volksleben? sollte nicht hiedurch unsere nationale Eigenart von schlechtem Partikularismus geläutert und durch neue Bildungselemente gekräftigt werden? sollte hiedurch nicht das liebevolle Verständniss fremder Eigenart uns unsere Eigenart besser verstehen lehren, und schliesslich die Theilnahme an einem so allgemein menschlichen Interesse den Sinn für das allgemein Menschliche in uns schärfen, und die Bildung des ächten wahren Menschen nach dem Ebenbilde Gottes in uns und unter uns fördern? Gehören wir doch Alle, die Einzelnen und die Nationen, einem lebendigen geistbeseelten Organismus an, dessen Glieder, Gaben und Kräfte sich gegenseitig bedingen und zu fördern haben «Wo ein Glied leidet, da leiden die andern mit, und wo ein Glied wird herrlich gehalten, da freuen sich die andern mit.»

Lassen Sie mich nun noch, hochverehrte Versammlung, die hohe nationale Bedeutung der Hochschule hervorheben, welche in dem frischen idealen Sinn, in der Begeisterung für das Schöne, Wahre und Gute und insbesondere auch in dem lebendigen vaterländischen Geist der akademischen Jugend liegt. Aus dem Volke hervorgegangen und mit demselben verwachsen, pulsiren in ihr naturkräftig die Bedürfnisse

und Bestrebungen des Volkes, hat sie einen eigenthümlich geschärften und erregten Sinn für des Vaterlandes Unabhängigkeit, Ehre und Freiheit, schwebt ihr jugendfrisch das Bild des Fortschrittes vor, welchen sie in den Mannesjahren zu verwirklichen berufen ist, und trägt sie sich als die spes patriae mit den Hoffnungen und Plänen einer bessern Zukunft. Und ebenso ist sie lebhaft berührt von den brennenden Fragen, von den herrschenden Geistesströmungen und Ideen, von all den grossen Kämpfen, welche im Reiche des Geistes die Gegenwart bewegen und die Zukunft bestimmen. Wehe dem Volke, dessen Jugend dieses Sinnes verlustig geworden wäre! «Die deutschen Universitäten» sagt Dollinger am Schluss seiner Rektoratsrede am 400jährigen Stiftungsfest der Universität München, «haben gleich unserm Volke Zeiten tiefer Demüthigung und harter Busse durchlebt. Nicht unverdient; hatten doch auch sie sich schwer versündigt; denn ihnen vor Allem wäre es obgelegen, die patriotische Gesinnung und Willenskraft, das Gefühl für Nationalehre und die politische Einsicht in den höhern Klassen der Nation zu wecken und zu pflegen. Doch diese Zeiten sind vorbei, unsere heutigen Hochschulen trifft kein derartiger Vorwurf mehr.» Welche Macht sind einst die begeisterten Worte Fichte's, Schleiermacher's, Arndt's und Anderer gewesen, und mit welcher Begeisterung starb die akademische Jugend den Tod für das Vaterland. Uns erhebt die Ueberzeugung, dass dieser Geist auch in unserer akademischen Jugend lebt. Allein, soll er sich nicht in eitelm Phrasenspiel, in kleinlichem Hader und schliesslich in selbst- und ehrsüchtigen Bestrebungen verzehren, so muss er genährt werden durch die treue :selbstsuchtslose Hingabe an die Aufgabe, welche uns die Hochschule stellt, und seine Waffen stählen und weihen an dem heiligen Feuer der Wahrheit. Bedarf jedes Volk zur Wahrung seiner Unabhängigkeit der physischen Waffenrüstung, so bedarf es noch mehr der geistigen Waffenrüstung.

Denn schliesslich ist es die Macht der Wahrheit, welche den Ausschlag gibt und die letzten und besten Siege davon trägt Und wie die Erforschung der Wahrheit nur gedeihen kann am Lichte der Freiheit, so lohnt die frei erforschte Wahrheit dadurch, dass sie der Freiheit neue Bahnen bricht. «Die Wahrheit wird euch frei machen» — dieses grosse Wort gilt dem Einzelnen wie den Völkern und auf allen Lebensgebieten. Soll unsere Begeisterung nicht ein leeres Strohfeuer sein, so muss sie sich. unablässig nähren vom Besten, was dem menschlichen Geistee zu Theil geworden. Irrthumsfähig ist zwar auch die Wissenschaft, — aber sie trägt die Kraft in sich, den von ihr erzeugten Irrthum wieder aufzuheben. Und so hoch wir ein grosses gelehrtes Wissen anschlagen, und so dankbar und ehrfurchtsvoll wir auf die Riesenarbeit und die Errungenschaften des wissenschaftlichen Geistes hinschauen, seine grösste, seine göttliche Kraft liegt doch darin, dass er sich in den Dienst der Wahrheit: stellt, dass er an seinem Theil mitwirkt, Ueberzeugungen und Charaktere zu bilden «Die Lehre soll,» wie Döllinger von den englischen Collegien rühmt, «zur Gesinnung werden, und ihre Wirksamkeit nicht bloss in der Erweiterung der Kenntnisse, sondern auch in der Erhebung der Gemüther und der Veredlung des Willens sich erweisen.»

Und in diesem Sinne lassen Sie mich mit den Worten schliessen, mit welchen der erste Rektor unserer Hochschule, Professor Wilhelm Snell, die Stiftungs-Urkunde derselben aus den Händen des Schultheissen Neuhaus empfing:

Stets soll unserm hohen Beruf Fleiss, Liebe und Treue gewidmet sein, damit durch sorgfältige Pflege der Wissenschaften das Gebiet der Einsicht erweitert, jede bessere Menschenkraft gestärkt und der Wille veredelt und auf die höchsten Zielpunkte dieses Daseins gerichtet,

und damit zugleich der Freiheit und Selbständigkeit der eine starke Stütze bereitet werde; denn die Wahrheit führt zur Freiheit. Die Wissenschaften enthalten zugleich das fortbildende Prinzip für das Leben der Völker, und die Universitäten haben nicht nur in der gelehrten Republik, sondern auch als Nationalanstalten einen hohen Beruf zu erfüllen!

«Dies zu erfüllen treibt uns der Geist, liegt in unserm Willen. Unablässig umschwebe uns, als Zeuge dieses Strebens, der Geist des Volkes, aus dem die Hochschule, deren Bürger und Mitarbeiter wir sind, hervorging.» —

Stämpflische Buchdruckerei in Bern Za3