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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

ÜBER PERIODISIERUNG DER WELTGESCHICHTE.

REDE
gehalten am 15. November 1900
ZUR FEIERLICHEN
ERÖFFNUNG DES STUDIENJAHRES
1900-1901 VON
Prof Dr. Gustav SCHNÜRER
Rector der Universität.
FREIBURG (Schweiz)
BUCHDRUCKEREI DES WERKES VOM HEILIGEN PAULUS 1900

HOCHANSEHNLICHE VERSAMMLUNG!

Wir haben bei der Eröffnungsfeier der Studienjahre unserer Universität die Sitte eingeführt, dass der jeweilige Rektor aus dem Bereiche seiner Fachstudien einen allgemeinerem Interesse zugänglichen Stoff in einem Vortrage behandelt.

Mir als Historiker legt die Zeit, in der wir uns befinden, die Wahl eines Themas nahe, von dem ich hoffe, dass es Ihre Aufmerksamkeit auf kurze Zeit fesseln wird. Bald schliessen wir das neunzehnte Jahrhundert und treten in das zwanzigste ein. Wie wir in den letzten Stunden eines Jahres unsere Gedanken zurückgehen lassen auf die Lebensjahre, die hinter uns liegen, auf die vergangene Kindheit und Jugendzeit, um den Weg zu messen, den wir zurückgelegt haben, so möchte ich an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts Ihre Blicke zurücklenken auf die verflossenen Jahrhunderte der Weltgeschichte und die Frage zu beantworten suchen, ob und wie wir Perioden der Weltgeschichte zu unterscheiden vermögen.

Die Frage hat die Menschheit oft genug beschäftigt. Nachdem man durch die Offenbarung über das Ende der Welt, das jüngste Gericht, belehrt worden war, fragten sich christliche Gemüter ängstlich, wie weit sie von dem Untergange der Welt entfernt wären, und von diesem Gesichtspunkte aus interessierte es sie lebhaft zu wissen, in welcher Periode der 'Weltgeschichte sie sich befänden. Fast allgemein meinte man in früheren Zeiten — eine bemerkenswerte Ausnahme macht in der Mitte des 15. Jahrhunderts Nikolaus von Cusa —, dass man in der letzten Periode der Weltgeschichte stehe, welche mit dem Weltuntergange schliessen werde. Die Gründe dafür entnahm man aus den Prophezeiungen Daniels oder aus der allegorischen Deutung von Perioden, die im Schöpfungsbericht oder sonst in der

Heiligen Schrift gekennzeichnet waren. So kam man dazu, entsprechend den 6 Schöpfungstagen, 6 Weltperioden anzunehmen oder, nach den Prophezeiungen Daniels, 4 Weltreiche anzusetzen, von denen das römische Reich als das letzte bis zum Ende der Welt dauern sollte.

Solche Wege werden wir nicht betreten. Auf die Frage, wie weit wir von dem Untergange der Welt entfernt sind, vermag niemand sichere Auskunft zu geben, wie kein Mensch voraus weiss, wann für ihn die letzte Stunde schlägt. Auch zu allegorischen Deutungen als 'Mittel für die Einteilung der Weltgeschichte wird jetzt niemand mehr zurückgreifen.

Heute finden wir allgemein angenommen die Einteilung Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Wenn trotz ihrer Mängel diese Bezeichnungen sich erhalten haben, so ist es hauptsächlich das praktische Bedürfnis gewesen, welches ihre Existenz sicherte, da man nicht in der Lage war, sich auf eine andere Einteilung zu einen. Auch die im Jahre 1886 von Ottokar Lorenz aufgestellte Einteilung nach Generationen hat bisher keineswegs eine Aufnahme gefunden, welche die Zuversicht ihres Urhebers rechtfertigen könnte, der da meinte, dass «nach 50 Jahren jeder Schulknabe mit diesem Massstab ebenso geläufig umgehen werde, wie er heute mit dem Meter verfährt».

Die Mängel der geläufigen Einteilung auseinanderzusetzen, hält nicht schwer. Die Bezeichnung der drei Perioden ist eine nichtssagende. Sie geht von grundlosen oder einseitigen Postulaten aus.

Die Worte Altertum, Mittelalter, Neuzeit bezeichnen zunächst nichts anderes als die chronologische Reihenfolge dreier Zeitalter, eines mittleren zwischen einem vorhergehenden und nachfolgenden. Man könnte an Stelle jener Worte ebenso gut nur Zahlen setzen und von einem ersten, zweiten und dritten Zeitalter sprechen. Eine solche Benennung wäre sogar noch vorzuziehen. Denn der Gedanke, der noch neben dem Begriff der chronologischen Aufeinanderfolge in der herkömmlichen Bezeichnung liegt, ist als ein grundloses Postulat anzusehen. Das Wort «Neuzeit» setzt voraus, dass das dritte Zeitalter das letzte sein werde. Würden wir nach dem dritten Zeitalter noch ein viertes ansetzen, so würden wir gewiss nicht das dritte mit dem

Namen « Neuzeit » bezeichnen. Wer sagt uns nun, dass die Weltgeschichte mit dem auf das mittlere folgenden Zeitalter abschliessen müsse? Ist es als ausgeschlossen zu betrachten, dass wir in diesem dritten Zeitalter einen Einschnitt machen müssen, der viel tiefer sein könnte als derjenige, der Mittelalter und Neuzeit trennt? In der That zeigen wir durch die Bezeichnungen Neuere und Neueste Zeit, dass wir mit dem Massstab der Neuen Zeit nicht mehr recht auskommen.

Sodann geht die Einteilung von einem einseitigen sprachlichen Gesichtspunkte aus. Als der Hallenser Professor Christoph Cellarius, Ende des 17. Jahrhunderts, seine Geschichtshandbücher über Historia antiqua, Historia medii aevi und Historia nova erscheinen liess, welche für diese Einteilung massgebend wurden, verwendete er für seine Unterscheidung von Geschichtsperioden die Ausdrucksweise humanistischer Philologen. Das Altertum dauerte ihnen so lange, als man schönes Latein sprach, das Mittelalter war die Zeit, in welcher man es verlernt hatte, schön Latein zu reden, die Neuzeit die Zeit, in welcher man wieder gelernt hatte, sich in klassischem Latein auszudrücken. Das Mittelalter ist so die Zeit, welche in der Mitte liegt zwischen zwei Zeiten, in denen schön Latein gesprochen wurde. Es ist im wesentlichen der Standpunkt klassischer Philologen, der hier zur Geltung kommt. Nun ist gewiss die Sprache bei der Betrachtung der Kulturentwicklung ein sehr wichtiger Faktor, aber selbst vom Standpunkt der Geschichte der Philologie aus muss den Voraussetzungen, von denen die geläufige Einteilung ausging, die Berechtigung versagt werden. Auch der historische Sprachforscher wird eine Einteilung verwerfen müssen, welche nicht den Gesichtspunkt der Entwicklung in der Geschichte vertritt. Dieser wird verleugnet, indem man eine Zeit nur negativ als eine Unterbrechung zwischen zwei andern Zeiten ansieht. Das ganze Mittelalter ist eine sich im Verlaufe der Zeit steigernde Renaissance. Sodann haben die modernen Sprachen, die Sprachen derjenigen abendländischen Völker, welche heute an der Spitze der Kultur stehen und deren Kulturentwicklung mit der Entwicklung ihrer Nationalität Hand in Hand geht, zum mindesten dasselbe Recht, für die Kulturentwicklung und infolge dessen für die Einteilung der Weltgeschichte ebenso massgebend

zu sein wie die klassische Form der lateinischen Sprache. Wann aber treten diese modernen Sprachen hervor? Eben in dem verrufenen Mittelalter. Die Anfänge des Mittelalters werden gekennzeichnet durch die Anfänge der modernen Sprachen, durch die Anfänge derjenigen Völker und Nationen, die heute die glanzvollen Träger und Führer der Weltkultur sind. Das Mittelalter ist vielmehr eine Zeit überschäumender Jugendkraft als eine Zeit des Verfalls, wie es von den Humanisten angesehen wurde.

Doch nicht allein von den Humanisten. Hier ist der Punkt, wo die hergebrachte Einteilung eine Unterstützung empfing aus anderen Lagern als dem der Philologen. Eine Zeit des Verfalls war das Mittelalter noch vielmehr denjenigen, welche der katholischen Kirche seit der grossen Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts den Rücken gekehrt hatten und in der Opposition gegen das Papsttum so weit gingen, dass sie die Zeit, in welcher die Autorität des Papsttums allgemein anerkannt war, als die Zeit des Antichrists bezeichneten. Sie wurden an Verachtung des Mittelalters beinahe noch übertroffen von den Rationalisten des 18. Jahrhunderts, denen der christliche Glaube ein intellektueller Rückschritt war, und die im Mittelalter, in der Zeit sprachlicher Barbarei, eine Zeit allgemeiner intellektueller Barbarei sahen.

Gegen diese Ansicht erfolgte dann in der Zeit der Romantik eine Reaktion. In diesem teilweise noch heute fortdauernden Streite, in welchem man auf beiden Seiten der Mannigfaltigkeit mittelalterlichen Lebens nicht gerecht wurde, zeigte sich nun aber trotz der Verschiedenheit in der Beurteilung des Mittelalters eine bemerkenswerte Übereinstimmung. Es zeigte sich, dass das Mittelalter einen einheitlichen Charakter aufweist, der den einen Anlass zur Verurteilung, den andern einen Anlass zur Anerkennung gab. Dadurch hat sich die Abgrenzung dieser Periode als einer besonderen Epoche in der allgemeinen Geschichte allerdings als berechtigt erwiesen, so ungerechtfertigt und inhaltsleer auch die Benennung war. Aber man kam bisher nicht dazu, den einheitlichen Charakter durch eine positive Bezeichnung der Periode auch zum Ausdruck zu bringen.

Ehe wir näher darauf eingehen, fragen wir uns erst im

allgemeinen, welchen Massstab wir denn bei einer Einteilung der Weltgeschichte anzulegen haben.

Die Geschichte ist die Wissenschaft von der geistigen Entwicklung der Menschheit. Es kommt also darauf an, das grosse Ganze der Entwicklung ins Auge zu fassen, wenn man in der Geschichte Perioden erkennen will.

Die Entwicklung tritt uns entgegen in der Geschichte einzelner Völker und Völkergruppen. Da erhebt sich sogleich die Frage, ob es denn eine Aufgabe der Weltgeschichte und einer weltgeschichtlichen Einteilung sei, alle Völker in gleicher Weise zu berücksichtigen. Wer dies thut, wird sich praktisch auf ein geographisches Nebeneinanderstellen von Völkerkreisen beschränken müssen, wie wir das in der Weltgeschichte sehen, die Helmolt jetzt mit einer Reihe von Gelehrten herausgibt. Dabei wird aber der für den Historiker in erster Linie massgebende Gesichtspunkt der Entwicklung zurückgedrängt, und schon aus diesem Grunde werden wir uns auf einen solchen Standpunkt nicht stellen. Wie wir auch in der Geschichte eines Volkes oder kleinerer sozialer Gruppen nicht alle Persönlichkeiten solcher sozialer Körper berücksichtigen, sondern nur die besonders hervortretenden, welche wir historische Persönlichkeiten nennen, die uns bisweilen so markant erscheinen, dass wir nach ihnen Zeitalter benennen, so werden wir auch in der Weltgeschichte nur die historischen Völker in erster Linie berücksichtigen, und für die Einteilung der Weltgeschichte wird uns nur massgebend sein können die Entwicklung derjenigen Völker, welche den Gang der allgemein massgebenden menschlichen Kulturentwicklung bestimmt haben.

Unbestreitbar ist der Herd der jetzt blühenden menschlichen Kultur in dem europäischen Abendlande zu suchen. Gehen wir aus der Gegenwart in die Vergangenheit zurück und suchen wir dem Anfang derjenigen Kulturentwicklung nachzugehen, die heute im Abendlande ihren Brennpunkt hat, so gelangen wir nach Kleinasien und an die Gestade des östlichen Beckens des mittelländischen Meeres. Wohl kennen wir noch andere Kulturcentren, so besonders eins in China; doch diese Kulturen erstarrten. Die Anfänge der Weltkultur liegen in Mesopotamien, Kleinasien, Ägypten und Griechenland. Die

dort allmählich herauswachsende Kultur wurde von den Römern übernommen. Die Römer verstanden es, in ihrem Reiche wie in einem grossen Sammelbecken die Kulturerrungenschaften der von ihnen unterworfenen Völker zusammenzufassen. Als das weströmische Reich zerfiel, konnte es eine Zeit lang zweifelhaft erscheinen, ob die Führung in der Entwicklung der Weltkultur der auf den Ruinen des weströmischen Reiches erwachsenen germanisch-romanischen Gesellschaft zufallen würde oder nicht vielmehr dem byzantinisierten oströmischen Reiche, welches seinerseits auch in der Christianisierung der östlichen Slavenstämme sich nicht zu vergessende Verdienste um die Verbreitung der Kultur erworben hat. Jahrhunderte hindurch war die byzantinische Kultur der abendländischen in vielen Punkten überlegen. Die byzantinische Kultur bewahrte die ununterbrochene Tradition der griechisch-römischen Kultur. Ein nicht zu verachtender Teil von diesen Kulturschätzen war auch in jenen Ländern zurückgeblieben, die der Islam erobert hatte, und machte so auch den Islam in gewissem Sinne zu einem Kulturträger. Mit Verachtung sahen die Byzantiner stets auf das in ihren Augen rückständige Abendland herab, während man im Abendlande gierig nach den Brocken ausschaute, welche von der reich besetzten Tafel der geistigen Kultur der Byzantiner abgeworfen wurden. Aber obwohl das Abendland bei den Byzantinern wie hei dem Islam in die Schule ging, war die Zukunft der Kulturentwicklung an die im Abendlande unter der Führung der Kirche geeinte germanisch-romanische Gesellschaft geknüpft. War diese auch auf intellektuellem Gebiete lange Zeit rückständig, zeigte sich auch der Überschuss ihrer Kraft lange Zeit noch als rohe Kraft, es war doch in ihr eine Frische der Kraft, welche dem Morgenlande fehlte, eine Frische der Kraft. die hauptsächlich in der Freiheit der Bewegung, in der Mannigfaltigkeit der Gliederung in einzelne Nationen, in der Teilung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt beruhte. Die Völker des Abendlandes wurden berufen, die Fortpflanzer und Träger der Weltkultur zu sein.

Ist die Entwicklung der Weltkultur massgebend für den Gang und die Einteilung der Weltgeschichte, so werden wir also hauptsächlich die aus Vorderasien ausgehende und im Abendlande,

so weit wir jetzt sehen können, endigende Entwicklung ins Auge zu fassen haben.

Betrachten wir nun diesen eben skizzierten Gang der Weltkultur und fragen wir uns, wo wir in dieser Entwicklung einen Haupteinschnitt zu machen haben, so ist es uns nicht zweifelhaft, dass wir den grossen Wendepunkt mit dem Erscheinen Christi auf Erden anzusetzen haben. Nur das Christentum gibt uns eine sichere Antwort auf die Frage nach dem woher und wohin der Menschheit. Christus ist der Mittelpunkt der Geschichte nicht nur für die übernatürliche Ordnung, sondern auch für die natürliche Ordnung. Er ist nicht allein der Stifter einer neuen Religion, sondern der Begründer eines neuen extensiv und intensiv vollkommenen menschlichen Kulturideals.

Man könnte und wird den Einwand erheben, dass wir damit in unberechtigter Weise den Massstab einer religiösen Weltanschauung an die Geschichte anlegen; aber ohne Weltanschauung kommt man überhaupt bei allgemeiner Betrachtung der Geschichte nicht aus. Das bekennen die Vertreter der verschiedensten Weltanschauungen, und diejenigen, welche es nicht thun, sind leicht zu überführen, dass sie sich dann in Selbsttäuschung befinden. So trage auch ich, als Rektor dieser Universität, welche das Bild des Heilandes als selbstgewähltes Symbol in ihrem Siegel führt, kein Bedenken, an der Wende der Jahrhunderte Christus als den Sohn Gottes zu bekennen und sein Erscheinen auf Erden als den Markstein zu bezeichnen, welcher die Weltgeschichte auf immer in zwei grosse Hälften teilt.

Leider müssen wir damit rechnen, dass diese Anschauung heute in den Kreisen der Gelehrten nicht mehr als eine selbstverständliche angesehen wird, sondern als der Ausfluss eines religiösen Vorurteils. Aber in einem Punkte darf ich vielleicht auf allgemeinere Zustimmung hoffen.

Es wird schwer geleugnet werden können, dass die vorchristliche, die heidnische Kultur eine beschränkte, einseitige war, weil der Kulturbegriff ein beschränkter war. Erst das Christentum lehrte uns eine weltgeschichtliche Betrachtung und gab uns den Begriff einer Kultur, welche für die ganze Menschheit, für alle Nationen, für alle Stände, für beide Geschlechter

in gleicher Weise Geltung haben sollte. Schon diese Erwägung berechtigt uns, so meine ich, in dem Auftreten des Christentums den grössten Einschnitt zu sehen, welcher die Weltgeschichte für immer in zwei Teile, eine vorchristliche alte Zeit und eine christliche neue Zeit teilen wird, nach welcher es keine Zeit mehr gibt, weil der Begriff der Weltkultur, nach dem er einmal erfasst ist, nie mehr ganz vergessen werden kann

Aber ist nicht innerhalb der beiden Hälften der Weltgeschichte eine Ansetzung von Unterabschnitten möglich? In der vorchristlichen Zeit, in welcher der Kulturbegriff ein auf nationale Kreise beschränkter war, werden wir diese Unterabschnitte in der herkömmlichen Einteilung nach nationalen Kulturcentren zu suchen haben. Wir werden die jüdische, babylonisch-assyrische, ägyptische, medisch-persische, griechische und römische Geschichte nach einander behandeln.

'Wie steht es aber mit der christlichen Zeit, die wir als die Neuzeit bezeichnet haben? Mir scheint es, dass zunächst die Betrachtung des zur Neige gehenden Jahrhunderts uns Anlass gibt, grade in diesem Jahrhundert einen neuen grösseren Abschnitt in der Weltgeschichte anzusetzen. Wir sagten vorhin, dass der Herd der Weltkultur in dem europäischen Abendlande ist. Aber ist die Kultur heute noch allein auf diesen kleinen Teil der Erdoberfläche beschränkt? Sehen wir nicht, wie von dem europäischen Abendlande aus die Kultur, der von dem Stifter des Christentums gegebenen Weisung folgend, sich immer weiter nach allen Seiten strahlenförmig ausdehnt? Kann es noch bestritten werden, dass zum mindesten ein Teil von Amerika in diesen Kreis aufgenommen werden muss? Hören wir nicht, wie in dem letzten Jahre dieses Jahrhunderts die Weltkultur dröhnend an die Pforten desjenigen Reiches klopft, das sich bisher am zähesten gegen das Eindringen dieser Kultur gewehrt hat? Die abendländische Kultur beginnt vor unsern Augen im wahren Sinne des Wortes zur Weltkultur zu werden, sich auszubreiten über die ganze Oberfläche der Erde.

So möchte ich meinen, wir hätten Grund dazu, die Zeit, in welcher die keimende Weltkultur auf das Abendland beschränkt war, als eine besondere Periode, als abendländische Periode

abzuschliessen, sie zu trennen von der Zeit, in welcher diese abendländische Kultur nun zur Weltkultur wirklich wird.

Fassen wir allein jene abendländische Zeit der Weltkultur ins Auge, und fragen wir, in welche Zeitabschnitte wir sie noch zerlegen könnten, so kommen wir zu einer Frage zurück, die wir vorher nur berührt, nicht völlig beantwortet haben. Wir sagten, dass die seit dem 17. Jahrhundert als Mittelalter bezeichnete Periode allerdings einen einheitlichen Charakter aufweist, den man deutlich erkennt, wenn man den Streit betrachtet, welcher wegen der Beurteilung dieser Periode entbrannt ist. Soll es nicht möglich sein, diese als Einheit erkannte Periode in einer positiven Art zu bezeichnen, so dass ihr Charakter damit ausgedrückt wird? Ich glaube, wir erreichen das, wenn wir sie als die kirchliche Periode der abendländischen Zeit bezeichnen. Die Kirche war im Mittelalter die vor allen andern massgebende Autorität. Wir wollen ihr damit nicht die Berechtigung absprechen, weiterhin Autorität zu sein. Aber jedenfalls ist es Thatsache, dass früher und später die Kirche nicht so allein massgebende Autorität in dem öffentlichen und privaten Leben war, als in den Zeiten des sogenannten Mittelalters. Es erkennen das ebensosehr diejenigen an, welche in dieser Periode eine Zeit des Verfalls sehen, wie diejenigen, welche das Mittelalter als die Glanzzeit christlicher Kultur betrachten.

Deutlich hebt sich die kirchliche Periode von der vorhergehenden Zeit wie von der nachfolgenden ab. In den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeit beherrschte der Gedanke des römischen Staates noch vollkommen die Geister. Das Christentum hatte einen dreihundertjährigen Kampf mit der heidnischen Gesellschaft und dem heidnischen Staat zu bestehen. Aber auch nachdem es aus der blutigen Verfolgung siegreich hervorgegangen war und durch Konstantin öffentliche Anerkennung erhalten hatte, musste es noch geraume Zeit in schmerzlicher Weise die Übermacht des römischen Kaisers als absoluten Herrschers und die Reaktion heidnischer Anschauungen erfahren. Der neue Wein war in alte Schläuche gefüllt, und das taugte zu nichts. Wir haben so in den ersten Jahrhunderten unserer christlichen Zeitrechnung eine Übergangszeit, die etwa bis ins sechste Jahrhundert

reicht, und die wir am richtigsten noch dem Altertum zuweisen. Das erkennen auch unsere Forscher auf dem Gebiete der Kirchengeschichte wie der christlichen Archäologie an, indem sie diese Übergangsperiode mit dem Worte: Christliches Altertum bezeichnen. Sie wollen damit sowohl die ältesten Zeiten des Christentums wie das Zusammenwirken jener einander bekämpfenden und doch wieder sich verbindenden Elemente kennzeichnen. Mit dem Christentum steht das Altertum im Kampf, insoweit dieses heidnisch ist. Das Christentum verbindet sich mit dem antiken Wesen, um die Kulturschätze des Altertums in sich aufzunehmen und sie hinüberzuretten über den Zusammenbruch des römischen Reiches.

In ähnlicher Weise haben wir auch eine Übergangszeit anzusetzen bei dem Ausgange der kirchlichen Periode. Das Papsttum hatte wohl in dem grossen Kampfe mit den Staufern äusserlich den Sieg davongetragen, aber um schweren Preis. Es musste sich an Frankreich anlehnen, und diese Anlehnung geschah auf Kosten seiner Selbständigkeit und Autorität. Die ersten Anzeichen von dem Sinken seiner Autorität erkennen wir in dem Kampfe Bonifaz VIII. mit Philipp dem Schönen. Der Kampf hatte eine symptomatische Bedeutung. Das Papsttum stiess hier mit einer neu aufstrebenden Macht zusammen, mit dem neu ausgebildeten Territorialstaate, der sich durch dienstbereite Beamte, eine immer feiner organisierte Verwaltung und feste Finanzquellen eine sichere Basis zu geben bestrebt war. Nirgends aber war dieses Staatswesen wohl so früh ausgebildet als in Frankreich. Höchstens das Königreich Neapel war Frankreich in etwas vorausgegangen. Auf die Niederlage, welche Bonifaz VIII. erlitt, folgten bald andere. Die Reformfrage, welche im 15. Jahrhunderte so sehr die Gemüter erhitzte, suchte man dadurch zur Ruhe zu bringen, dass das Papsttum Konkordate mit den einzelnen Staaten und Fürsten schloss. Schon vor dem 16. Jahrhundert sehen wir, dass die immer fester werdenden Territorialstaaten die Leitung der religiösen und kirchlichen Fragen in ihre Hände zu bringen suchen, bis dann in der Zeit der Glaubensspaltung die Landesfürsten den traurigen Grundsatz zur Geltung brachten, dass die weltliche Macht den Glauben der Unterthanen zu bestimmen habe.

Die neue Periode, welche nun anbrach, kennzeichnet sich dadurch, dass nicht mehr kirchliche Gesichtspunkte den Gang der Entwicklung in erster Linie bestimmten, sondern politische, nicht mehr die Kirche die allgemein massgebende Autorität war, sondern die politische Gewalt. Wir bezeichnen sie als politische Periode. Die politische Gewalt suchte nicht nur die kirchlichen Verhältnisse, sondern auch die geistige Bewegung, die Rechtsordnung, kurz die gesamte Kulturbewegung zu lenken und sich dienstbar zu machen. Auch die katholische Kirche vermochte kaum durch andere Mittel sich in der Verteidigungsstellung, in die sie gedrängt war, zu behaupten, als durch politische, indern sie sich eng anschloss an die Herrscherhäuser und Staaten, welche katholisch geblieben waren. Politische Heiraten spielten eine grosse Rolle. Dynastische Spannungen beherrschten die Geschichte. Den Höhepunkt erreichte diese Periode in der Zeit des Absolutismus.

Im 19. Jahrhundert herrscht wohl auch noch der Staat, die Politik ist einer der mächtigsten Faktoren in dem Gang der Ereignisse, aber nicht mehr der allein herrschende. Wir befinden uns schon wieder in einer Übergangsperiode. Der neue Faktor, welcher immer grössere Berücksichtigung erheischt, ist der soziale. Er macht sich zum ersten Male furchtbar bemerkbar in dem Sieg der französischen Revolution. Er zeigt sich in den sozialen Kämpfen der Gegenwart, er ist auch daran erkenntlich, dass die politischen Gegensätze nicht mehr einen rein politischen, dynastischen, sondern vielmehr einen nationalen und wirtschaftlichen Charakter haben. Er zeigt sich auch in der Wendung, welche die Interessen der Historiker nehmen, in der beherrschenden Stellung, welche die Soziologie anstrebt. Er bedingte ferner, dass bessere Zeiten wieder für die katholische Kirche anbrachen. Die Machtmittel der Kirche liegen nicht auf politischem Gebiet. Ihr eigentliches Arbeitsgebiet, auf dem sie zu Hause ist, auf dem sie ihre ersten Triumphe errungen hat, ist das soziale. In dem Masse als soziale Kräfte zur Bedeutung kamen, konnte die katholische Kirche zeigen, dass sie besonders durch ihre weiten Ziele und durch ihr gerechtes Masshalten die grössten sozialen Kräfte auslösen kann. Es sind das ja die Kräfte, mit denen sie einst das römische Reich überwunden hat. Allem

Anscheine nach werden soziale Fragen auch weiter in noch höherem Masse die Geschichte beherrschen, so dass ich glaube, wir werden vielleicht bald deutlich begründeten Anlass haben, von einer sozialen Periode zu reden.

Um den Überblick zu erleichtern, fasse ich das Gesagte noch einmal kurz zusammen. Ich unterscheide Altertum und Neuzeit. Den Markstein zwischen beiden sehen wir in Christus. Die ersten 6 Jahrhunderte nach Christus bilden eine Übergangszeit. welche wir im allgemeinen noch dem Altertum zurechnen werden, obgleich jede Geschichte der christlichen Kultur mit ihr beginnen wird. Sodann bezeichneten wir die Zeit vom 7. bis 19. Jahrhundert als das abendländische Zeitalter, welches wir wieder einteilen in die kirchliche (7.-16. Jahrhundert.), politische (16.-19. Jahrhundert) und soziale Periode (19. Jahrhundert).

Zum Schlusse möchte ich noch zwei Einwänden entgegentreten.

Man wird zunächst darauf hinweisen können, dass es an scharfen Grenzen zwischen den einzelnen Perioden fehle. Eine solche scharfe Abgrenzung halte ich aber von vornherein für problematisch. Es wird immer eine Mannigfaltigkeit der Meinungen über die Scheidepunkte grosser Perioden geben, gleichviel welche Perioden man annimmt. Auch heute wird der Beginn des Mittelalters verschieden angesetzt, indem die einen sich für den Einfall der Hunnen in Europa, die andern für die Regierung Chlodwigs oder für den Untergang des weströmischen Reiches erklären. Aber auch für die Ansetzung des Unterganges des weströmischen Reiches stimmen die Meinungen nicht überein. Während man früher als bezeichnend dafür die Absetzung des Romulus Augustulus ansah, plaidiert jetzt kein geringerer als Mommsen mit gewichtigen Gründen dafür, dass erst der Untergang des Ostgotenreiches den Ausgang des weströmischen Reiches bezeichne. Ähnlich geht es mit der Abgrenzung zwischen Mittelalter und Neuzeit. Wesentlich scheint mir nur dies zu sein, dass man sich auf einen Gesichtspunkt einigt, nach welchem man eine Periode positiv charakterisiert. Lamprecht hat durch dieses Wertlegen auf die Charakterisierung von Perioden ohne Zweifel sich ein Verdienst erworben, so ungerechtfertigt auch die thatsächliche Charakterisierung seiner Perioden in der deutschen

Geschichte erscheint. Wenn man sich auf die Charakterisierung einer Periode geeinigt hat, dann ist es unwesentlich, ob man dieses oder jenes Faktum für den Beginn beziehungsweise den Schluss einer Periode als massgebend ansieht. So erscheinen mir für den Beginn des abendländischen Zeitalters wie der kirchlichen Periode charakteristisch die deutlich hervortretenden Merkmale einer Absonderung des europäischen Abendlandes von dem Morgenlande und die Einigung des Abendlandes in dem Glauben der römischen Kirche. Ich möchte meinen, dass diese Merkmale insgesamt zum ersten Male deutlich sich erkennen lassen in dem Pontifikat Gregors des Grossen, als einerseits die Langobarden in Italien immer energischer Fuss fassten und das Papsttum in eine Politik drängten, welche endigt mit der Abwendung des Papsttums von dem Morgenlande und der Vereinigung mit dem Abendlande; als anderseits statt des arianischen Bekenntnisses der Glaube der römischen Kirche in den germanischen Staaten allgemein zur Herrschaft gelangte und in dem Lande der Angelsachsen jene römischen Mönche erschienen, welche die Schule der angelsächsischen Missionäre begündeten, die am meisten für die Einigung des Abendlandes unter Roms Führung gewirkt haben. Ich bestreite aber dabei keineswegs, dass man mit gutem Recht auch aus späterer wie früherer Zeit andere Merkmale für den Beginn der Absonderung des europäischen Abendlandes und die Einigung des Abendlandes in dem Glauben der römischen Kirche anführen kann.

Es ist leicht erklärlich, warum es so schwierig ist, nur ein bestimmtes Faktum für die Abgrenzung zweier Perioden anzugeben. Der Grund liegt in dem ununterbrochenen Zusammenhange der Ereignisse.

Diese Thatsache ist aber anderseits der Ausgangspunkt für einen andern grundsätzlichen Einwand geworden, den man überhaupt gegen jede Periodisierung erhebt. Es ist bekannt, dass Ranke, dessen Name auch heute noch in den Kreisen der deutschen Historiker der gefeiertste ist, bewusst jeder Periodeneinteilung in seiner Weltgeschichte aus dem Wege ging. Wir bestreiten es keineswegs, dass die Entwicklung in der Weltgeschichte in fortwährendem Flusse ist und nirgends eine plötzliche Unterbrechung wahrzunehmen ist, die handgreiflich

einen jeden nötige, den Wechsel zweier Perioden hier und nirgendswo anders anzusetzen. Das ist ja so selbstverständlich, dass kein Historiker es bestreiten wird. Aber das praktische Bedürfnis wird immer nach einer Periodisierung der Geschichte verlangen, und die Führer der Geschichtsforschung vernachlässigen meines Erachtens eine ihnen zukommende Pflicht, wenn sie die Befriedigung dieses praktischen Bedürfnisses den Verfassern von Schulbüchern überlassen. Nur dann, wenn auch die Führer an der Erörterung ernsten Anteil nehmen, werden wir zu einer relativ befriedigenden Lösung dieser Frage gelangen.

Ich erhebe nicht den Anspruch, eine allen berechtigten Anforderungen völlig entsprechende Einteilung geboten zu haben. Die Anforderungen sind sehr gross und sehr verschieden. Meine Absicht war nur, einen auf ernste Gründe gestützten Vorschlag zu machen, und mein Wunsch ist, dass, wenn der hier gebotene nicht befriedigt, andere Vorschläge sich ihm anreihen mögen.