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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

INAUGURATIONSREDE

DES DERZEITIGEN

REKTORS

PROFESSOR Dr STURM
HOCHANSEHNLICHE VERSAMMLUNG!

Durch das Vertrauen meiner Herren Kollegen zur höchsten Würde berufen, welche unser akademischer Lehrkörper zu verleihen hat, fühle ich mich in dieser feierlichen Stunde vor allem zum Ausdrucke des gebührenden Dankes verpflichtet und verbinde mit diesem das Versprechen, das verantwortungsreiche Ehrenamt nach Kräften zu Nutz und Frommen unserer jungen alma mater verwalten zu wollen.

Zum zweitenmale sind wir, Lehrer und Lernende unserer Hochschule, — so reich geehrt und ausgezeichnet durch die Anwesenheit unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs, der hohen Vertreter des Grossen Rates und der Staatsregierung, des Klerus und der Bürgerschaft — an dieser Stätte vereinigt, um das neue Studienjahr durch einen offiziellen Festakt zu inaugurieren Der würdige Verlauf der gleichen Feier, die uns am nämlichen Tage des verflossenen Jahres hier vereinte, gab uns den Mut, Sie, hochverehrten Anwesende, wiederum zum Feste zu laden, das nach geschaffenem Brauche durch einen öffentlichen Vortrag des jeweiligen Rektors seinen geziemenden Ausdruck soll.

Bei der Wahl des diesem Vortrag zu grunde liegenden Themas glaube ich als Angehöriger der philosophischen Fakultät

wohl berechtigt zu sein, Ihre Aufmerksamkeit auf eben diese Fakultät als einen wesentlichen Bestandteil unserer jungen Hochschule richten zu dürfen, um sie in kurzen Zügen mit der Organisation und den Aufgaben derselben bekannt zu machen.

Denn gerade dieser Fakultät wurde bisher — nicht etwa von den Studierenden unserer Hochschule selbst, wohl aber von anderer Seite — wenig oder gar kein Interesse entgegengebracht, was seinen Grund teilweise in dem mangelnden Verständnis für ihre hohe Bedeutung haben dürfte; teilweise liegen die Ursachen dieser Interesselosigkeit, wie bereits im letzten Jahre von einem meiner Amtsvorgänger bemerkt wurde, in den eigentümlichen Verhältnissen an den höheren Unterrichtsanstalten der katholischen Schweiz, da —einige wenige Ausnahmen abgerechnet — von den Lehrern dieser Schulen der Nachweis besonderer Fachstudien speziell in den philologisch-historischen Fächern nicht verlangt wird, ein Umstand, der den Betrieb dieser Studien von vornherein auf ein Minimum zu beschränken geeignet ist

Diese Gesichtspunkte empfehlen also gleichfalls die Wahl des angegebenen Themas, zu dessen Behandlung ich nunmehr schreite, indem ich zu Ihrer Orientierung zunächst die historische Entwicklung der philosophischen Fakultäten flüchtig skizziere.

Gegenüber den zuerst in Paris um 1231 entstandenen, von Gregor IX. anerkannten ordines oder Fakultäten der Theologie, des Rechtes und der Medizin nahmen die Lehrer der sieben freien Künste erst später die Verfassung einer geschlossenen Körperschaft, einer facultas artium oder philosophica an. Ihr Lehrobjekt bildeten bis Ende des 15. Jahrhunderts die bekannten septem artes liberales hauptsächlich auf Grundlage der Aristotelischen Schriften; die Substanz des Unterrichtes war sonach die Philosophie: Logik, Physik mit Psychologie, Metaphysik, Ethik, Politik und dazu noch Astronomie und Geometrie als Hauptdisciplinen. Mit dem 16. Jahrhundert traten als Nachwirkung der Renaissance, welche die klassische Bildung in den Vordergrund drängte, eine intensivere Beschäftigung mit der Grammatik und

vor allem das Studium der Klassiker, der lateinischen wie der griechischen, neu hinzu; auch die Anfange eines wissenschaftlichen Betriebes der Geschichte machen sich seitdem bemerkbar. Im wesentlichen blieben dann die sämtlichen ebengenannten Disciplinen die Grundlage der philosophischen Fakultät bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, trotz der starken Reaktion gegen den frischerblühten humanistischen Schulbetrieb, welche den Fortbestand der philologischen Studien eine Zeit lang gefährdete. So war bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts die philosophische Fakultät eine Art Obergymnasium, eine Zwischenstufe zwischen der damals noch wenig entwickelten Mittelschule und den Fachkursen der drei übrigen Fakultäten.

Das 19. Jahrhundert, das Zeitalter des neuen Humanismus, brachte für die philosophische Fakultät eine umfassende Neugestaltung. Einen bestimmenden Einfluss auf letztere übte Fr. August Wolf aus, der Begründer der klassischen Altertumswissenschaft im universalen Sinne, welcher zuerst die auf das gesamte Geistesleben der beiden antiken Kulturvölker bezüglichen Wissenschaften zu einem organischen Ganzen zusammenfasste und so die Philologie zu einer selbständigen Wissenschaft erhob, die nunmehr neben den rein philosophischen Disciplinen im Rahmen der Fakultät eine dominierende Stellung einnahm. Nicht allein, dass der Ausbau der einzelnen philologischen Hauptfächer, der Litteratur, der Antiquitäten, der Archäologie und ganz besonders der Sprachwissenschaft im Laufe unseres Jahrhunderts die Gründung spezieller Lehrstühle bedingte, —die klassische Altertumswissenschaft gab auch den sich rasch entwickelnden Töchterdisciplinen, der germanischen, der romanischen und allen übrigen Philologien ihre wissenschaftliche Methode als bestes Erbteil mit auf den Weg.

Inzwischen hatte aber auch die Geschichtswissenschaft mit ihren unentbehrlichen Hilfsfächern einen ungeahnten Aufschwung genommen und sich ihrer hohen Bedeutung entsprechend als wesentliches Glied der philosophischen Fakultät eingefügt.

Und endlich bedingte der gewaltige Fortschritt der mathematisch-naturwissenschaftlichen Studien neben dem Ausbau der alten die Abgliederung neuer Lehrfächer; ein selbstverständlicher Vorgang, da die Ausbildung der Wissenschaft mit der Gründung von Lehrstühlen in Wechselwirkung steht

Die Masse der also angeschwollenen Disciplinen musste unter ihrer eigenen Wucht in zwei Teile auseinander fallen; man schritt zur Scheidung derselben, entweder in zwei selbständige Fakultäten oder aber — wie es in deutschen Ländern die Regel war — in zwei Sektionen, in eine philosophisch-philologisch-historische und in eine mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung der philosophischen Gesamtfakultät. Auf die mehrfach behandelte Frage von der Zweckmassigkeit einer schärferen Teilung in zwei gesonderte Fakultäten. in die faculté des lettres und des sciences, wie sie hauptsächlich in romanischen Ländern durchgeführt wurde, will ich hier nicht eingehen; wir besitzen jene zweite Sektion oder faculté des sciences noch nicht, sehen aber ihrer baldigen Eröffnung freudigen Herzens entgegen. Ich beschränke mich also heute auf unsere erste Sektion, auf die faculté des lettres, wie sie, freilich nicht völlig erschöpfend, bezeichnet wird

Nach dem Muster der gleichen Fakultäten des In- und Auslandes eingerichtet, zerfällt dieselbe in drei Hauptgruppen wissenschaftlicher Disciplinen, in die Philosophie und Pädagogik an erster, in die verschiedenen Sprachen und Litteraturen an zweiter und in die historischen Wissenschaften an dritter Stelle Die zweite Gruppe umfasst als Einzelfächer die Aegyptologie und Assyriologie, die semitischen Sprachen, die indogermanische Sprachwissenschaft, die klassische, romanische, germanische und slavische Philologie, die christliche und französische Litteratur: ergänzend tritt zu ihr die klassische Archäologie und die Kunstgeschichte hinzu. In der dritten Gruppe endlich werden die allgemeine Geschichte des Altertums, des Mittelalters und der neueren Zeit, die Schweizergeschichte, die historische Kritik, die Paläographie und Diplomatik gelehrt.

Welches ist nun die gemeinsame Aufgabe, die sich unsere also gegliederte Fakultät in ihrer Gesamtheit gestellt hat? Ich fasse dieselbe kurz in drei Punkte zusammen.

Unsere Fakultät will:

1. eine Ergänzung und teilweise auch Vorbereitung zu den Fachstudien bieten: sie will

2. ihren Unterricht für die Mittelschule, aus deren Boden sie erwachsen ist, praktisch fruchtbar machen; sie will

3. zum selbständigen wissenschaftlichen Forschen auf dem Gebiete ihrer Einzelfächer anleiten und zugleich durch eigene Arbeiten ihrer Mitglieder die Wissenschaft erhalten, fortpflanzen und erweitern.

Ich beginne mit dem ersten Punkte.

Unsere Fakultät, sagte ich, will eine notwendige Ergänzung bezw. eine Vorbereitung für die Fachdisciplinen bieten Sie hat demnach den Studierenden jene allgemein wissenschaftliche Bildung zu erteilen, welche den speziellen Studien vorangehen, bezw. zu grunde liegen soll. Entsprechend dieser ihrer Eigenschaft als Vermittlerin zwischen Gymnasial- und Fachbildung, als pia nutrix ceterarum facultatum — wie sie in den Statuten der Wiener Universität vom Jahre 1365 genannt wird — muss ein grosser Teil ihrer Vorlesungen allgemein akademisch sein.

Wohl ist es richtig, dass die Vorbereitungsschule zur Universität, das Gymnasium, seit seiner Um- und Neugestaltung in diesem Jahrhundert einen grossen Teil der eben erwähnten Aufgabe mit übernommen hat; doch kann die Mittelschule jene Aufgabe unmöglich in ihrem vollen Umfange erfüllen. Denn bei einem durchschnittlich acht- oder auch neunjährigen Lehrgange, der das Lehnte bis zwanzigste Lebensjahr des jugendlichen Menschen umfasst, ist ein intensiver Betrieb verschiedener, für die allg allgemeine Bildung notwendiger Disciplinen aus ganz natürlichen Gründen teilweise unmöglich. So kann der Unterricht in der Philosophie, den ich durchaus nicht ausschliesslich

der Universität zuweisen möchte. auf dem Gymnasium doch nur ein propädeutischer sein, d. h. kann in Uebereinstimmung mit dem zurückgelegten Bildungsgange und den bis dahin entwickelten geistigen Fähigkeiten des Gymnasialschülers nur die Elemente der Philosophie umfassen Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Geschichtsunterricht.

Der Vollbetrieb der philosophischen und historischen Studien gehört der Universität an, und gerade diesen Lehrfächern sollten die Zugehörigen aller Fakultäten vorab in den Anfangssemestern ihres planmässig eingerichteten akademischen Studiums ihr besonderes Interesse zuwenden. Ueber die Bedeutung der Philosophie, als des geistigen, alle Einzelwissenschaften umschlingenden Bandes, brauche ich hier nicht zu sprechen: eine tiefergehende Beschäftigung mit derselben ist nicht nur für den Theologiestudierenden notwendig, — und für diesen ist ja jene Disciplin im Rahmen seiner eigenen Fakultät obligatorisch gemacht, — auch dem Juristen, dem Philologen und dem Mediziner wird dieselbe eine unentbehrliche Unterlage für den gedeihlichen Betrieb seiner Fachstudien und zugleich eine mächtige Stütze für sein weiteres wissenschaftliches Leben abgeben. Fast unerlässlich erscheint ferner heutzutage für jeden akademisch Gebildeten ein Ueberblick über die Hauptergebnisse und die Methode der historischen Forschung. Aber auch andere Kollegien allgemein akademischen Charakters bieten dem Studierenden einer jeden Fakultät lohnenden Genuss und reiche Belehrung. Vorlesungen litterarischen oder kunsthistorischen Inhaltes wirken vor allem ästhetisch bildend auf den jugendlichen Geist: Kenntnis der Verfassungs- und Rechtsverhältnisse der klassischen Kulturvölker unterstützt den Juristen nicht unwesentlich in seiner Auffassung des modernen Staats- und Rechtslebens; Verständnis des antiken Heidentums überhaupt befähigt den historischen Studien obliegenden Theologen in hohem Grade, die mit der Feinheit und Schärfe hellenischer Bildung operierenden Kirchenväter in ihrer Zeit zu erfassen und ihren Gedankenreichtum sich selbst und der Gegenwart fruchtbar zu machen.

Also Schärfung des Urteiles. Bildung des Geschmackes, Erweiterung des Gesichtskreises, das sind die nicht zu unterschätzenden Vorteile, welche der Betrieb jener allgemein wissenschaftlichen Studien dem akademischen Bürger zu gewähren vermag. Gewiss mit Rücksicht hierauf wird in vielen Staaten von Seiten der massgebenden Behörden den Hörern aller Fakultäten die Pflege der philosophischen Disciplinen dringend anempfohlen. In Bayern z B besteht die ausdrückliche Bestimmung, dass die auf den Staatsdienst adspirierenden Juristen acht ordentliche Vorlesungen an der philosophischen Fakultät gehört haben müssen, die sie, ihrer besonderen Neigung folgend, frei auswählen können.

Freilich hört man aus der Studentenschaft selbst sehr oft die Klage, dass die Ueberfüllung des Stoffes im Fachstudium den Besuch allgemein wissenschaftlicher Kollegien hindere; und vor allem sind es die Mediziner. die unter der Einseitigkeit der rein fachmässigen Ausbildung schwer zu leiden haben Die Folgen scheinen sich denn auch schon fühlbar gemacht zu haben; denn wie kürzlich ein hervorragender Schweizer Schulmann — und wie ich glaube mit Recht — bemerken musste, sind die Aerzte, die früher auf ihrem Dorfe oder in den kleinen Städten wahrhaft kulturellen Einfluss ausübten, seltener geworden.

Ich erkläre also: Eine Loslösung und Trennung des akademischen Bürgers von der philosophischen Fakultät widerspricht einmal der wahrhaft akademischen Bildung, sie ist aber auch aus praktischen Gründen gefahrvoll: denn mit der Beseitigung des lebendigen Einflusses, den der Unterricht in der Philosophie und in den philosophischen Disciplinen überhaupt auf die Studierenden der übrigen Fakultäten ausübt, wird zugleich eine wichtige Leitung verstopft, welche den Strom wissenschaftlichen Lebens aus jener Fakultät in das Volk hinüberführen soll.

Mit besonderer Genugthuung betone ich hier, dass gerade auf unserer Hochschule die allgemein wissenschaftlichen Vorlesungen der philosophischen Fakultät sich bisher eines ausgedehnteren

Zuhörerkreises aus der Zahl der Gesamtstudentenschaft erfreuten. Möge der gesunde Geist, den unsere akademische Jugend durch diese Thatsache an den Tag gelegt, auch fürderhin ihr stets erhalten bleiben!

Ich wende mich zum zweiten Punkte

Die philosophische Fakultät will auch ihren Unterricht für die Mittelschule, vor allem für das Gymnasium, praktisch fruchtbar machen, d. h. sie will demjenigen, der sich dem verantwortungsvollen Berufe des Gymnasiallehrers widmet, eine gründliche Fachbildung mit auf den Weg geben.

Die Notwendigkeit und Zweckmassigkeit dieser Aufgabe ergibt sich aus folgenden Erwägungen.

Es ist Ihnen allen nur zu gut bekannt, wie eine noch junge, unter dem ausschliesslichen Einflusse der naturwissenschaftlichen Forschung stehende Weltanschauung in ihrem Streben, alles Bestehende in neue Formen umzugiessen, auch an den Grundlagen unserer wichtigsten Jugendbildungsanstalt, des Gymnasiums, mit starker Faust zu rütteln suchte. Schon in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts sprach ein bekannter französischer Philosoph von der Notwendigkeit, die noch wesentlich theologische und litterarische Erziehung durch eine positive, dem modernen Zeitgeist entsprechende zu ersetzen. Seitdem ist man dem Klassizismus als der wichtigsten Basis des höheren Unterrichtes in allen europäischen Kulturländern mit scharfer Waffe zu Leibe gerückt, nicht ohne Erfolg, wenn auch das Gymnasium fast überall noch den notwendigsten Besitzstand seines klassischen Unterrichtes behaupten konnte. Und diesen wird es — so hoffen wir zuversichtlich — auch für alle Zukunft bewahren, da eine Verdrängung der antiken Sprachen aus dem Lehrprogramm den geschichtlichen Zusammenhang der kommenden Jahrhunderte mit der bisherigen Kulturentwicklung der Menschheit gewaltsam zerreissen und damit zugleich die schwerste Gefahr für den geistigen und sittlichen Wohlstand der nachfolgenden Geschlechter nach sich ziehen würde.

Die Grundlage des Gymnasiums muss also neben der religiösen Erziehung der klassische Unterricht bilden, — zu seiner Ergänzung aber in erster Linie die Muttersprache und die Geschichte hinzutreten. Diese sprachlich-historische Schulung, die allein eine allseitige Entwicklung der Seelenkräfte erzielt, ist und bleibt vor allen übrigen Bildungsmitteln am geeignetsten, die wichtigsten Aufgaben des Gymnasialunterrichtes zu erfüllen: die Bildung des Urteiles und die Bildung des Geschmackes. Und vorab die beiden klassischen Sprachen vermögen durch ihren streng gesetzlichen Bau den jugendlichen Geist zum logischen Denken zu erziehen und müssen deshalb in ihren grammatischen Grundlagen zunächst als Selbstzweck gelehrt werden. Des weiteren aber befähigt ihre Kenntnis zum richtigen Erfassen des Inhaltes der sprachlichen Denkmäler, d. h. zum Verständnis der hervorragendsten Schriftsteller des Altertums und gewährt damit jenen Einblick in die antike Kultur, welcher auf der Oberstufe des Gymnasiums den Hauptzweck der Lektüre bilden soll.

Die Einschränkung nun, welche der Vollbetrieb des also gestalteten sprachlich-historischen Unterrichtes durch die stetig wachsende. Ausdehnung und Berücksichtigung sekundärer Lehrgegenstände erfahren musste, bedingt mit aller Konsequenz eine rationelle Vertiefung jenes Unterrichtes selbst in seinen Einzelzweigen und setzt naturgemäss bei den Leitern desselben eine gründliche philologisch-historische Fachbildung voraus, die sich als unerlässliche Ergänzung den erzieherischen Eigenschaften der Lehrer anzuschliessen hat. -

Es ist wohl noch nicht widersprochen worden, dass nur derjenige in einer Disciplin mit Sicherheit und Erfolg zu unterrichten im stande ist, der von derselben ein Bedeutendes mehr weiss, als er seine Schüler zu lehren hat, der, über dem engeren, vom Schüler zu bewältigenden Programme stehend, den betreffenden Lehrstoff in ausgedehnterem Umfange beherrscht. Der beste Katechet, selbst für die Primarschule, wird immer jener Geistliche bleiben, welcher mit der nötigen pädagogischen

Fertigkeit die gründlichste Kenntnis der theologischen Wissenschaften verbindet. Gleiches gilt im nämlichen Grade von den Lehrern der eben behandelten grundlegenden Gymnasialfächer. Vorab von den Lehrern der klassischen Disciplinen ist nicht allein eine tiefergehende Vertrautheit mit der lateinischen und griechischen Sprache, sondern auch eine ausreichende Bekanntschaft mit der Gesamtentwicklung der antiken Kultur zu verlangen: dazu gesellt sich noch als drittes Postulat ein Ueberblick über die Quellen und Hilfsmittel, welche den wissenschaftlichen Weg zur Erkenntnis jener Kultur erschliessen. Es entsprechen sonach diese Erfordernisse genau dem doppelten Zwecke, den, wie wir sahen, der klassische Unterricht auf dem Gymnasium zu erfüllen hat: denn ein gedeihlicher Sprachunterricht, der vermöge seiner strengen Forderungen an Genauigkeit die Zucht des Geistes üben soll, verlangt bis in die unterste Grammatikklasse hinab von dem Lehrer nicht nur die Kenntnis des Baues und der Formen, sondern auch einen Einblick in den historischen Entwicklungsgang der Sprache selbst, und die Einführung der Jugend in das antike Kulturleben, in den Reichtum und die Schönheit seiner mannigfachen Gestaltungen, so wie diese Einführung vorab durch eine inhalts- und geschmackvolle Interpretation der Klassiker angestrebt wird, kann nur derjenige in rechter Weise bethätigen, der selbst mit den nötigen Kenntnissen in Litteratur, in Antiquitäten und Archäologie ausgerüstet ist, dessen eigene Seele, der angeschauten Ideale voll, von Liebe zum Klassizismus glüht. Auch die Archäologie in ihren Grundzügen kann und darf ich dem Gymnasiallehrer nicht schenken: denn die Meisterwerke der Kunst, die ja mit die schönsten Darstellungen der antiken Weltanschauung bilden. müssen dem heranwachsenden Jünglinge bei der Klassikerlektüre an passender Stelle vorgeführt werden, wenn anders das Gesamtbild des klassischen Altertums nicht unvollständig bleiben soll.

Gleiche Forderungen ergeben sich mutatis mutandis auch für den Lehrer der Muttersprache, gleiche für den Lehrer der

Geschichte. Geschichte, d. h. geschichtliche Thatsachen kann ein Lehrer wohl auch aus jedem grösseren Handbuche lernen, um dem stofflichen Teile seines Vortrages zu genügen; wie unendlich anregender wird er aber letzteren gestalten können, wenn er selbst einen Blick in die Rüstkammer der historischen Wissenschaften geworfen, wenn er sich mit den einschlägigen Quellen und Hilfsdisciplinen zur genüge vertraut gemacht hat.

Der Gymnasiallehrer bedarf also, um eine anziehende und erfolgreiche Thätigkeit entfalten zu können, neben seiner philosophisch-pädagogischen Schulung eine umfassende Durchbildung in den Fachdisciplinen, in der Grammatik und der Klassikerinterpretation, in der Litteratur, den Altertümern und der Kunstgeschichte, in der Geschichte und ihren Hilfswissenschaften.

Wo aber bietet sich ihm die Gelegenheit, diesen Schatz von Kenntnissen unter sicherer Anleitung zu erwerben?

Es ist die philosophische Fakultät der Universität, die ihre Kräfte und Mittel, so wie ich sie Ihnen eingangs meiner Rede vor Augen führte, dem Lernenden bereitwilligst zur Verfügung stellt, und welche in erster Linie durch Lehrvorträge und praktische Uebungen dieser ihrer Mission. gerecht zu werden strebt. Ueber die Wichtigkeit der Vortrage, speziell jener, die: sich den Bedürfnissen des künftigen Lehrers anzupassen haben, brauche ich gewiss kein Wort zu verlieren: betonen will ich aber hier die Bedeutung der praktischen Uebungen, die in den sogenannten philologischen und historischen Seminarien abgehalten werden. In dieser trefflichen Pflanzschule, die Lehrer und Schüler in engere wissenschaftliche Beziehung setzt, erhalten letztere vor allem für die zweckmässige Einteilung ihrer Studien die beste Anleitung: hier haben sie unter Führung ihrer Lehrer Gelegenheit, ihre grammatischen und stilistischen Kenntnisse durch kontrollierte Arbeiten zu vervollkommnen, hier werden sie in die Exegese und Kritik der Autoren eingeführt, hier lernen sie die methodische Behandlung eines Quellenhistorikers, hier messen sie auch durch kleine Untersuchungen ihre Kräfte, um sich in

jenen Hilfsmitteln zurecht zufinden, die zur selbständigen Nachprüfung wissenschaftlicher Ergebnisse befähigen.

Noch einen andern Gesichtspunkt, der die Unerlässlichkeit des akademischen Fachstudiums für den Lehrer der Mittelschule dokumentiert, gestatten Sie mir Ihnen in Kürze vorzulegen. Der Lehrer des Gymnasiums, und vor allem wieder der in den sprachlich-historischen Fächern ausgebildete, weil ja dieser in erster Linie zum Klassenordinarius berufen ist, soll nicht allein in seinen eigenen Disciplinen bewandert, sondern zugleich auch befähigt sein, die erzieherische Bedeutung und den Bildungswert der übrigen Lehrgegenstände des Gymnasiums gerecht und billig zu würdigen: hierzu bedarf er aber einer gewissen Orientierung über Wesen, Umfang und Aufgabe der übrigen Schuldisciplinen, die ihm doch nur die Universität in völlig befriedigender Weise bieten kann.

Ich habe versucht ihnen zu zeigen, wie unsere Fakultät ihren Unterricht auch für die Mittelschule praktisch fruchtbar zu machen geeignet ist; es genügt hinzuzufügen, dass dieselbe mit Rücksicht auf diese ihre Aufgabe für jene Kandidaten des höheren Lehramtes, die sich nach Beendigung ihrer philologisch-historischen Universitätsstudien einen Ausweis über ihre Lehrbefähigung und erworbenen Fachkenntnisse zu verschaffen wünschen, ein den gegebenen Verhältnissen entsprechendes Examen eingerichtet hat. Die zu diesem Zwecke entworfene Prüfungsordnung hat sich nach den bisherigen Erfahrungen als durchaus praktisch erwiesen. Auch in der Presse des Inlandes — gestatten Sie mir, dass ich darauf hinweise, —hat diese Prüfungsordnung verständnisvolle Anerkennung gefunden. So spricht sich der schweizerische Erziehungsfreund, das Organ des katholischen Erziehungsvereins in Nr. 25 des letzten Jahrganges folgendermassen aus: «Es ist ein Sporn für manche junge Männer, diese Lehrbefähigung sich zu erwerben und infolge dessen sich auch gründlicheren Studien hinzugeben. Es wäre wohl keineswegs von Nachteil, wenn mancher, der eine Gymnasialprofessur

bekleidet, zuerst auch sich ein Patent holen müsste. Die katholischen Anstalten mögen eben nie vergessen, dass es heisst, tüchtige, wissenschaftlich und pädagogisch wohlvorbereitete Männer an den höheren Schulen wirken zu lassen. Sind die Schulen so beschaffen, so brauchen wir die liberale Konkurrenz nicht zu fürchten. Möge diese Prüfungsordnung für viele von aktuellem Werte sein!»

Und nun noch kurz einige Bemerkungen über die dritte Aufgabe, welche die philosophische Fakultät mit den beiden übrigen unserer Hochschule gemeinsam zu erfüllen hat.

Sie will nämlich auch zur selbständigen wissenschaftlichen Thätigkeit auf dem Gebiete ihrer Spezialfächer anleiten und durch eigene Arbeiten ihrer Mitglieder die Wissenschaft fortpflanzen und erweitern.

Die goldenen Worte des heiligen Vaters, mit denen er die zuversichtliche Erwartung aussprach, dass unsere junge Hochschule als Leuchte der Wissenschaft eine segensreiche Thätigkeit entfalten möge, machen es uns Lehrern zur Ehrensache, den von unserem erhabenen Gönner vorgezeigten Weg der Lehre und Forschung in einträchtigem Wetteifer zu verfolgen. Inferiorität der wissenschaftlichen Leistungen wäre mit der schlimmste Vorwurf, der uns und damit auch die katholische Sache treffen könnte. Und so ist es denn auch die Pflicht unserer an Einzeldisciplinen so reichen Fakultät. geeignete Kräfte unserer akademischen Jugend nach ihrer allgemeinen und individuellen Durchbildung in das Innere einer Spezialwissenschaft einzuführen und zu eigener Arbeit anzuleiten, mit Liebe und Sorgfalt ihnen die Wege zeigend, damit sie sich zur Selbstthätigkeit des Forschens emporzuschwingen vermögen. Ist doch dieses gemeinsame Lernen, welches die Heranbildung eines die Wissenschaft fortführenden Nachwuchses zum Zwecke hat, eine der reizvollsten Seiten unseres Lehramtes. Und Hand in Hand damit, meine lieben Herren Kollegen, soll unser redliches Bemühen gehen, durch eigenes produktives Schaffen den wissenschaftlichen Ruf unserer Fakultät

und Hochschule fester zu begründen und so den doppelten, sich gegenseitig wohl ergänzenden Beruf des akademischen Lehrers zu erfüllen: das überkommene wissenschaftliche Gut durch gewissenhaften Unterricht zu wahren und zu verwerten wie auch durch eigene Forschungsresultate zu mehren und zu erweitern Aus Quadern mancher Art türmt sich das mächtige Gebäude der Wissenschaften auf; lassen auch wir es nicht an Bausteinen zu demselben fehlen!

Ich bin zu Ende. Die Aufgaben, welche unsere Fakultät als Vermittlerin zwischen Gymnasium und Fachstudien. als Bildungsanstalt für Lehrer und Gelehrte und als Heimstätte der wissenschaftlichen Forschung zu lösen hat, sind, wie ich Ihnen leider nur in skizzenhaften Umrissen zeigen konnte, ebenso umfangreich als verantwortungsvoll. Nicht in unbescheidener Ueberhebung, sondern im Vertrauen auf Gottes Hilfe glauben wir uns denselben gewachsen und hoffen, dass die steigende Zahl unserer akademischen Jugend uns reichliche Gelegenheit biete, unsere stets bereiten Kräfte in der Lösung derselben zu erproben.

Noch eine zweite angenehme Pflicht obliegt mir heute: Ihnen, meine Herren, die Sie uns durch Ihre wohlwollende Teilnahme am Festakte so hoch geehrt haben, den geziemendsten Dank der gesamten akademischen Körperschaft darzubringen.

Dank vor allem Ihnen, Hochwürdigster Herr Bischof, für die gewährte Gunst, indem Sie die Einladung des akademischen Senates zu unserer bescheidenen Feier anzunehmen geruhten, um die junge Universität durch Ihr persönliches Erscheinen aufs neue Ihrer Sympathien zu versichern. Die herrlichen Worte, welche Sie beim vorjährigen Festakt an uns gerichtet, sind noch in unser aller Erinnerung; sie sollen uns auch fürderhin ermuntern, die uns anvertraute Jugend den Intentionen des heiligen Vaters entsprechend zu lehren und mit der wissenschaftlichen Forschung die Treue gegen unsere Kirche zu verbinden.

Dank ferner den hochgeehrten Vertretern des Grossen Rates,

dem Herrn Präsidenten und den Mitgliedern der hohen Staatsregierung, den Vertretern des hochwürdigen Klerus und des gesamten Freiburger Volkes. Im Vertrauen auf Ihr ferneres Wohlwollen und Ihre hochherzige Unterstützung. die uns noch niemals gefehlt, werden wir vor keiner Schwierigkeit zurückschrecken, vielmehr allezeit bemüht sein, das Aufblühen unserer hohen Schule und damit die geistige und materielle Wohlfahrt des Landes zu fördern.

Das verflossene Studienjahr, meine Herren, war reich an Arbeit und Erfolgen, die den inneren Ausbau unserer alma mater betrafen. Die Revision der Gesamtstatuten, die fast vier Jahre hindurch einer probeweisen Anwendung unterworfen waren, wurde in erster Lesung vollendet; der Studienplan der theologischen, das Prüfungsreglement der philosophischen Fakultät der Oeffentlichkeit übergeben.

Auch an ermutigenden Anerkennungen hat es uns im Laufe dieser Zeit durchaus nicht gefehlt. Geradezu einen Markstein in der Entwicklungsgeschichte der Universität bildet die Erklärung unseres heiligen Vaters an die zur Feier seines letzten Jubiläums um ihn versammelten Pilger der katholischen Schweiz, dass er die uns anvertraute hohe Schule Freiburgs mit seiner ganzen Autorität schützen und schirmen werde. Diese Worte, gesprochen von dem allbeliebten Oberhirten auf Petri Stuhl, der die Bedürfnisse der kommenden Zeiten mit klarem Blicke vorausschaut, dürften wohl geeignet sein, auch die ängstlichsten Gemüter bezüglich des Geistes und der Ziele der Freiburger Universität zu beruhigen Und erst vor wenigen Monaten hat uns der heilige Vater einen neuen Beweis seines hohen Wohlwollens gegeben, indem er in seiner Antwort auf ein Schreiben der Hochwürdigsten Herren Bischöfe der Schweiz die von letzteren bezüglich unserer theologischen Fakultät getroffenen Massnahmen aus vollem Herzen approbierte. Dass solche Empfehlungen uns die Sympathien der gesamten katholischen Welt erobern müssen, steht ausser Frage; und dass wir dieselben vorab

in Deutschland schon jetzt in hohem Grade besitzen, das hat auch der letzte, in Würzburg tagende Katholikenkongress zur genüge gezeigt. Das beweisen auch die Schenkungen wertvoller Bibliotheken, die uns im Laufe des letzten Jahres vorwiegend aus diesem Lande zu teil geworden sind. Ich entledige mich nur der schuldigen Dankespflicht, wenn ich an dieser Stelle jener edlen Spenden gebührend gedenke und noch ausdrücklich jene hochherzige Gabe hervorhebe, die uns wie alljährlich, so auch diesmal der Hochschulverein zur Verfügung gestellt hat.

Und nun, meine Herren, gestatten Sie mir zum Schlusse noch einige Worte an unsere akademische Jugend!

Kommilitonen! Zahlreicher denn zuvor sind Sie in diesem Semester aus den verschiedensten Ländern hierher geeilt, um unserer jungen Anstalt den Beweis Ihres Vertrauens und Ihrer thatkräftigen Unterstützung zu schenken. Machen Sie Ihrem Namen als Studenten volle Ehre, indem Sie nicht nur lernen, sondern auch den inneren Angelegenheiten der Wissenschaft, der Lösung ihrer Probleme näher treten. Seien Sie eingedenk der ernsten Pflichten, welche das Vertrauen Ihrer Eltern, die Bedürfnisse Ihres Vaterlandes und das Bewusstsein der mit der akademischen Freiheit verbundenen moralischen Verantwortlichkeit Ihnen auferlegen. Fahren Sie fort, so wie dies bisher geschah, durch Ihre echt studentische Haltung uns die Sympathien der hiesigen Bevölkerung zu erhalten und zu vermehren. In Ihren Händen ruht nicht zum geringsten die Zukunft unserer Universität, deren Bedeutung vorab nach den Leistungen ihrer Schüler bemessen wird.

Erfüllen Sie diese Ihre hohen Berufspflichten mit Gewissenhaftigkeit, Ausdauer und Begeisterung für Religion und Tugend Mit diesem Gelöbnis. meine werten akademischen Freunde, wollen wir freudigen Herzens in das neue Studienjahr eintreten, das uns einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft gestattet.